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Eigentlich sollten sie zur Eröffnung des arabischen Kulturzentrums spielen. Die acht Musiker des ägyptischen Polizeiorchesters steigen jedoch in den falschen Bus und stranden in einer israelischen Wüstensiedlung. Inmitten der Ödnis gewährt ihnen Bistrobesitzerin Dina Gastfreundschaft. Was sich in dem Film „Die Band von nebenan“ dann entwickelt ist für Marli Feldvoß „Völkerverständigung par excellence“. Regisseur Eran Kolirin finde den „richtigen, nicht überdrehten Komödienton“ für sein Thema „Warten“: Die Musiker warten auf ihren Auftritt, die Dorfleute auf Frieden und das Ende von Langeweile und Einsamkeit.
Wie vom Himmel gefallen erscheinen die ägyptischen Polizisten in ihren adretten himmelblauen Galauniformen mit passender Schirmmütze plötzlich auf der Bildfläche. Aufgereiht wie die Orgelpfeifen warten die acht Musiker auf das ihnen zustehende Empfangskomitee auf israelischem Boden, aber nichts geschieht. Keine Seele weit und breit, um die ungewöhnlichen Gäste zu empfangen, die zur Eröffnung eines arabischen Kulturzentrums aufspielen sollen. Ägypter auf Friedensmission. Ratlos. Da bleibt nur der Griff zum Telefon, doch die Botschaft lässt ihre Landsleute in der Warteschleife hängen. Aber sie werden nicht nur vergessen, sondern auch noch in die Wüste geschickt. Durch die Verwechslung ähnlich klingender Ortschaften landet die stolze Truppe schließlich mit dem Bus auf verlorenem Posten irgendwo in der israelischen Wüste.
Kein Ort. Nirgends. Nur die Telegrafenmasten verlieren sich entlang der schnurgeraden Piste am fernen Horizont. Und ein paar lieblose Siedlungsbauten sind im Umfeld der einzigen Bushaltestelle und des öffentlichen Telefons gruppiert, um so etwas wie Dorf zu suggerieren – was verdächtig an die umstrittene Bevölkerungspolitik Israels erinnert. Die wenigen, lethargisch anmutenden Einwohner haben sich offenbar längst in ihr Schicksal ergeben. Nur die unverwüstliche Bistrobesitzerin Dina (Ronit Elkabetz), eine echte Pionierseele mit dem Herz auf dem rechten Fleck, macht eine Ausnahme und offeriert den Gestrandeten nach nur kurzem Zögern: Gastfreundschaft.
So erwärmt sich bei einem Teller Suppe und mit Hilfe des hingestotterten Englisch – Schritt für Schritt – der „kalte Frieden“, der nach dem heißen Krieg mit dem Nachbarland, lang ist’s her, angebrochen ist. Mit dem Anführer Tewfiq (dem bei Film, Fernsehen und Bühne beliebten Sasson Gabai), dem Ältesten der Truppe, dem Jüngsten, Schwerenöter Khaled (Sale Bakri), der bereits die falsche Busverbindung ausgekundschaftet hatte, weil ihm das Flirten mit der Schalterdame wichtiger war und eben jener an erotischer Direktheit schwer zu überbietenden Dina ist das Trio beisammen, das fortan einen Spielfilm lang Völkerverständigung par excellence praktizieren wird.
Dina spricht es unverblümt aus: „Kein arabisches Kulturzentrum. Überhaupt keine Kultur. Scheißgegend!“ und schwelgt in ihren Jugenderinnerungen, als es nur einen israelischen Fernsehkanal gab und jeden Freitagnachmittag die ägyptischen Melodramen Straßenfeger spielten. All das sei mit der Globalisierung verloren gegangen. Und noch viel mehr suggeriert Regisseur Kolirin mit jeder Einstellung, jedem Wort, jedem beredten Schweigen. Mit jeder Geste unterstreicht er die zurückhaltende altmodische „Kultiviertheit“ der Ägypter gegenüber der „Unkultur“ seiner Landsleute, die zudem die einfachsten Regeln der Liebeskultur vergessen zu haben scheinen. Khaleds Glanznummer: wenn er dem jungen Israeli zeigt, wie man mit einem jungen Mädchen anzubandeln hat. Ganz ohne Worte. Oder das gemeinsame Anstimmen von Gershwins „Summertime“ in der Familienrunde, was eine ganze zerstrittene Familie wieder zu einen scheint, ohne aufdringlich oder überladen zu wirken.
Regisseur Kolirin findet ganz einfach den richtigen, nicht überdrehten, sondern gedehnten Komödienton, um das große Thema seines kleinen Films zu intonieren: das Warten. Die Ägypter warten vielleicht nur auf den nächsten Tag und auf ihren Auftritt, die Israelis aber warten schon lange auf den Tod der Langeweile, auf das Ende der Einsamkeit, auf den Frieden, der ihrem kriegerischen Land wieder Spielraum für Muße, Zärtlichkeit und Liebe bringen würde. Mit offenem Haar und rotem Kleid führt Dina den melancholischen Tewfiq mit seinem Pokerface ins einzige Lokal des Ortes – und wartet. Dann sitzen die beiden auf der einzigen Bank des Ortes, und sie zaubert das Flair eines Parks herbei. Wieder Warten. Auf die Innigkeit.
Mit dieser „Liebesszene“ ist der Film auf der Höhe seiner Kunst angelangt, gleitet mühelos von der Komödie ins Melodram, ins Meer der Melancholie, die alle Schleusen öffnet. Dass Dina später ihren Wein mit dem jungen Khaled trinkt, ist gar nicht mehr so wichtig, denn das eigentliche Filmwunder ist längst vollbracht.
Erstveröffentlichung: epd Film, 2/2008
Eran Kolirins neuster Film „Some Notes on the Current Situation“ – sechs Episoden aus einem Land nach dem 7. Oktober – von 2025 ist noch nicht in deutschen Kinos angelaufen.
Erstellungsdatum: 13.09.2026