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Martin Lüdke über die Ausstellung „Monets Küste“ im Städel in Frankfurt am Main

Die eine Attraktion ist die Steilküste, die von stürmischen Meereswellen zum gigantischen Bauwerk geformt wurde; die andere ist das wechselnde Licht, das die Maler für ihre Inszenierung dieser Architektur nutzten. Eine Ausstellung im Frankfurter Städel zeigt, wie Claude Monet, seine Vorgänger und seine Nachfolger im Fischerdörfchen Étretat in der Normandie die Natur zur Kunst machten und sich als Geburtshelfer des Impressionismus erwiesen. Martin Lüdke, der die Schau besuchte, hat dort das Erhabene gefunden.
Im Frankfurt Städel wird noch bis zum 5. Juli die höchst sehenswerte Ausstellung „Monets Küste“ präsentiert. Das kleine Fischerdorf, unweit von Calais, besitzt aufgrund seiner Lage, der kleinen Buchten und der riesigen (Kreide-)Felsen, die dort buchstäblich ins Meer und gewaltig aus dem Meer ragen, noch heute keinen Hafen. 1102 Einwohner sollen dort wohnen. Aber immerhin 1,5 Millionen Besucher werden dort Jahr für Jahr erwartet. Auch wegen der Lage. Mehr wegen der Ansichten. Und der Aussichten. Vor allem aber wegen der Bilder, die seit etwa zweihundert Jahren diese Ansichten & Aussichten wiedergegeben haben.
Zwischen 1864 und 1886 hatte sich Monet oft in dieser Gegend aufgehalten. Und berühmte Bilder geschaffen. Er arbeitete vorzugsweise in der Natur, das heißt dicht am Ufer des Meeres, zog dann mit seiner gesamten Ausrüstung direkt ans Wasser, Staffelei, Leinwand, oft sogar mit mehreren Leinwänden, um die wechselnden Lichtverhältnisse entsprechend einzufangen. Einmal, so sein späterer Bericht, musste er erleben, dass auch diese Art der Malerei nicht ganz ungefährlich ist. Zwar besaß er einen Kalender, an dem er die Gezeiten ablesen konnte, um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Eines Tages hatte er aber versehentlich den Kalender vertauscht und deshalb, in seine Arbeit vertieft, nicht bemerkt, wie stark das Meer bereits angestiegen war – bis plötzlich eine größere Welle kam, ihn mitsamt seiner Staffelei, seinen weiteren Gerätschaften umriss und ins Wasser zog. Mit Mühe und Not konnte er sich selbst schließlich retten, seine Ausrüstung war verloren.
Er konnte, verständlicherweise, diesen Vorfall nicht vergessen. Aber auch deshalb sind an diesem Ort und von diesem Ort unvergessliche Bilder entstanden. Das kleine Fischerdörfchen wurde, siehe oben, weltweit berühmt. Durch die Felsen, die steil aus dem Meer ragen. Die hohe, breite Tore bilden. Die sich wie ein Elefantenrüssel ins Wasser neigen. Die einfach ein kolossales Naturspektakel präsentieren und nun fast seit zweihundert Jahren Maler magnetisch anziehen und in deren Folge, Kunst-Enthusiasten, Schlachtenbummler, den Massentourismus. Monet war also nicht der Einzige, den dieser Ort angezogen hatte. Und schon gar nicht war er der Erste. Und nicht nur Maler sind dem Ruf des Ortes gefolgt. Victor Hugo zum Beispiel, der mit seiner Geliebten, einer Schauspielerin, Etretat besuchte, schrieb von dort aus seiner Frau:
„Die riesige Klippe ist steil, der große Bogen ist offen, sodass man durch ihn hindurch einen zweiten erblicken kann. Überall liegen große Kapitelle, die vom Ozean grob bearbeitet wurden. Das ist die gigantischste Architektur, die es gibt.“

Es ist die Natur, die sich hier zur Schau stellt. Es sind die Maler, die sie ins Bild setzen. Eine stattliche Reihe, angefangen mit Eugene Isabey, Delacroix, Le Pottevin, Corot, bis hin zu Courbet, Monet, Vallotton und Matisse, und es sind die Schriftsteller, von Victor Hugo über Charles Baudelaire bis hin zu André Gide und sogar Georges Simenon, die den Ruhm der Gegend mehren. In Etretat hatten die Künste ihren Ort gefunden.
Der Ort selbst, ein kleines Fischerdörfchen, ohne Hafen. Nix Besonderes. Aber seine Lage. Es gibt viele Bilder davon. Doch die meisten zeigen: das Meer. Und das, was es umspült.
Unser aller Immanuel Kant, der sein Leben lang nicht aus Königsberg herausgekommen war, immerhin hatte er dort das Meer vor der Tür, aber die Berge nur vor seinem inneren Auge. Kant hatte in seiner Ästhetischen Theorie, die er „Kritik der Urteilskraft“ nannte, unterschieden zwischen dem Schönen und dem Erhabenen. Was er damit meinte, wird gleich am Eingang der Frankfurter Ausstellung sichtbar. Nicht die Naturschönheit als solche. Sondern das Erhabene. Auf zwei riesigen, viele Meter hohen, in einem weiten Winkel abgeknickten Stellflächen laufen gleichsam in Zeitlupe die Videoaufnahmen der Bucht von Etretat. Das Bild so vieler Bilder. Kein Spektakel. Eher im Gegenteil. Ganz ruhig fährt die Kamera vom Wasser aus über die Felsmassive, die bizarren Ausformungen, die aus dem Wasser, und die, das ist das Besondere, auch ins Wasser ragen.

Kant: „Erhaben ist das, mit welchem im Vergleich alles andere klein ist.“ Genau das wird hier sichtbar.
Also „was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemüts beweiset, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft.“ Die schiere Größe.
Also „die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt.“
Doch selbst das weite, unendliche Meer, mit seinen hohen Wellen, die endlos gegen das Ufer rollen, wirkt gleichsam bescheiden gegen die monumentalen Felsmassive, die immer den Hintergrund bilden für die nicht minder monumentalen Skulpturen, die sich da im und aus dem Wasser gebildet haben.
Mit Hegel hatte sich das Erhabene aus der ästhetischen Theorie bereits wieder verabschiedet. Denn Kunst ist Artefakt. Und das, was den Maßstab aller Sinne übertrifft, wird regelrecht eingeebnet. Auf der Leinwand gebannt.
Während man früher gut zwei volle Tage brauchte, um mit der Postkutsche von Paris nach Etretat zu kommen, benötigt die um 1850 herum gebaute Eisenbahn gerade mal noch vier Stunden. An der Entdeckung von Etretat zeigt sich also auch deshalb die Bruchstelle, nämlich der Übergang zur Moderne. Adorno hätte diese Differenz sicherlich als den „Unterschied ums Ganze“ bezeichnet. Hier zeigt sich also eine Zäsur.
Nämlich auch der Übergang der klassischen Malerei zum Impressionismus. Denn nahezu zeitgleich mit der Entdeckung von Etretat begann auch in Westeuropa die industrielle Revolution. Naturgewalten wurden als beherrschbar angesehen. Die Natur wurde tatsächlich mehr und mehr beherrscht. Der romantische Landschaftsmaler Eugene Isabey (1803 – 1886), übrigens der erste Künstler, der sich für längere Zeit in Etretat aufgehalten hat, und sowohl Meer, Brandung, die Felsformationen, aber auch das dörfliche Leben des Fischerdorfes dokumentierte, zeigt auf seinen geradezu zeitlosen Bildern ein im Wortsinn zeitloses Bild des dörflichen Lebens. Die Bewohner von Etretat waren in dieser Zeit tatsächlichen noch den Naturgewalten, mehr oder weniger hilflos, ausgesetzt.

Isabey spielte hier eine Art Vorreiterrolle. Er zog die Kollegen nach, darunter Paul Huet (1803 – 1869), und auch Eugene Le Pottevin (1806 – 1870). Sein Gemälde „Das Seebad. Der Strand von Etretat.“ wird 1865 von Napoleon III. für den Elysée-Palast erworben, was dem Ruf des Ortes durchaus zuträglich war. Auch Gustave Courbet hatte nun den Ort für sich entdeckt. Im Pariser Salon von 1870 erzielte er mit den Gemälden „Das stürmische Meer“ und „Die Klippen von Etretat“ großen Erfolg. Das Genre bekam Konjunktur. Wie später auch Monet konnten die Maler mit solchen Bildern durchaus nennenswerte Einkünfte erzielen. In diesen Bildern zeigt sich, geradezu ironisch gebrochen, der Triumph des Menschen über die Natur. Naturgewalt wird ausgestellt – und, dekorativ, in den Salon gehängt.
Besonders erwähnenswert ist eine auf vier breiten Holzbohlen gemalte Ansicht der Bucht von Etretat, die Eugéne Le Pottevin 1842 für das Hotel Blanquet als Türschild gemalt hatte. Licht, das durch die Wolken die Bucht beleuchtet, schwere Wolken am Horizont, das ruhige Meer, die Felsmassive, im Hintergrund der Bogen, ein kleines Fischerbootchen und das Treiben am Strand, detailreich und großartig komponiert, auf, wie gesagt, vier Brettern.
Schon 1864 hatte Claude Monet erstmals das Fischerdörfchen an der Küste der Normandie erstmals besucht. Er sollte viele Jahre wiederkehren, und seine Bilder machten den Ort nun vollends berühmt. Und, in der Folge, ihn auch finanziell sorgenfrei. Monet war zwar in Paris geboren (1840), aber unweit von Etretat, in Le Havre, aufgewachsen. In Etretat vollzieht er auch seine Wendung zum Impressionismus. Nicht mehr das Abbild der Realität wird gesucht, sondern das Bild, das eine eigene Wirklichkeit etabliert. Zwischen 1864 und 1886 entstehen in Etretat allein 80 Gemälde, dazu Pastelle und Zeichnungen. Gut dokumentiert ist auch seine Absicht, die bisherige Art der Darstellung hinter sich zu lassen. Er schreibt an einen Freund: dass er eine einfache Studie direkt vor der Natur angefertigt habe, die zwar einen deutlichen Bezug zu Corot erkennen lasse, ohne ihn aber zu imitieren. Auch farblich orientiert er sich an ihm. Diese Studien hat er dann in seinem Atelier ausgearbeitet. Er war also dabei, eine neue Art der Malerei (auch für sich) zu entwickeln. An seine zweite Frau Alice (Camille war unterdessen gestorben) schreibt er schließlich:
„Ich habe vor ein großes Gemälde der Klippen von Etretat anzufertigen, obwohl es schrecklich gewagt von mir ist, dies nach Corot zu tun, der sie so wunderbar wiedergegeben hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen“.
Er malt viele Bilder mit dem exakt gleichen Motiv, aus dem gleichen Blickwinkel, nur, und das hat ihn daran gereizt, bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Leichter Nebel, dichte Wolken, fast blauer Himmel und immer ein anderes Licht. Gereizt hat ihn möglicherweise auch noch, dass sich diese Bilder immer besser verkaufen ließen. Monet hat der Ausstellung im Städel den Titel gegeben. Aber „Monets Küste“ ist von zahlreichen Malern abgebildet worden. Viele von ihnen sind mit teilweise großen Werken auch zu sehen. Es sind Bilder einer Zeitenwende.

Doch fast alle Künstler, die nach Etretat reisen, schreibt Pierre Wat, kehren der Steilküste nach einiger Zeit wieder den Rücken zu. Er vermutet eine Art Selbstschutz. Das spricht nun doch wieder für eine Wiederbelebung von Kants Begriff des Erhabenen. Etwas, was „jeden Maßstab der Sinne“ übertrifft. Dort, wo die Wellen mit voller Macht an die Felswände schlagen, entscheidet sich diese Frage. Dort, wo das Bild die Gewalt der Natur unvermittelt darstellen will, kann Kant noch um die Ecke gucken. Dort aber, wo das Bild nicht länger beansprucht, ein Abbild seines Gegenstands zu sein, dort haben wir, zugunsten der Kunst, die Realität hinter uns gelassen.
Wenn man nun trotzdem die Räume im Anbau des Städel verlassen will, steht man wieder unter dem riesigen Panorama der Wellen, der Wolken, der Klippen, der Felsformationen. Und zieht schließlich, mindestens, beeindruckt von dannen.
„Monets Küste – Die Entdeckung von Etretat“ – diese Ausstellung läuft im Frankfurter Städel wirklich nur noch bis zum 5. Juli 2026. Beeilung ist angeraten.


Ausstellungskatalog
Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat
Herausgegeben von
Alexander Eiling
Eva-Maria Höllerer
Stéphane Paccoud
Isolde Pludermacher
280 Seiten, 274 Abb.
28 x 23 cm, Hardcover
ISBN: 978-3-7774-4636-3
Hirmer Verlag
Erstellungsdatum: 15.06.2026