MENU
Text/Film/Ton Collage zu Marie Luise Kaschnitz Frankfurt liest ein Buch

Der Fokus der Textauswahl liegt auf dem zugleich privaten wie öffentlichen, allgemein menschlichen wie literarischen Blick von Marie Luise Kaschnitz auf die Leerstellen, Umbrüche und Baustellen der Stadt Frankfurt. Bis heute ist Frankfurt ein Stadtgebilde in ständiger, Wandlung, die seine Bewohner:innen innerlich wie äußerlich zu immer neuen Umorientierungen zwingt.
Bereits in den 1960er- und 70er-Jahren nahm die Stadt in dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle ein. Als „Trümmerbraut“ des Krieges, wie Kaschnitz Frankfurt nennt, befand sie sich im Aufbruch in die Moderne: U-Bahn-Bau, Hochhäuser und die tiefgreifende Umgestaltung des Westends prägen diese Zeit. In der Wiesenau, nahe dem Zentrum, lebte die Autorin in einem bürgerlichen, architektonisch schlichten Mehrfamilienhaus – gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Mann, dem Archäologen Guido von Kaschnitz-Weinberg, der an der Goethe-Universität lehrte. Unweit davon befand sich auch der Suhrkamp Verlag, bei dem sie ihre Werke veröffentlichte.
Noch bevor der Häuserkampf im Westend offen ausbrach, kündigte sich die radikale Veränderung bereits an: durch Gerüchte, kurze Meldungen, erste Zeichen der Verdrängung. Kaschnitz ahnt, was kommen wird – den Verlust ihrer Wohnung, ihrer Nachbarschaft, ihres vertrauten Lebensraums. Bäume, Vorgärten, kleine Läden, Menschen: all das, was einen Ort zum Zuhause macht, steht zur Disposition.

Zwischen genauer Beobachtung von Räumung, Verfall und Abriss und der eigenen existenziellen Bedrohung versucht sie, Abschied zu nehmen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf die Dinge und Erinnerungen: Möbel, Räume, Stimmen, Begegnungen, Spuren von Leben und Liebe. In der Spannung zwischen Festhalten und Loslassen wächst zugleich die Hoffnung, dass ein radikaler Bruch auch Befreiung ermöglichen kann.
Kaschnitz geht es nicht um die Bewahrung des bloß „Schönen Alten“, sondern um die inneren Erschütterungen, die gewaltsame äußere Veränderungen auslösen. Wenn abends die Lichter in den Häusern verlöschen und neue Strukturen an die Stelle gelebten Lebens treten, beginnt für viele die Notwendigkeit, sich neu zu verorten – innerlich wie äußerlich.
Mit großer Klarheit und Nüchternheit beschreibt sie diese Prozesse und findet darin eine eigene, neue Position. Anders als viele ihrer Nachbarn musste sie ihre Wohnung nicht verlassen. Doch die Veränderungen, die sie beobachtete, prägen bis heute das Bild der Stadt – bis hin zum heutigen „Mainhattan“.
Auch später setzt sich diese Entwicklung fort: 2011 wird das Suhrkamp-Verlagshaus, einst ein geistiger Mittelpunkt der Stadt, abgerissen. Die Filmemacherin Sabine Loew hat diesen Prozess aus nächster Nähe dokumentiert. Ihr Film begleitet die Lesung wie ein visuelles Echo der beschriebenen Umbrüche.
Cornelia Niemann liest ausgewählte Texte in unterschiedlichen „Stimmlagen“. Die Posaunistin Annemarie Roelofs gestaltet mit Klang und Geräusch eine musikalische Ebene, die das Geschehen atmosphärisch erweitert.
Ergänzt wird die Veranstaltung durch Stadtskizzen des Malers und Grafikers Archibald Bajorat (1923–2009) sowie einen Büchertisch der Karl-Marx-Buchhandlung.
In der Verbindung von Text, Film, Bild und Musik entsteht ein vielschichtiger Blick auf Stadt, Veränderung und Erinnerung.
Arrangement und Gestaltung: Cornelia Falkenhan
Robert-Mayer Str. 49
60486 Frankfurt
24. Und 25. April 2026
19 Uhr
Eintritt Frei / Spende willkommen
Erstellungsdatum: 15.04.2026