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Andrea Richter über Dagmar Manzel in der Oper Frankfurt

Für eine grandiose Show braucht es nicht mehr als einen Koffer voller kleiner Requisiten, Tisch, Stuhl, Schreibmaschine, Instrumente und leidenschaftliche Künstler:innen. Dagmar Manzel und ihre Band sind solche und brachten, wie Andrea Richter berichtet, in der Oper Frankfurt das Publikum zum Lachen und Weinen, zum Träumen und Mitsingen und zu der Erkenntnis, dass sich das Allzu-Menschliche wohl nie ändert, egal zu welcher Zeit und in welchem Gewand es daherkommt.
Dass der Begriff Rampensau für Dagmar Manzel im besten Sinne des Wortes gilt, wissen die Berliner schon lange. Als Schauspielerin war sie eines der prägenden Gesichter des Deutschen Theaters schon zu DDR-Zeiten, wo sie auch ihre gesanglichen Fähigkeiten entdeckte und anschließend insbesondere in der Komischen Oper in Operetten- und Musical-Produktionen vom Intendanten und Regisseur Barrie Kosky das Publikum zu Jubelstürmen hinriss und dem Haus mit zu neuer, internationaler Attraktivität und Auslastung verhalf. Seit Sommer 2023 wird es saniert und erweitert, das Ensemble ist auf Ausweichbühnen in der ganzen Stadt unterwegs und wird es wohl mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts noch bleiben. Manzel tourt mit unterschiedlichen Programmen und Begleitungen durch die Republik, abgesehen von ihren Einsätzen als begehrte Filmschauspielerin.
Wer das Glück hatte sie in Frankfurt zu sehen und zu hören, erlebte eine Frau mit 1000 Gesichtern und Ausdrucksmöglichkeiten. Eine, der die Bühne eine Bühne für das Ausleben sämtlicher menschlicher Gefühle bietet, eine, die ihr Handwerk so gut beherrscht, dass sie die Zuschauerin wie ein Magnet in jede von ihr erzeugte emotionale Situation unweigerlich hineinzieht, sie zur eigenen macht. Sie lockt und verlockt, mal Slapstick-artig, mal melancholisch oder wehmütig, mal zart, mal wuchtig. Sie zieht in jeder Minute alle Register und scheint dessen nie müde zu werden. Einfach grandios!

Los ging es mit ein paar Takten Tango-Musik, in die eine Art Tramp hereinstolpert, der hektisch- umständlich beschreibt, dass er in zehn Minuten einen Termin als Stenotypist aus Berlin extra angereist beim Intendanten der Oper, Herrn Loebe, habe und vom Inspizzienten geschickt worden sei, um mitzuteilen, eine gewisse Frau Menzel habe Verspätung und sie sollten schon mal anfangen. Er selbst wolle noch etwas erledigen, hebt eine Schreibmaschine auf einen Tisch und stimmt schwungvoll zu den Klängen der Band zum Typewriter-Song von Leroy Anderson an. Und weil die Erwartete zu seiner Empörung noch immer nicht erschienen ist und er zudem aus einem herumliegenden Koffer einen Riesen-BH zieht, lamentiert er: „Ick wunder mir über jarnischt mehr“, ein Lied des Berliner Sängers und Komikers Otto Reutter (1870-1931), der in den 1920er Jahren mit seinen Couplets im Wintergarten auftrat (Kurt Tucholsky schätzte ihn sehr). Der Text wurde etwas „modernisiert“, die Frankfurter Würstchen blieben aber zur Freude des Publikums drin. Zu den Klängen des wunderbar arrangierten Musikstücks „Youkali“ von Kurt Weill (1850-1950) verschwindet der Tramp und kehrt als elegante Lady in Schwarz zunächst mit drei Liedern von Friedrich Hollaender (1896-1976) zurück. Zwei rankten sich um das Thema des Abends: „Sehnsucht“. Im Dritten hingegen, ließ Manzel als „Circe“ die Sau raus. Politisch total inkorrekt und herrlich! Von Hollaender präsentierte sie später noch weitere Lieder. Eine blonde Lang-Haar-Perücke auf den Kopf und französischen Akzent auf die Zunge und so mutierte sie erst zur „Toujours l`amour“ (Paul Abraham 1892-1960) sopran-seufzenden Chanteuse, mit Baströckchen, dann zur Rumba-Tänzerin oder mit einem Tuch um die Schultern zu einer Russin, der sie eine melancholische Tango-Melodie und russische Worte der Liebe des dort einst wie heute beliebten Liedes „Serdste“ (Сердце = Herz) von Isaak O. Dunajewski (1900-1955) in den Mund legte. Oder sie wurde „Das Nachtgespenst“ (Musik: Rudolf Nelson 1876-1960, Text: F. Hollaender), als das ein älterer, tagsüber solider Beamter, nachts ins Schlafzimmer eines jungen Mädchens eilt, weil er seiner Ehefrau überdrüssig ist. Urkomisch und wieder einmal politisch völlig inkorrekt! So sehr, dass die Bandmitglieder unter Protest die Bühne (für die Pause) verließen.

Dramatisch der Beginn des zweiten Teiles des Abends: Helmut Oehrings (* 1961) atonale Komposition für Akkordeon aus dem Jahr 2015 „Gestopfte Stille“. Dieses Stück ist Teil des vokal-instrumentalen Melodrams „Ágota? Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo)“. Es zeichnet Szenen des Lebens der nach dem Ungarn-Aufstand 1956 in die Schweiz geflüchteten Dichterin Ágota Kristóf nach, die dort ihrer Muttersprache beraubt plötzlich auf Französisch schreiben lernen musste und darunter sehr litt. Nicht ganz, aber doch etwas ähnlich das Schicksal Oehrings selbst, der gehörlose Eltern hatte, und erst bei Pflegeeltern sprechen lernte. „Die Stille stürzt“ dann das Lied, das Manzel à capella sang. „Die Stille stürzt auf die Bäume, auf den fahlen Wald“ heißt es darin und sie wirkte dabei auf der Bühne so einsam, dass es einem das Herz zerriss. Sie hatte übrigens bei der Uraufführung des Werkes 2016 in Wiesbaden die Rolle der Ágota sowohl schauspielerisch als auch sängerisch interpretiert. Danach ein kaum zu überbietender Gegensatz: „Die Ballade von der Hannah Cash“ (Musik Ernst Busch, Text Berthold Brecht), eine arme Frau, die ganz bei sich angekommen die Liebe ihres Lebens gefunden hat, träumerisch, zart gesungen von der Manzel. Mit „Good night“ (Gib mir zum Abschied noch einmal die Hände …) von Paul Abraham verließ sie die Bühne, wogender Applaus. Doch die Band spielte weiter und … der Tramp kam zurück, um noch Otto Reutters Tipps „Bevor du sterbst“ loszuwerden: „Wenn sie die sehen (die leere Kasse) … dann weinen sie richtig. Und wenn sie weinen, zeig ihnen deine Lende und lach dich tot. Das ist das schönste Ende“. Ja, man sollte die Ratschläge vor dem endgültigen Abtritt bedenken! Der Tramp lachte jedenfalls hingebungsvoll bösartig-hexisch darüber und das Publikum mit Ihm. Das sie anschließend zum Mitsingen von Werner Richard Heymanns (1896-1961) „Irgendwo, auf der Welt, gibt’s ein kleines bisschen Glück“ animierte, was es gerne annahm. Charmanter als Manzel sich endgültig verabschiedete, kann man es nicht tun, und zwar mit Friedrich Schröders (1910-1972): „Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen“, in dem es heißt: “Läg` es in meinen Händen, ließ ich Sie jetzt nicht gehen … Wir werden jede Nacht von Ihnen träumen und warten auf ein Wiedersehen“.
Aber gerne doch, Frau Manzel, jederzeit!

Besetzung
Gesang: Dagmar Manzel
Violine: Daniela Braun
Gitarre und Oud: Ralf Templin
Akkordeon und Theremin: Felix Kroll
Bass: Arnulf Ballhorn
Klavier: Frank Schulte
Erstellungsdatum: 06.06.2026