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Martin Lüdke über die Günther-Uecker-Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Ist der Nagel eine Metapher

Martin Lüdke


Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt © VG Bild Kunst, Bonn 2026, Foto: Mick Vincenz

Am 10. Juni 2025 ist der Künstler Günther Uecker in dem stolzen Alter von 95 Jahren in Düsseldorf gestorben. An der jetzt gezeigten Ausstellung „Die Verletzlichkeit der Welt“, einem Querschnitt seines Werkes, hat er selbst noch mitgewirkt. Das Nagelrelief „Bett zum Aufwachen“ aus dem Jahre 1965 zählt sogar zum Bestand und vor allem zum Gründungsmythos des Museums. Aber, schreibt Martin Lüdke, „achtbar insonders liebe Brüder und Schwestern“, es gibt mehr als nur Nägel auf der Welt. 

 

 

„Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalitäten des Lebens.“

 

Es sind schlichte, doch im Wortsinn eindringliche Gedanken, die Günther Uecker, begleitend zu seiner Arbeit, immer wieder formuliert hat. Man spürt im Künstler den Handwerker, den direkten Zugriff. Der ‚Nagel-Uecker‘, so wurde er, auch zur Unterscheidung von seinen ZERO-Kollegen Otto Piene und Heinz Mack, gern mal genannt. Dabei kam er schon immer, und nicht nur zur Not, auch ohne Nägel aus. Aber nie ohne einen handwerklichen, auch handfesten Zugriff. Ob bei der „Beschießung des Meeres“ (1970), den „Hängenden Steinen“ (1989) oder der „Großen Zeichnung (1994). Immer zeigte sich der Artist in erster Linie als Handwerker, aber der Handwerker zugleich als artistischer Botschafter.   


Günther Uecker, Sandmühle, 1969/2014 | Privatsammlung, Foto: Uecker Archiv, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

 

Der Kunsthistoriker Max Imdahl war sich so ganz sicher nicht bei der Bezeichnung dieses Ausstellungsstücks, das 1968 erstmals im New Yorker Guggenheim Museum präsentiert wurde. Er schwankte zwischen Plastik oder kinetischem Objekt. Tatsächlich handelt es sich hier um eine dünne, ca. 8 cm hohe kreisrunde Sandfläche mit einem Durchmesser von etwa 4 Metern, die, jetzt in Rolandseck, in einem eigenen, nach mehreren Seiten allerdings offenen Raum gezeigt wird. In der Mitte dieser Sandfläche steht ein ebenfalls etwa 4 Meter hoher Balken, von dessen Spitze, nach Art eines gleichschenkeligen Dreiecks, Seile gespannt sind, die zwei knapp über der Sandfläche an dem Balken befestigten Stangen halten. An diesen Stangen wiederum sind jeweils zwölf, fünfzehn vielleicht auch noch mehr Seile festgemacht, die von den beiden Stangen in gleichmäßiger geringer Geschwindigkeit, tatsächlich sehr langsam, durch den Sand gezogen werden. Denn am Fuße des Balkens befindet sich ein Motor, der für diese Bewegung sorgt. (Es mag übertrieben sein, wenn man sagt, dass man diesem Vorgang stundenlang zusehen könnte. Ganz sicher aber geht von dieser Bewegung etwas Beruhigendes aus.) Imdahl jedenfalls verweist darauf, dass hier wahrlich nix Besonderes passiert und wir trotzdem Zeuge eines eigentümlichen Vorgangs werden. „Alles oder jedenfalls vieles von dem, was über die „Sandmühle“ zu sagen ist, das „ist selbstverständlich, dass sich nämlich bei Drehung der Stangen jener Richtungsgegensatz der beiden Schnurreihen aufhebt und jede in ihrer Bewegung der je anderen gleicht, dass jede der je anderen folgt, aber nicht zu entscheiden ist, was der Verfolger und was der Verfolgte ist (weil die Abstände zwischen beiden Schnurreihen notwendigerweise immer dieselben bleiben)“. Imdahl macht auch noch auf die hübsche Pointe aufmerksam (siehe auch oben: „stundenlang“), dass man die Betrachtung dieses Werk „niemals abschließen“, sondern nur „abbrechen“ kann. Kunst oder Handwerk? Jedenfalls: kein Kunsthandwerk.


Günther Uecker, Nagelobjekt (Knie), 1968 | Axel Vervoordt Gallery, Foto: Jan Liégois, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

 

Es war die Zeit, als auch vielen Künstlern klar geworden war, dass auch die Moderne, ganz gleich in welcher Spielart und quer durch die verschiedenen Gattungen hindurch, offenkundig an ihre Grenzen stieß. Das setzte auch Kräfte frei, animierte zum Experiment bis hin zum übermütigen Spiel. Die geplante „Raumfahrt“, die Gerhard Richter gemeinsam mit Sigmar Polke unternehmen wollte, fand allerdings nur in einer Badewanne statt. Die beiden Abenteurer ruderten sich mit „großen Holzlöffeln“ in (nicht nur für sie) bislang unbekannte Sphären. In der Remise des Bahnhofs entdeckten sie auch noch eine alte „Holzkutsche“, verkleideten den Innenraum und ließen die Kutsche dann, und zwar „brennend“, den steilen Abhang hinunter „in den Rhein stürzen“. 1968 und die 68er waren zwar noch weit weg. Die Vorzeichen aber wurden schon sichtbar. Und zwar von dieser Gruppierung sichtbar – gemacht.

Erstellungsdatum: 31.05.2026