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Rainer Erd über den Start des Netflix-Films „Dix pour cent Le Film“ in Frankreich

Einst nannte man so etwas „Straßenfeger“, weil die Bevölkerung geschlossen vor dem Fernsehapparat saß, um einen fesselnden Mehrteiler zu sehen. Die Bildschirmverführten jüngerer Generationen halten sich jetzt mit ihren smarten Minikinos wieder auf der Straße auf, die Mehrteiler heißen Serien und sind bestenfalls entfesselnd. In Frankreich aber haben sich die richtigen Leute mit den besten Ideen zusammengefunden, um mit einer 10-Prozent-Serie die Straßen zu leeren, – ein Ereignis für Rainer Erds Pariser Geschichten.
Mittwoch, der 14. Oktober 2015 war ein ganz besonderer Tag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Frankreichs. Um 20:55 Uhr versammelten sich Millionen vor den Bildschirmen, die vor Beginn der ersten Episode bereits über das informiert waren, was in den nächsten Wochen und Jahren regelmäßig mit jeweils zwei Episoden am Mittwoch auf France 2 gezeigt werden sollte. Am ersten Abend waren das sensationelle 4,4 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von unüblichen 17,7 Prozent entsprach. Als die 1. Staffel mit sechs Episoden am 4. November 2015 zu Ende ging, engagierten die beiden Produktionsgesellschaften mit Serienerfinder und Initiator Dominique Besnehard sowie Showrunnerin und Hauptautorin der ersten drei Staffeln Fanny Herrero erneut das erfolgreiche Schauspieler-Ensemble zur Erstellung einer 2. Staffel.
Am 19. April 2017 war es wieder so weit: „Dix pour cent“ lockte erneut mehrere Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte in Frankreich. Am 14. November 2018 folgte Staffel 3 und am 21. Oktober 2020 die vorläufig letzte 4. Staffel. Die französische Erfolgsserie trat rasch ihren weltweiten Siegeszug an und erreichte schließlich, als Netflix die Rechte erworben hatte und die Serie unter dem Titel „Call your agent“ vertrieb, 190 Länder. Doch nicht nur das. Italien, Indien, Kanada, Südkorea, Polen, das Vereinigte Königreich und auch Deutschland erwarben das Lizenzrecht, eine länderspezifische Fassung von „Dix pour cent“ zu produzieren. In Deutschland lief diese unter dem Titel „Call My Agent! – Berlin“ und wurde vom Streamingdienst Disney+ produziert und ab 12. September 2025 ausgestrahlt. Da Disney keine Abrufzahlen veröffentlicht, bleibt es ein Geheimnis, ob die deutsche Fassung an den Erfolg der französischen Ur-Version anknüpfen konnte.
Worum ging es in der Serie, die zu einem solchen Erfolg wurde, dass sie in 190 Länder der Welt Millionen Menschen vor die Fernsehgeräte lockte? Serienerfinder Dominique Besnehard musste keine umfangreichen Recherchen anstellen, als er das Format zu entwickeln begann. Denn er hatte viele Jahre lang bei Artmedia gearbeitet und die Karrieren von Filmstars wie Juliette Binoche, Sophie Marceau und Natalie Baye gemanagt. Er galt als Ausnahmetalent darin, junge Schauspieler zu entdecken und aufzubauen. Was lag da näher, als die dort gemachten Erfahrungen in eine dramaturgische Fassung zu bringen und mit den üblichen Serienregeln zu arbeiten. Seine Hauptdrehbuch-Autorin Fanny Herrero verfügte als ehemalige Theaterschauspielerin ebenfalls über umfangreiche Erfahrungen mit dem Dschungel von Künstler-Projekten. Man merkte der Serie an, dass da zwei kenntnisreiche Personen ihre Erfahrungen in literarische Form gebracht hatten.
„Dix pour cent“ – „10 Prozent“ – ist der Provisionssatz, den die fiktive Pariser Künstleragentur ASK (Agence Samuel Kerr) von seinen vermittelten Schauspielern dafür verlangt, dass sie ihnen unterschriftsreife Verträge für Filme oder Fernsehserien vorlegt. Bis es jedoch dazu kommt, dass die Darsteller den erwünschten Vertrag in Händen halten, müssen die Mitarbeiter der Agentur, Männer und Frauen, Junge und Alte, Weiße und Farbige, Hetero- und Homosexuelle einen anstrengenden Diskussionsweg zurücklegen, in dessen Verlauf es ständig zu persönlichen Konflikten und Krisen kommt, die die etablierten soziale Strukturen der Agentur zu sprengen drohen. Konflikte und Krisen zwischen den Mitarbeitern und der Geschäftsleitung, den Mitarbeitern untereinander und vor allem mit den vertretenen bzw. neu akquirierten SchauspielerInnen machen den Kern der Serie aus. Der Kampf um Stars, die von konkurrierenden Agenturen umworben werden, gehört zu den Aufgaben von AKS.
Der Clou der Serie besteht aber nicht darin, dass es in der Künstleragentur AKS, die in den Studios von Aubervilliers nördlich von Paris erbaut wurde, konflikthaft zugeht und diese immer wieder vor dem Aus steht. Das ist ein Thema, das auch andere Fernsehserie beschäftigt. Was die Serie aus dem Gros von Formaten mit Konfliktszenarien heraushebt, ist etwas Anderes. Die SchauspielerInnen, die die Agentur auf der Suche nach Engagements aufsuchen bzw. die die Agentur akquirieren will, werden von Stars der französischen Filmwelt gespielt, die das große Publikum kennt.
So treten im Verlaufe der Serie, um mit den weiblichen Stars zu beginnen,
Isabelle Huppert, Fanny Ardent, Natalie Baye und ihre Tochter Laura Smet, Cécile de France, Isabelle Adjani, Juliette Binoche, Monica Belucci, Béatrice Dalle, Charlotte Gainsbourg, Julie Gayet, Virginie Efira, Sandrine Kiberlain, Murie Robin, die Altstars Line Renaud und Françoise Fabian und aus Hollywood Sigourney Weaver auf – eine oder zwei pro Folge.
Auf Seiten der Männer geben sich in der Agentur (ebenfalls pro Episode) ein oder zwei Großstars der französischen Filmwelt die Klinke in die Hand: Fabrice Luchini und Christophe Lambert, Jean Reno, Jean Dujardin, Norman Thavaud, Julien Doré, Guy Marchand, Gérard Lanvin, Franck Dubosc und José Garcia. Insider erzählen, die weiblichen und männlichen Darsteller, im filmverliebten Frankreich den meisten Serienfans bekannt, hätten sich selbstironisch mit all ihren Eigenheiten gespielt, so dass der Zuschauer nicht nur deshalb jede Folge sehen wollte, weil er wusste, dass einer seiner Filmlieblinge sich selbst spielt, sondern auch weil er hoffte, unbekannte Seiten von ihnen kennenzulernen. Ob dies tatsächlich der Fall war, wird man nicht erkunden können. Für den Erfolg der Serie war das aber deshalb unerheblich, weil allein der Glaube genügte, man werde unbekannte Seiten seiner Stars erleben, zumal in einer dramaturgisch glänzend aufbereiteten Form, wöchentlich bei der Ausstrahlung von zwei Episoden dabei zu sein.
„Dix pour cent“ schuf auf diese Weise nicht nur fesselnde Geschichten aus der Welt der französischen Filmwelt, es kreierte auch neue Stars, die einem breiten Publikum bislang nicht so vertraut waren, wie sie es heute sind. Allen voran die beiden, sich in tiefer Abneigung verbundenen Darsteller Thibault de Montalembert und Camille Cottin – der Chef der Agentur, ein eher regelorientierter, wenig fantasievoller, aber von einem Geheimnis umgebener Herrscher und die Chef-Angestellte, stets auf der Suche nach originellen Lösungen, um divenhafte Stars an die Agentur zu binden. Während das Publikum mit der unorthodoxen Senior-Agentin Andréa Martel (Camille Cottin) fiebert, erfährt ihr Chef und Dauer-Konkurrent Mathias Barneville (Thibault de Montalembert) wenig Sympathien, allenfalls dann, wenn Schwächen sichtbar werden, als er eines Tages eine rätselhafte junge Frau beschäftigt. Der Chef der Agentur muss mit einem Familiengeheimnis leben, das er sowohl gegenüber seiner Frau wie gegenüber den Mitarbeitern verborgen halten möchte. Seiner Chef-Agentin hingegen fällt es schwer, überhaupt private soziale Beziehungen einzugehen. Sie widmet sich stattdessen verbissen ihrer Arbeit und den Konflikten mit ihrem Chef.
Um die beiden Protagonisten schart sich eine bunte Gruppe unterschiedlicher AgentInnen. Die älteste Mitarbeiterin der Agentur, hinreißend von der damals 82-, heute 93-jährigen Liliane Rovere gespielt, ist immer dann schlichtend zur Hand, wenn Konflikte zwischen den MitarbeiterInnen aufflammen und die Existenz der Agentur in Frage zu stellen drohen. Denn die Agentur-MitarbeiterInnen unterhalb der Chef-Etage sind alles andere als konsensorientiert. Dazu sind sie zu sehr mit den Dramen ihrer eigenen Leben beschäftigt.
Die vier MitarbeiterInnen verkörpern unterschiedliche psychologische Charaktere: die ihren Chef anhimmelnde und stets enttäuschte Noémie Leclerc (gespielt von Laure Calamy), der Assistent der Chef-Agentin und Dramabeschleuniger Hervé André-Jezak (exzentrisch von Nicolas Maury gegeben), Gabriel Sarda (von Grégory Mantel verkörpert), konfliktscheu und häufig zu Lügen neigend und die geheimnisvolle, ehrgeizige Camille Valentini (Fanny Sidney), die versucht, ihre Identität geheim zu halten, dabei aber als Anfängerin Karriere in der Agentur zu machen.
In dieses Wespennest konkurrierender, mit sich selbst beschäftigter AgentInnen kommen SchauspielerInnen, die ebenfalls ihre Exzentrizitäten ausbreiten. Die vielbeschäftigte Isabelle Huppert nimmt aus Arbeitssucht zeitgleich zwei Filmangebote an und dreht heimlich Tag und Nacht parallel. Chef-Agentin Andréa muss unter großem Stress verhindern, dass die beiden Produktionen voneinander erfahren. Juliette Binoche soll die Eröffnungsgala der Filmfestspiele in Cannes moderieren, muss sich aber gegen die Avancen eines mächtigen Produzenten wehren und mit einem grässlichen Kleid kämpfen. Charlotte Gainsbourg sagt aus Gefälligkeit zu, im Independent-Film eines Freundes mitzuspielen, sucht dann aber nach einer Ausrede, um aus dem Vertrag wieder aussteigen zu können. Und Sigourney Weaver reist nach Paris, weigert sich, die Ehefrau eines älteren Schauspielers zu spielen und verlangt stattdessen einen jüngeren Liebhaber, was die französische Produktion ins Wanken bringt.
Nicht weniger Konflikte muss die Agentur mit den männlichen Stars bewältigen. Der französische James Bond Jean Dujardin kommt nach dem Dreh eines düsteren Historienfilms nicht mehr aus seiner Rolle als Einsiedler heraus und muss von seinem Agenten in der Natur eingefangen und wieder gesellschaftsfähig gemacht werden. François Berléand weigert sich, am Set eine Badehose zu tragen und bringt durch seine Launen die Dreharbeiten fast zum Ende. Der üblicherweise frohgemute Fabrice Luchini zieht sich aus einem Projekt zurück, weil er Komplexe bekommt, als ihn der charmante Christophe Lambert am Set in den Schatten stellt. Und, um nur ein paar Bespiele zu nennen, der gealterte Star Guy Marchand leidet während der Dreharbeiten unter Gedächtnislücken und gesundheitlichen Ausfällen, woraufhin die Agenten versuchen, ihn vor den Produzenten zu schützen, die ihn ersetzen wollen.
Das Chaos in der Agentur erreicht am Schluss der 4. Serie seinen Höhepunkt: die Betreiber beschließen, sie aufzulösen. Jeder geht seiner Wege als Agent, Filmproduzent, Schauspieler oder Autorin. Weltweit ging ein Bedauern durch die Fernsehgemeinde, die fünf Jahre lang France 2 und „Dix pour cent“ die Treue gehalten hatte und wenn die Sehnsucht zu groß wurde, auf Netflix umstieg, welches zwischenzeitlich die weltweiten Ausstrahlungsrechte erworben hatte.
Und dann erreichte, knapp sechs Jahre nach der letzten Episode, Nutzer sozialer Medien im Sommer 2026 die Nachricht, Fanny Herrero und ihre MitschreiberInnen hätten den Ruf der wartenden Gemeinde erhört und im Auftrag von Netflix eine (zunächst einmalige) Fortsetzung in Form eines Films „Dix pour cent“ in den Studios von Aubervilliers gedreht. Am Dienstag, den 8. September 2026 lockte die Avant-Premiere des Films 2.000 Schaulustige in die legendäre Pariser Konzerthalle L’Olympia auf dem Boulevard des Capucines. Ein paar Tage zuvor hatte der Film in fünf ausverkauften Kinosälen als Abschluss des „19. Festival du film francophone d’Angoulême“, nördlich von Bordeaux, Premiere gehabt.
Am 10. September 2026 morgens um 9:00 Uhr legten die Verantwortlichen von Netflix den Hebel für den Streamingstart von „Dix pour cent Le Film“ um. Erste Medien zeigten sich aus nostalgischen Gründen begeistert, andere, weil der Film mit der gleichen Verve wie die Serie die Auseinandersetzungen in der Pariser Agentur lustvoll präsentierte, neue französische Stars wie Laetitia Casta, Vincent Macaigne und Laurent Lafitte präsentierte – und einen amerikanischen, mittlerweile in Europa lebenden Superstar gewonnen hatte, der Garant für ein großes, anspruchsvolles Publikum ist. Sein Name sei aus dramaturgischen Gründen nicht genannt.
Erstellungsdatum: 10.10.2026