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Dacia Maraini über die Groteske mit Pasolinis Turm

Kampf um den Torre di Chia

Dacia MarainiGudrun Jäger


Turm von Chia, Gemeinde Domus de Maria, Sardinien. Foto: Olaf Tausch. Wikipedia

Kulturelles Bewusstsein zeigt sich unter anderem daran, wie mit dem einzigartigen Nachlass historischer Persönlichkeiten umgegangen wird. Wir erleben zwar den Konflikt zwischen Denkmalschutz und den Begehrlichkeiten von Investoren, aber wer würde etwa so weit gehen und das Frankfurter Goethehaus einem Hochhausneubau opfern? Pier Paolo Pasolini hatte seine letzten Jahre in einem Turm auf dem Gebiet von Soriano del Cimino gewohnt, der seitdem zum Besuchsprogramm der Pasolini-Verehrer geworden ist. Nun will sich eine private Institution den Turm mithilfe der Justiz aneignen. Dacia Maraini protestiert dagegen.

 

Was geschieht mit dem wunderschönen Torre di Chia, einem Haus, in dem Pier Paolo Pasolini zuletzt gewohnt hatte, das nach seinem Tod von seinen Erben verwaltet und unlängst von dem Schauspieler Gabriele Gallinari erworben wurde, nachdem der italienische Staat auf den Ankauf verzichtet hatte?

Es hört sich an wie eine bizarre Geschichte, die ein Komiker erfunden haben könnte, um die Bürokratie zu verspotten. Aber leider ist daran nichts erfunden. Es ist alles wahr und schmerzhaft und zugleich absurd und grotesk.

Der Turm von Chia, in den sich Pasolini in den letzten Jahren seines Lebens verliebt hatte, erhebt sich in der „schönsten Landschaft auf Erden“, wie der Dichter schrieb, „wo Ariost / vor Freude verrückt geworden wäre, sich gestärkt gesehen hätte, / bei so viel Unschuld aus Eichen, Hügeln, Gewässern und Schluchten / und dort Musik komponieren / die einzige Ausdrucksform, / die vielleicht so erhaben und unbestimmbar ist wie die Formen der Wirklichkeit.“*

Der Turm von Chia wurde im Jahr 1200 auf dem Gebiet von Soriano del Cimino erbaut und ist umgeben von Wäldern, Wiesen, Bächen und Wasserfällen, die schon den Etruskern dazu dienten, ihre Mühlen anzutreiben. Pasolini liebte diesen Turm so sehr, dass er dort viele Szenen seiner Filme drehte, darunter Das 1. Evangelium – Matthäus. Nachdem er ihn in den sechziger Jahren entdeckt hatte und davon fasziniert war, entschloss er sich 1970, ihn zu kaufen. Neben dem Turm ließ er ein kleines Haus im bäuerlichen Stil aus Stein, Holz und Glas bauen, das sich harmonisch in die Landschaft einfügte. Ein schlichtes, lichtdurchlässiges Haus, in dem er viele seiner Gemälde, Bücher und Erinnerungsstücke aus Afrika und dem Jemen sammelte. In diesem Turm schrieb Pasolini seine Lutherbriefe und den letzten Roman Petrolio.

Wir kennen alle Pasolinis obsessive Suche nach bäuerlicher Unschuld. In Chia, in der Nähe einer alten etruskischen Stadt wie Viterbo, schien er sie gefunden zu haben. „Es gilt, die Stadt in der Natur zu bewahren“, sagte er einem Journalisten, der ihn 1974 für die Tageszeitung Il Messaggero interviewte: „Diese Gegend, die bisher wie durch ein Wunder von der Industrialisierung verschont worden ist, dieser nördliche Teil Latiums mit Viterbo und den umliegenden Dörfern, sollte gerade in seiner Beziehung zur Natur respektiert werden.“

Doch kommen wir zu den Fakten: Gabriele Gallinari kauft 2021 mit dem Erlös aus dem Verkauf seiner Wohnung in Rom und mittels eines ordnungsgemäßen Kaufvertrags das Anwesen in Chia von Pasolinis Erben. Und er beginnt mit den Renovierungsarbeiten, die kostspielig und aufwändig sind, da er Pasolinis Idee, die Landschaft und Umgebung des mittelalterlichen Turms zu respektieren, treu bleiben möchte. Als das Anwesen wieder hergerichtet ist, öffnete es der Schauspieler für Besucher, die die letzte Wohnstätte des Dichters kennenlernen möchten.

Im Jahr 2022 bringt sich eine private Einrichtung, die das staatliche Gebiet rund um das Anwesen verwaltet, gegen Gallinari in Stellung: die Università agraria von Chia. Sie will das Grundstück und den Turm auf ihre Weise verwalten, sogar gegen den Willen der Gemeinde Soriano. Es handelt sich nicht um eine Universität, sondern um eine landwirtschaftliche Privatanstalt, die nun vor Gericht klagt, um den Kauf für rechtswidrig erklären zu lassen und das Eigentum unentgeltlich für sich zu beanspruchen.

Richtigerweise legt Gallinari seine Unterlagen vor, die einen rechtmäßigen Ankauf im Rahmen bestehender Gesetze belegen.

Es macht jedoch stutzig, dass die private Einrichtung, die Gallinaris Nutzung als unrechtmäßig bezeichnet, ihrerseits das Gelände rund um das Haus für öffentliche Veranstaltungen nutzt, die im Namen von Pasolini organisiert werden. Der Widerspruch ist offensichtlich. Gallinari beharrt zu Recht auf sein Eigentum, dessen Kauf er beweisen kann.

Es kommen Menschen aus aller Welt, um das Wohnhaus eines der größten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts zu besuchen – so wie es weltweit bei Stätten von großem historischem und kulturellem Interesse der Fall ist.

Die Lage ist so kompliziert, weil ein Wirrwarr sich widersprechender Gesetze besteht. Deshalb schwebt der arme Gallinari zwischen einem Gerichtsurteil und dem nächsten, zwischen einem modernen Gesetz und einem alten feudalen Brauch. In der Zwischenzeit hat die Region Latium im vergangenen September, ohne ein endgültiges Gerichtsurteil abzuwarten, dem Kläger auferlegt, seinen ersten Wohnsitz innerhalb von dreißig Tagen ohne Entschädigung zu räumen und damit das Urteil erster Instanz vollstreckt, das – in völliger Abweichung von den Schlussfolgerungen des vom Richter selbst ernannten Gutachters – den Kauf für nichtig erklärt hatte.

Ich, als Freundin Pasolinis, die sein Andenken liebevoll bewahren möchte, verlange deshalb, dass Gerechtigkeit geschieht, nicht im Namen eines abstrakten Gesetzes, das alte territoriale Privilegien verteidigt, sondern aus Respekt gegenüber all jenen, denen die Bewahrung des Andenkens eines großen Dichters ein Anliegen ist, sowie aus Respekt vor den Rechten an einem Eigentum, das großzügig den Freunden der Poesie zugänglich gemacht wurde.

 

 

* In dem postum veröffentlichten autobiographischen Poem Poeta delle ceneri, das 1966/67 entstand, bezieht sich Pasolini in den letzten zehn Versen auf den Turm und die unberührte Landschaft.

 

Aus dem Italienischen von Gudrun Jäger

Erstveröffentlichung am 14.10.2026 in Corriere della sera

 

 

Erstellungsdatum: 31.10.2026