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Felix Philipp Ingold über die Resilienz der Poesie gegenüber der KI

Weil die Bestseller-Literatur das bedienen muss, was die Leserschaft schon kennt, las sie sich schon vor der Erfindung der KI wie von KI generiert. Und selbstverständlich betrifft das auch ein Gutteil der anderen Literatur, inklusive Poesie. Da der Mensch so gierig nach KI ist – in der Hoffnung, sie mache den Menschen überflüssig – würde der schreibende Mensch und mit ihm die Literatur, die er produziert, wohl auch entbehrlich. So könnte man konsequent und kurzschlüssig prophezeien. Felix Philipp Ingold aber macht auf eine Literatur aufmerksam, die nicht zur Beute der Algorithmen werden kann.
Vorweg eine aktuelle Meldung aus dem Feuilleton: Zum Abschluss einer gut besuchten öffentlichen Lesung trug neulich der beliebte, auch von der Kritik geschätzte Autor NN zwei Kurzgeschichten vor, von denen er die eine selbst geschrieben, die andere mit Hilfe Künstlicher Intelligenz generiert hatte. Eingegeben habe er die ungefähre Länge des Texts, dazu zwei Requisiten und eine namentlich bezeichnete Person, die darin vorkommen sollten. Nach der Präsentation ließ der Autor sein Publikum darüber entscheiden, welche der beiden Geschichten „besser” sei (besser geschrieben, besser zu lesen), und er musste – nach eigenem Bekunden „verblüfft, mehr noch, verstört” – akzeptieren, dass man die KI-Fassung mit klarer Mehrheit bevorzugte.
Zunehmend greift die Sorge, greifen auch Ängste um sich, die Künstliche Intelligenz könnte die Kontrolle, die Kompetenz, letztlich die Autorität über die künstlerische Literatur gewinnen. Sorge und Angst sind berechtigt. Tatsächlich ist KI schon heute so hoch gerüstet, dass sie weite Teile der belletristischen Produktion (wie übrigens auch der literarischen Übersetzung) in eigener Regie zu bewerkstelligen vermöchte.
Fragt sich also, wie die sogenannte Schöne Literatur auf diese Herausforderung reagieren sollte und welche Optionen sie denn überhaupt noch hat. Offenkundig wäre die KI bereits heute in der Lage, einen Großteil der gängigen Erzähl- und Bühnenliteratur wie auch der weiterhin massenhaft produzierten Lyrik in ansprechender Qualität nach dem Prinzip und der Technik des Recyclings zu substituieren. Das kann umso leichter gelingen, als sich die KI ausschließlich aus bestehenden Quellen und deren dominanten Inhalten speist, mithin aus den am meisten nachgefragten, deshalb auch am häufigsten ausgearbeiteten Stoffen.
Im Bereich der Literatur ist KI durchwegs auf die Erfüllung von Erwartungen angelegt, ihre Produktion bestätigt das mehrheitliche Publikumsinteresse und dient diesem Interesse auf optimale Weise zu. Dass sie dies fast ebenso effizient zu leisten vermag wie individuelle Autoren, ist bereits in diversen Sprachen belegt durch erste KI-generierte Romane und Gedichte, die den Ansprüchen einer breiteren, vorab auf Unterhaltung, Spannung, Stimmung und Zeitgeist eingestellten Leserschaft durchaus genügen können.
Wenn literarisch genutzte KI das Zeug hat, einen bestehenden Epochenstil zu reproduzieren oder gar einen solchen eigens hervorzubringen, führt das naturgemäß zur Entmächtigung, womöglich zur Ablösung persönlich bewerkstelligter Textproduktion. Die seit längerem weltweit vorherrschende, zwischen Erzählung, Dokumentarismus und Essayistik lavierende Befindlichkeitsbelletristik wäre schon jetzt vermittels Künstlicher Intelligenz – bei völlig fehlendem Realitätsbezug und ohne jeden subjektiven Erfahrungshintergrund – durch KI relativ problemlos zu bewerkstelligen: Die Klischeehaftigkeit allzu vieler autobiographisch oder familiengeschichtlich fundierter Krankheits-, Missbrauchs-, Sucht-, Sehnsuchts- und Fluchtgeschichten erleichtert deren digitales Remake.
Einzig dort, wo entgegen dem dominanten Epochenstil noch an einem Personalstil festgehalten wird, der sich durch thematische Originalität und formale Innovation wie auch durch eine ausgeprägt individuelle Rhetorik behauptet, stößt KI sehr bald an ihre Grenzen. Denn produktiv und nützlich werden kann sie nur, indem sie bestehende Standards, Vorlieben, Gewohnheiten aufnimmt und somit bestätigt. Solche Bestätigung liefert seit jeher (und liefert nach wie vor) jede Art von Literatur, die jeweils aktuell von Erfolg „gekrönt” und durch betriebliche Kriterien – Verkaufszahlen, Ratings, Preise – beglaubigt ist. Getragen wird solche Erfolgsliteratur von einem willigen Publikum, das sich gern unterhalten und auch einschlägig sich informieren lässt, auf höhere Ansprüche des Verstehens oder auf formale Schwierigkeiten jedoch nicht eingehen mag – was dem üblichen, dabei völlig berechtigten Rezeptionsverhalten entspricht.
In seinem scharfsinnigen Traktat zur Frage „Wozu Literatur?” (2024, postum) verweist Hans-Jost Frey auf die althergebrachte Normalität solcher Lektüre, die den Text vorab als Mitteilung und die Literatur insgesamt als ein verlässliches Medium der Kommunikation begreift, dadurch jedoch das Verständnis für die „Literatur als Literatur” (d.h. die Literatur als Kunst) suspendiert. Frey erkennt darin – bei Autoren und Lesern gleichermassen – eine „Mentalität, für die Sprache nichts anderes als Mittel sein kann und lediglich dazu dient, das herumzubieten, was man auch sonst schon hat.” Und kritisch fügt er hinzu: „Wo sie überhandhimmt, wird das Individuelle aus der Mitteilung zurückgehalten, und der Gemeinplatz als Selbstschutz gibt die Illusion, man sei dahinter unversehrt erhalten, während in Wahrheit die Individualität in dem Masse verflacht, als sie darauf verzichtet, sich zu manifestieren.” Individualität, so verstanden, beweist sich nicht allein durch das, was sie zu sagen hat, sondern ebenso dadurch, wie sie es formal zur Sprache bringt.
Gerade Letzteres gehört zu den Kennzeichen starker Literatur, die bekanntlich stets dazu tendiert, Formbildung und Sinnbildung gleichermaßen zu pflegen, wenn nicht gar, diese durch jene zu überbieten. Formale (sprachliche, stilistische, kompositorische) Qualitäten können dann so dominant werden, dass sie die Textbedeutung merklich verdunkeln. Beispielhaft dafür ist die avantgardistische, gern „revolutionär“ genannte Dichtung des Futurismus, des Expressionismus und besonders des Dadaismus im frühen 20. Jahrhundert: Das Verständnis der Texte wird hier bewusst erschwert, in manchen Fällen sind sie – provokant – auf Unverständlichkeit angelegt, wodurch ihre kommunikative beziehungsweise informative Funktion entspechend eingeschränkt oder gänzlich aufgehoben wird.
Der solcherart bewerkstelligte Bedeutungsentzug wurde durch die vorrangige Aufarbeitung sprachlicher Formalien nachhaltig kompensiert, sei’s auf lautlicher, sei’s auf visueller Ebene – der dichterische Text sollte sich primär als Klangstruktur (Lautpoesie) oder als autonomes Schriftbild (Lettrismus) behaupten. Inhaltliches Leseverständnis trat somit zurück hinter die sinnliche Wahrnehmung (Hören, Sehen) von Poesie.
Dass dieses formalistische Konzept niemals breitere Anerkennung oder gar Popularität gewann, sondern mehrheitlich als „elitär” desavouiert wurde, ist bekannt und ist auch leicht nachvollziehbar, denn gemeinhin wird von aller Dichtung (nach wie vor) erwartet, dass sie ihrer sprachlichen Künstlichkeit zum Trotz etwas zu bedeuten habe. Diese Erwartung wird eben dort vorsätzlich enttäuscht, wo der Text, statt etwas zu besagen, nur einfach sagt, mithin als solcher – als bedeutungsfreies Sagen – vernehmbar oder sichtbar wird.
Was irrtümlich für „elitär” gehalten wird, erweist sich also im Gegenteil als eine Art von Primitivismus, und manche der radikalen Modernisten haben sich denn auch gern als „Wilde” oder als „Barbaren” geriert: Ein Großteil ihrer Neuerungen beruht auf Archaisierung! Exemplarischer Beleg dafür ist der um 1912 erschienene Almanach „Der Blaue Reiter”, mit dem die gleichnamige Münchner Künstlervereinigung ihr neoprimitivistisches Schaffen und darüber hinaus dessen internationale Resonanz dokumentierte.
Als „Neoprimitivisten” kann man, in diesem Verständnis, auch Wortkünstler wie Hugo Ball, August Stramm, Welimir Chlebnikow und selbst den von moderner Technik affizierten Filippo Tommaso Marinetti bezeichnen – sie und viele andere Avantgardisten der damaligen Zeit haben sich um eine arationale Dichtersprache bemüht, die ohne kohärenten Bedeutungshintergrund auskommen, dafür aber die akustische und visuelle Qualität ihrer Bauelemente – Wort, Silbe, Buchstabe – hervorheben sollte.
Ein merkliches Publikumsinteresse an dieser paradoxalen Innovationsleistung (Rückgriff statt Vormarsch) gab es allerdings nicht, doch das gilt ja generell für radikale künstlerische Neuerungen, deren Akzeptanz und Würdigung oft lange auf sich warten lassen. Im Vordergrund der breiten Leserschaft bleiben stets, gerade auch in Zeiten des Auf- und Umbruchs, die gewohnten (konventionellen, traditionellen) literarischen Angebote, die sich problemlos rezipieren lassen. Also Gregh statt Apollinaire, Bunin statt Zwetajewa, Hesse und Loerke statt Arp oder Schwitters.
Zwar ist die gesamteuropäische „Literaturrevolution” der 1910er und 1920er Jahre historisch wie poetologisch in jeder Hinsicht detailliert aufgearbeitet und in den geltenden Kanon eingepasst worden, doch ihre Hervorbringungen – auch die bedeutsamsten und einflussreichsten – sind heute nur noch einer geringen Minderheit von Liebhabern und Spezialisten präsent. Selbst unter Autoren und Autorinnen scheint jene einst „revolutionäre” Dichtung kaum noch gefragt zu sein, und als „Avantgardist” möchte heute kein Kunstschaffender rubriziert werden. Es geht nicht mehr darum, zuerst oder zuvorderst zu sein, Vorrang oder Vorsprung zu markieren. Normbrüche und Innovationen durchzusetzen, ist obsolet geworden; es genügt, Trends zu erkennen und sie kurzfristig zu nutzen, um„in” zu sein, mitzureden, mitzumischen.
Beliebigkeit ist zum bevorzugten Produktionsprinzip geworden, Form- und Ideenschwäche sind kein Defizit, sie kennzeichnen seit der Jahrtausendwende den
post-postmoderne Epochenstil, der unverwechselbare Individualstile, wie man sie einst von Char oder Artaud, von Thomas Bernhard oder Paul Celan kannte, kaum noch aufkommen lässt. Im Hinblick auf die Künstliche Intelligenz und die von ihr praktizierte raffende Kontamination rekurrenter stilistischer Merkmale ist davon auszugehen, dass sie alle Epochenstile – den heutigen wie alle früheren auch – problemlos zu reproduzieren und gleichzeitig deren thematische Präferenzen einzubringen vermag.
Nicht so beim Individualstil, der sich durch Erst- und Einmaligkeit auszeichnet und eben dadurch vom jeweils dominanten Epochenstil sich absetzt – diese spezifische und singuläre Originalität ist via KI nicht einzuholen, da sie ja nicht aus der Vermischung mehrerer (anderer) „Originalitäten” erschlossen und festgehalten werden kann. Erst wenn ein individueller Stil durch Nachahmung verallgemeinert und damit als Gruppenstil oder gar als Trend etabliert wird, ist KI in der Lage, ihn eigenständig aufzuarbeiten, d.h. Texte z.B. im Stil von Friederike Mayröcker oder von Elfriede Jelinek zu erbringen. Unerreichbar bleibt ihr jedoch die Schaffung von Originaltexten, die eben nicht durch Herleitung aus bereits vorhandenen Fremdtexten zu erstellen sind.
Mit andern Worten: Künstliche Intelligenz wird in absehbarer Zeit die unpersönliche Autorschaft mehrheitstauglicher und konsensfähiger Publikumsliteratur ohne merkliche Einschränkungen übernehmen, und sie wird damit einen eingängigen neutralen Epochenstil zum Tragen bringen, wie er von heutigen Erfolgsautoren noch individuell gepflegt wird. Für solche Autoren stellt KI eine existentielle Herausforderung und Bedrohung dar – sie müssen erkennen, dass sie ersetzbar sind. Demgegenüber gewinnen minderheitliche unangepasste Autoren und Autorinnen, die als „schwierig”, wenn nicht als „elitär” gelten, nachhaltigen Auftrieb; sie behalten ihre individuelle kreative Souveränität, und sie beglaubigen ihre Texte mit ihrem persönlichen Namen. Dass sich ihr Leserkreis dadurch erweitern wird, ist allerdings nicht anzunehmen, doch zumindest wird er auch künftighin auf spezielle Angebote zählen können und im bisherigen Umfang erhalten bleiben.
Feststeht jedenfalls, dass lediglich marginale literarische Nischenprodukte, die bestenfalls in Klein- und Selbstverlagen erscheinen können, ihre auktoriale Authentizität bewahren und sich der Vereinnahmung durch Künstliche Intelligenz entziehen werden. Die Nachfrage nach innovativer, formal anspruchsvoller Literatur dieser Art wie auch deren Verbreitung werden dadurch nicht zunehmen, da es dafür – wie seit eh und je – nur ein sehr beschränktes, hinreichend interessiertes und kompetentes Publikum gibt. Minderheitliche Leserschaft, marginale Autorschaft gegenüber dem quantitativ dominanten Literaturbetrieb, der auf der Produktions- wie auf der Rezeptionsseite – mit oder ohne KI – die Oberhand behält: „Stets halten die Wenigen etwas auf sich, weil sie nur wenige sind”, notierte einst Paul Valéry, „und stets gefallen sich die Vielen im Bewusstsein, viele (nämlich die Mehrheit) zu sein.” Das wird auch dann so bleiben, wenn Künstliche Intelligenz die gängige Belletristik eigenmächtig und unverantwortet übernimmt und solang eine noch so geringe Minorität persönlich engagierter Literaturschaffender am Werk ist.
Erstellungsdatum: 30.08.2026