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Die Theater machen wieder von sich reden. Zwei Premieren an zwei aufeinander folgenden Tagen in Frankfurt am Main. Am Freitag im Kammerspiel ein hübsches Kammerspiel: „Ich bin wie ihr. Ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser. Am Samstag im Schauspiel: „Buddenbrooks“, eine grandios misslungene Adaption des Romans für die Bühne. So hat Martin Lüdke die Inszenierungen gesehen.
Drei Frauen, Witwen allesamt, warten auf ihren Auftritt bei einer Pressekonferenz. Dazu Gottfried, ein Dolmetscher. Allein durch ihre Namen sind die drei Frauen leicht zu identifizieren. Frau Margot, sie war nicht nur die Gattin des SED-Chefs Erich Honecker, sie spielte selbst als Erziehungsministerin eine wichtige Rolle in diesem System und spielt jetzt deshalb ihre Bedeutung gern gegen die beiden anderen Damen aus. Frau Leila, die für die nordafrikanischen Diktatoren steht, und Frau Imelda, Witwe des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, unter anderem mit ihrer Sammelleidenschaft für Schuhe in das Kuriositätenkabinett des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Diese drei Frauen vertreiben sich, durch Verständnisschwierigkeiten deutlich behindert, die Wartezeit mit grotesken Eitelkeiten, harmlosen Scherzchen und eitlen Versuchen der Selbstdarstellung. Der Dolmetscher (von Wolfgang Vogler in seiner doppelten Verunsicherung glänzend präsentiert) versucht sich nicht nur in der Vermittlung häufig absurder Positionen, sondern geht, in souveräner Überschreitung seiner Kompetenzen, gerne auch seine eigenen Wege. Er beschwichtigt, verharmlost, fälscht und vermittelt. Er versteht sich eben nicht nur als (sprachlicher) Vermittler, sondern zeigt sich vor allem bemüht, auch nur die kleinste Kontroverse schon im Ansatz zu ersticken. Diese Interpretation seiner Rolle erzeugt natürlich vor allem – Komik, wenn nötig auch durch schlichte Versprecher verstärkt. Allein durch die wörtliche Wiederholung des Gesagten wirkt das Gesagte bereits komisch. (Dramaturgisch würde ich bei der Konzeption der Rolle gerne einige Fragezeichen setzen. Unter anderem, weil nie ganz klar wird, wann seine Vermittlung gebraucht wird und wann sie überflüssig ist. Denn häufig scheinen sich die Frauen auch ohne Übersetzung bestens zu verstehen.)
Die drei Frauen leben allesamt aus & von ihrer Vergangenheit. Margot wird von Manja Kuhl mit kühler Distanz als politische Größe aus eigener Macht präsentiert. Sie strahlt Selbstgewissheit bis zur Arroganz aus. Und sie demonstriert die Kühle, ja Kälte, die man ihrer Vorlage nachsagte. Deshalb beansprucht sie nicht ganz zu Unrecht eine führende Rolle in diesem Trio. Sie demonstriert immer wieder ihre Überlegenheit gegenüber den beiden Diktatoren-Frauen, beide glaubhaft präsentiert von Melanie Straub und Christina Geiße. Beide haben parasitär von der Macht ihrer Männer gelebt und bringen das auch jetzt auf der Bühne deutlich zum Ausdruck. Margot dagegen glaubt nach wie vor, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Und glaubt zudem, dass ihre Zeit noch, das meint: wieder, kommen wird. Die beiden anderen Damen leben gleichsam nur in der Vergangenheit.
Ella Haid-Schmallenberg (Regie) hat das Stück als flottes Konversationsstück auf die Bühne gebracht. Sie zeigt deutlich, wie Menschen, die einmal Macht hatten bzw. an der Macht partizipierten, sich schwer damit tun, die Realität anzuerkennen. Sie gibt ihren Darstellern den Raum, ihre Macken und Marotten plakativ, und damit wirksam auszustellen. Das heißt: sich also letztlich als arme Würstchen zu präsentieren. Das ist lustig und unterhaltsam. Die Zeit vergeht schnell. Zurück bleibt wenig.

Es fing schon gut, nämlich (fast) dramatisch, an. Die Hebebühne klemmte. Den halben Tag hatten die Techniker mühsam versucht, mit Hilfe aus der Ferne, eines Dresdner Büros, den Defekt zu beheben. Und es war bis zuletzt nicht ganz sicher, ob die Sache auch während der Aufführung noch funktionieren würde. Doch: Es funktionierte. Zumindest hier steigerte sich die Dramatik, nämlich in der Frage: WOZU?
Das Bühnenbild, tatsächlich konzipiert für den Niedergang einer ganzen Branche, Kohle-Stahl, vermutlich an Thyssen-Hoesch, im Ruhrpott orientiert. Eine reine, nach allen Seiten, in allen ihren Einzelelementen offene Stahlkonstruktion. Tief in den Bühnenboden, hoch in den Bühnenhimmel. Es steigt ein sowohl versenkbares wie auffahrbares Stahlgerüst mit freibaumelnden, nach allen Seiten offenen, weiß lackierten Einzelelementen, von ganz unten bis nach ganz oben. Stahl und offene, dadurch durchsichtige Rahmen, allerdings wie im Rohbau. Was das mit dem Niedergang des Handelskapitals im Übergang zum Industriekapital, im konkreten Fall mit dem Niedergang des Handelshauses Johann Buddenbrook & Nachfolger und dem Aufsteigen des den Umbruch-Zeiten besser angepassten Hauses Hagenström zu tun haben soll, das bleibt das Geheimnis der Regie und des Bühnenbildners Daniel Wollenzin. Sein Bühnenbild ist von der Geschichte der Buddenbrooks deutlich weiter entfernt als, sagen wir, Duisburg von der Hansestadt Lübeck. Sei`s drum.
Um Aufstieg und Verfall der Buddenbrooks darzustellen hat sich die Regisseurin aber noch etwas einfallen lassen. In der richtigen Erkenntnis, dass es sich hier keineswegs um ein Einzelschicksal handeln kann, hat sie die Individualitäten aufgelöst und die Protagonisten, sage und schreibe ACHT an der Zahl, mit wechselnden Rollen, vor allem aber als Chor auftreten lassen. Immer wieder klumpen die Akteure in einem Haufen zusammen und deklamieren dabei einen Text, der durch diese Art der Präsentation ziemlich gleichgültig wird. Rhythmus statt Sinn. Passend wiederum, das kann man schon zugeben, zum Bühnenbild.

Anders gesagt: Der Verfall des Bürgertums war schließlich ein Kollektivschicksal. Nur, um das (und zwar auch noch auf der Bühne) sichtbar zu machen, braucht man entweder (auf der Bühne ziemlich untauglich) Statistiken oder aber Einzelschicksale. Thomas Mann hatte seine eigene Familie als Beispiel genutzt und sie „Die Buddenbrooks“ genannt. In Lübeck kursierten bald nach Erscheinen des Romans 1901 bereits Listen, in denen die Namen der Protagonisten entschlüsselt worden waren.
Diese Einsicht blitzt nach der Pause wenigstens zweimal kurz auf, im Dialog der Brüder Christian und Thomas Buddenbrook. Zweimal dürfen die beiden Darsteller der Brüder, vorne an der Rampe postiert, ihren Streit direkt austragen. Zweimal an dem ganzen langen Abend wird dem Theater gegeben, was des Theaters ist: Dialog und dadurch Dramatik.
Ansonsten wird Text referiert. Schlicht nacherzählt, was da im Buche steht. Da geht es mal um die Tochter Tony Buddenbrook, die gleich zweimal, aus rein geschäftlichem Interesse, ‚gut‘ verheiratet wird, was in dem folgenden Beispiel hübsch schlicht referiert worden ist:
„A.: Hiermit beginnen schöne Sommerferien für Tony. Sie blüht auf, nichts lastet mehr auf ihr.
E.: In ihre Worte kehren Keckheit und Sorglosigkeit zurück.
H.: Tony sonnt sich, sie badet, isst Bratwurst mit Pfeffernusssauce und macht weite Spaziergänge mit, mit ...“
Oder, noch besser, dramaturgisch bearbeitet, wie zum ersten Empfang der Buddenbrooks in ihrem neuen Haus. Die Bewunderung der Gäste ist einhellig.
„P.: Ja.
A.: Ja.
S.: Ja.
C.: Das muss ich sagen.
P.: Hat ja auch gar kein Geld gekostet.“
In solchen kurzen Dialogen ist die chorische Präsentation, in der immer mal wieder Einzelstimmen hervortreten können, noch (v)erträglich. Mehr aber nicht. Wie gesagt, erst durch die Individualisierung wird auch ein kollektives Schicksal anschaulich. (Selbst im Fall der Serie „Holocaust“ wurde diese Wirkung erst durch Individualisierung erzielt. Kritiker sprachen zunächst von ‚Seifen-Oper‘, mussten dann aber zugestehen, dass die Wirkung alle Vorstellungen übertraf. Ähnlich bei „Schindlers Liste“.) Johanna Wehner, die auch für den Text verantwortlich ist, hat sich für den Weg des Referats und eine überwiegend chorisch/kollektive Darstellung entschieden. Was dadurch bleibt?
Ernst Bloch hat einmal den grandiosen Vorschlag gemacht, den Inhalt von Schillers Drama „Wilhelm Tell“ in einer Sentenz zusammenzufassen: „Ein Mann schießt auf Äpfel“. Das Frankfurter Schauspiel gibt seinen Besuchern auf einem Beipackzettel zur Inszenierung von Johanna Wehner immerhin den Hinweis mit: Die Regisseurin „gibt der detailverliebten, humorvollen Sprache Manns Raum auf der Bühne und inszeniert die Familiengeschichte mit einem großen Ensemble.“ Acht arme Akteure mühen sich vergeblich, mehr als Blochs Botschaft über die Rampe zu bringen. Drei Stunden Lebenszeit, die muss man (oder auch nicht) aufwenden. Der Beifall am Schluss war immerhin ordentlich.
I
Theresia Walser
Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel
Regie: Ella Haid-Schmallenberg
Bühne: Nora Schreiber
Kostüme Mirjam Kiefer
Musik: Nicolas Haumann
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Darsteller: Christina Geiße, Manja Kuhl, Melanie Straub, Wolfgang Vogler
II
Buddenbrooks
nach Thomas Mann
Bühnenfassung von Johanna Wehner
Regie: Johanna Wehner
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Ellen Hofmann
Musik: Vera Mohrs
Dramaturgie: Katrin Spira
Darsteller: Christoph Bornmüller, Heidi Ecks, Stefan Graf, Tanja Merlin Graf, Anna Kubin, Johanna Link, Christoph Pütthoff, Matthias Redlhammer
Erstellungsdatum: 28.04.2026