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Peter Kern über „Biomimetik und Klinische Konstruktion“ von Johannes Hätscher

Sieht man von den mitunter verheerenden Folgen von Blitzen, Vulkanausbrüchen und Meteoriteneinschlägen ab, muss die Welt ohne den Menschen paradiesisch gewesen sein. Obgleich selbst Teil der Natur setzt dieser dem Planeten beträchtlich zu. Peter Kern stellt das neue Buch von Johannes Hätscher vor, das aus einem Projekt der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hervorgegangen ist und in der Biomimetik die Möglichkeit eines Auswegs aus der Selbstzerstörungsspirale sieht.
„Technik und Wissenschaft als Ideologie“ nannte Jürgen Habermas einen Essay, den er Herbert Marcuse zu dessen 70. Geburtstag widmete. Die Rationalität der Naturwissenschaft und der von ihr ins Leben gerufenen Technologie sei eine der Verfügungsgewalt, rezipiert er die Theorie des Jubilars. Er sehe in ihr die vergegenständlichte Herrschaft über die äußere und die menschliche Natur. Ein solches Verständnis laufe auf eine revolutionierte Wissenschaft und Technik als Bedingung menschlicher Emanzipation hinaus. Marcuse spekuliere über eine Rationalität, die ihren Gegenstand mit anderen als den physikalischen Gesetzesbegriffen erfasse. Eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse solle eine Natur freisetzen, mit der sich kommunizieren ließe. Habermas erklärt diese Utopie zu einer überbordenden romantischen Vorstellung.
Es war eine Kontroverse unter zwei Freunden. Man begreift, dass zarte Besaitung nicht gefragt war, wenn es bei den beiden um die theoretische Sache ging. Habermas gibt Marcuses Begriff der instrumentellen Vernunft, dem dieser eine vage Spekulation über ein mögliches Natursubjekt unterspannt, unverfälscht wieder. Dann bedient er sich dieser Konstruktion als eines Trampolins, um sein Theoriemodell vorzuführen: Hier die Arbeit anleitende instrumentelle, dort die auf das bessere Argument gegründete kommunikative Vernunft.
Die neuzeitliche Wissenschaft, so seine Kritik, sei kein historisches, transitorisches Projekt, das man hinter sich lassen könne, eine Erkenntnis, die er anthropologisch untermauert. Demnach folgt die Entwicklung der Technik dem fortlaufenden Ersatz eines menschlichen Organs durch ein technisches Mittel: erst die Hände und Beine, dann die Augen und die Ohren, endlich die intelligente Funktion des Gehirns. Diese ‚Entorganisierung‘ sei die Logik menschlicher Arbeit und damit eine ewige Notwendigkeit. Von der Utopie einer neuen Technik, einer alternativen Wissenschaft und einer die Augen aufschlagenden Natur gelte es Abschied zu nehmen.
Man las Habermas damals – die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften führten noch Grundsatzdebatten – als nüchternen Soziologen, der die mit der Studentenrevolte noch einmal jung gewordene Kritische Theorie endlich ins Erwachsenenalter überführte. Den nicht minder zahlreichen Kritikern Habermas‘ grauste bei dieser Überführung; Friedhof und Beerdigung waren ihre Assoziation.
Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen, und plötzlich packt ein damals noch gar nicht geborener Autor den Streitgegenstand wieder an. Er besteht auf Neuverhandlung. Dass er neben der philosophischen auch über die naturwissenschaftliche Sichtweise auf seinen Gegenstand verfügt, macht den Reiz seines Buchs aus.
Liest man das Wort Biomimetik in Verbindung mit Ingenieurwesen und Naturforschung, (wie im Untertitel des Buchs) zum ersten Mal, denkt man an das, was man heute Green Tech nennt. Was nicht ganz verkehrt ist; denn es geht dieser Disziplin um das Auffinden technischer Wirkprinzipien in Nachahmung der Natur. Es ist die mit Forschung und Entwicklung betriebene Suche nach einer Perspektive der Industriegesellschaft, die vermeidet, was der existierenden eingeschrieben ist: Erderwärmung, Artensterben, Flutkatastrophen. Unter Biomimetik ist ein Anschmiegen an die Natur zu verstehen, mit dem Zweck, ihr technische Lösungen abzuschauen. Das von Johannes Hätscher in seinem Buch vorgestellte Projekt wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Die diese Forschungsrichtung betreiben, gehören mithin keinem ökologischen Konventikel an.
Schon Leonardo da Vinci war Biomimetiker. Die ersten Entwürfe für einen Flugapparat gehen aus dem Studium des Storchenflugs hervor. Und so wie er muss jeder mit der Sache Befasste nolens volens Naturforschung betreiben. Es ist keine Forschung um ihrer selbst willen; es geht um Wissensextravismus, ein sozialwissenschaftlicher Terminus, wie der Leser erfährt. Dieser industriellen Praxis, umgangssprachlich abgreifen genannt, huldigt Hätscher nicht als kritikloser Evangelist. Die Apologie der Unternehmensberater, „die Natur…als überlegene(n) Wettbewerber im Markt“ anzupreisen, geht ihm völlig gegen den Strich. Er nennt es pervers, Lebewesen kurz vorm Aussterben ihrer Art digital zu kopieren, damit die ihrem Organismus eigenen Qualitäten der späteren industriellen Anwendung ja nicht verloren gehen.
Worin liegt dann der humane Sinn der Sache? Es ist die theoretische Arbeit „nach neuen institutionellen Wegen (zu) suchen, Technikentwicklung so zu gestalten, dass wir dabei nicht unsere eigene Lebensgrundlage zerstören.“ Hätscher versteht sich als Vertreter einer material forschenden Soziologie; als solcher ist er sich nicht zu schade, Vorschläge für eine Reform der industriellen Arbeit zu machen. Noch über das Curriculum des Ingenieurstudiums denkt er nach. Eine vom Wachstumsdiktat befreite Industriepolitik ist das Telos dieser klinisch genannten Soziologie.
Solche Reformidee hat es bisher nicht geschafft, aus kleinen akademischen Zirkeln auszubrechen. Hätscher lotet aus, ob dies mit der Biomimetik gelingen kann. Er setzt auf diese in der Schnittstelle von Industrie und Akademie angesiedelte Praxis seine Hoffnung, denn solche Mimetik halte im Verein mit der historischen Situation die Wissenschaftler zur Naturforschung an. Was charakterisiert die historische Situation? Nicht zuletzt sind es die Ausfallerscheinungen der natürlichen Umwelt. Naturforschung, die im Kontakt mit Philosophie reflexiv geworden sei, könne helfen, einen Begriff ihrer Objekte jenseits ihrer bloßen Vernutzung zu entwickeln.
Hätschers Buch ist aus einem Projekt der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hervorgegangen. Überquert man in Frankfurt-Bockenheim den Anlagenring, an dem die Gesellschaft mit ihrem gleichnamigen Museum liegt, kommt man zum Institut für Sozialforschung. Bei den Theoretikern des alten Instituts hat sich der Autor umgeschaut auf der Suche nach dem analytischen Besteck, hilfreich, um eine tiefere Schicht der Natur freizulegen als es die Naturwissenschaft vermag. Alfred Schmidt und Karl Heinz Haag finden sich sehr gewürdigt.
Über den Erstgenannten scheint die Zeit hinweggegangen, den Zweiten kennt schon kaum jemand mehr. Nun sind aber, so der Autor trotzig, „der Verbreitungsgrad oder das Alter eines Textes keine guten Indikatoren für seinen Wahrheitsgehalt“, und man möchte ihm zurufen: Das gilt auch für deinen eigenen.
Hätscher spürt dem Unbehagen an der szientifischen Weltauffassung nach. Er erlebt es in seinem wissenschaftlichen Umfeld: Den Biologinnen und Biologen sterben die Forschungsobjekte gleichsam unter der Hand weg. Auch im Veganismus, keineswegs bloß eine Modeerscheinung, kommt das Unbehagen zum Ausdruck. Wer ein Tier nicht verspeisen kann, sieht in ihm anderes als die chemischen Elemente, aus denen seine Sehnen, Muskeln, Knochen, Blutbahnen und Gehirnareale bestehen. Der tierische Organismus verweist auf mehr als eine Erklärung mit Phosphat, Aminosäure und Zellteilung zu leisten vermag. Einem Tier eine Aura zuzusprechen, ist kein metaphysischer Unsinn, sondern ein Zeichen von Humanität.
Der zur Welterklärung drapierte Darwinismus, die gängige Brücke zwischen Naturwissenschaft und Alltagsverstand, ist ins Wackeln geraten. Naturgeschichte kann philosophische Theorie nicht ersetzen, Hätschers Buch ist dafür ein weiterer Beleg. Versuch und Irrtum, geglückter Versuch und Weiterspielen, das Prinzip, das die Kosmogenese erklären soll, ist selbst in Erklärungsnot geraten. Der evolutionäre Prozess per Auslese setzt voraus, was er zum Resultat haben soll, die für Mutationen geeigneten Lebewesen. Der Verweis auf die vier Milliarden Jahre, die der Evolutionsprozess hinter sich hat, kann nicht als Argument dienen. Zeit ist nicht die Ursache von Entwicklung, hat Hegel schon geschrieben. Der überhöhte Darwinismus muss seiner eigenen Voraussetzung nach von einer ersten, chemisch zu bestimmenden Materie ausgehen, einem replikationsfähigen Urstoff. Dann muss er darlegen, wie unsere den Naturprozess begreifende Vernunft ein Produkt eben dieses Prozesses ist, wie Bewusstsein, Moral, Sprache aus der natürlichen Auslese hervorgehen. Der ontologische Gottesbeweis der Scholastik ist ein Klacks dagegen.
Diesem Buch fehlen all die Buzz-Wörter, womit einer heute zeigt, dass er Ahnung hat. Der es geschrieben hat, hat mehr als eine bloße Ahnung. Und er findet tolle Sprachbilder. Zur Logik des Ingenieurwesens: „Der schnellste Weg beim Autobahnbau ist die Gerade und alles, was damit nicht identisch ist, lässt sich planieren.“ Treffend sein Bild der deutschen Konzerne, halböffentliche Körperschaften, deren „Faszien die strategischen Unternehmensberatungen, Regulierungspakete und Think Tanks darstellen.“ Fein eingestellt sein Blick für den Alltag: In den vollgestopften Supermärkten lebe das Bild vom Schlaraffenland wieder auf, ins Unbewusste eingesenkt von den Märchen unserer Kindheit.
Ganz verhalten, das Buch zeugt davon, ist der Beginn einer Diskussion wahrzunehmen, die die Interpretation der Welt als eine nachmetaphysische nicht stehen lässt. An der allerneusten Linken, die ein mit einem großen Namen versehenes und für Theoriedebatten angeblich offenes Institut ihr Eigen nennt, geht dies völlig vorbei. Ebenso an der TAZ, ein Schatten ihrer selbst. Da muss man dann dem FAZ-Feuilleton fast dankbar sein, dass es das Thema Habermas nicht längst wieder abgehakt hat und eine Debatte führt, die eine nichtexistente theoriefähige Linke führen müsste.
Die eingangs referierte Kontroverse zwischen Habermas und Marcuse findet in diesem Buch ihre Fortsetzung. Die Debatte ist nicht beendet. Fortzusetzen wäre sie ohne Verratsgeschrei und Vasallentreue. Dass mit dem linguistic turn, der kommunikativen Wende, der Gegenstandsbereich der Natur aus dem Auge geriet, (worauf Murray Bookchin sehr früh schon hinwies) hat zu einer Sehnerv-Verkürzung geführt, die angesichts der ökologischen Krisenherde fatal ist.
In einem Punkt hatte Marcuse recht behalten; Technik und Wissenschaft sind keineswegs politisch neutral. Sie setzen die gesteigerten Produktivkräfte in Gang, die die Verhältnisse unendlich stabilisieren (statt sie zu sprengen, wie Karl Marx noch glaubte). Die technologische Power der Ökonomie sorgt für die Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft und sie sorgt für Legitimation. Wer Zugang zur gebotenen Warenfülle hat, ist mit seiner Lohnarbeit und seiner Entmündigung versöhnt. Marcuse sprach damals vom Neuen der historischen Situation; es ist die unsere geblieben. Der auf ewiges Wachstum gepolte Kapitalismus bezieht seine Zustimmungswerte nicht aus der politischen, sondern aus der Konsumsphäre. Der Konsum der nach der Arbeit zu kaufenden Waren kann noch so widersinnig und für Umwelt wie Nachwelt verheerend sein: Verzicht auf den Stoff kommt schwerlich in Frage.

Johannes Hätscher
Biomimetik und Klinische Konstruktion
Drei Modelle institutionalisierter Zusammenarbeit von Naturforschung und Ingenieurwesen
284 S., brosch.
ISBN: 978-3-95832-428-2
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2026
Erstellungsdatum: 28.07.2026