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Astrid Heligonda Roemer, die Grande Dame der niederländischsprachigen Literatur in der Karibik, ist tot. Sie starb am 8. Januar 2026 im Alter von 78 Jahren in ihrer Heimatstadt Paramaribo, wo sie seit 2019 wieder lebte. Ihr Oeuvre, bestehend aus Romanen, Theaterstücken und Gedichten, ist immens, in deutscher Übersetzung liegen drei Romane vor. Die Übersetzerin Bettina Bach würdigt in ihrem Nachruf Leben und Werk von Astrid Roemer und gibt dabei auch einen Einblick in ihre Zusammenarbeit mit dieser beeindruckenden Frau.
1999 erschien der Roman Könnte Liebe sein (Lijken op liefde) in der Übersetzung von Christiane Kuby, dafür wurde Roemer mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Erst ein knappes Vierteljahrhundert später wurden weitere Werke auf Deutsch in meiner Übersetzung publiziert. Der Residenz Verlag veröffentlichte Gebrochen-Weiß (Gebroken Wit), Roemers wichtiges postkoloniales Familienepos. Im Sommer 2023 stand der Roman auf Platz 1 der Weltempfänger-Bestenliste. Ein Jahr später erschien Vom Wahnsinn einer Frau (Over de gekte van een vrouw), Roemers bahnbrechendes Debüt, das in den 1980ern in den Niederlanden Furore machte und ihren Ruf als feministische, politisch engagierte Autorin begründete.
Vom Wahnsinn einer Frau erzählt die Geschichte der jungen Nunka, die aus ihrer Ehe auszubrechen versucht und an die Grenzen der patriarchalen Gesellschaft stößt. Formal ist der Roman in Fragmenten erzählt, bleibt aber im Wesentlichen der niederländischen Hochsprache verhaftet. Gebrochen-Weiß hingegen, das knapp vierzig Jahre später geschrieben wurde, bedient sich einer auf vielen Ebenen ungewöhnlichen Sprache, hier werden tradierte Erzählkonventionen permanent gebrochen. Syntax und Wortwiederholungen sind aus der oralen Erzähltradition in Suriname entlehnt, die auf den ersten Blick befremdlichen Wechsel der Tempusformen bilden die Verwobenheit von Gegenwart und Geschichte ab, wie sie sich in den Erzählpassagen für die Personen selbst darstellt. Die Interpunktion ist eigenwillig, direkte und indirekte Rede sind in den Erzählfluss verwoben. Der Text als Ganzes ist jedoch organisch, alle irritierenden Elemente sind im soghaften musikalischen Rhythmus des surinamischen Niederländisch begründet.
So hat Roemer nicht nur thematisch, sondern auch formal viel für die Emanzipation der postkolonialen surinamischen Bevölkerung getan, eine Aufgabe, der sie sich bis zu ihrem Lebensende verschrieben hatte.
Im Lauf ihres Lebens erhielt Astrid H. Roemer die zwei renommiertesten niederländischen Literaturpreise, 2016 den P.C.-Hooft-Preis und 2021 die höchste Auszeichnung überhaupt, den Prijs der Nederlandse Letteren. Beide Auszeichnungen bekam sie als erste PoC. Die Jury des P.C.-Hooft-Preises sprach davon, dass politisches Engagement und literarisches Experiment bei ihr Hand in Hand gingen. Die Jury des Prijs der Nederlandse Letteren befand, mit ihren Romanen, Theatertexten und Gedichten bekleide sie eine einzigartige Position in der niederländischsprachigen Literaturlandschaft. „Ihr Werk ist unkonventionell, poetisch und experimentell zugleich und schafft es, die große Geschichte und ihre Themen (Korruption, Spannungen, Schuld, Kolonialisierung und Dekolonialisierung) mit der kleinen Geschichte zu verbinden.“
Als selbstbewusste, selbstbestimmte Frau war sie sich ihrer Bedeutung durchaus bewusst. Über ihre drei Romane, die später unter dem Titel Onmogelijk moederland zusammengefasst wurden, sagte Astrid H. Roemer der Zeitung NRC Handelsblad einmal: „Es mag arrogant klingen, aber wer diese Bücher hintereinanderweg liest, ist seine neurotische Beziehung zu Suriname und den Niederlanden für immer los.”
Die Autorin, die bereits 1985 von sich sagte: „Wenn ich schreibe, bin ich kein Mann, keine Frau, nicht weiß, nicht schwarz, sondern ein schöpferischer Mensch“, hätte im niederländischen Sprachraum nicht mehr Anerkennung bekommen können. Außerhalb von Suriname, den Niederlanden und Belgien blieb sie jedoch lange Zeit eher ein Geheimtipp. Das änderte sich in ihren letzten Lebensjahren, als ihr Debütroman unter dem Titel On a Woman's Madness von Lucy Scott ins Englische übertragen wurde. Ihr Werk, das thematisch und stilistisch mit dem von Toni Morrison und Alice Walker verwandt ist, stieß auch in den USA auf Resonanz. 2023 stand die englische Übersetzung erst auf der Shortlist des angesehenen US National Book Award und 2025 dann auf der Longlist des International Booker Prize.
Seit Anfang 2021, als ich anfing, mich mit Gebrochen-Weiß zu beschäftigen, stand ich in engem, vertrauensvollem Kontakt mit Astrid Roemer, die mir gleich auf meine erste Mail hin jede Freiheit beim Übersetzen gab. Sie schrieb, sie sei bereit, auf Fragen zu antworten, wünsche sich aber vor allem, dass ich mir den Text aneigne, freue sich auf das Erscheinen des Buchs in deutscher Sprache und würde mich sehr gern in Paramaribo begrüßen. Das war zu Corona-Zeiten unmöglich, doch Anfang 2023 lernte ich Astrid Roemer beim Winternachten Festival in Den Haag kennen. Im April 23 begegnete ich ihr mehrfach in Amsterdam, und wenige Monate später, im Herbst 23, besuchte ich sie wirklich in ihrer Wohnung in Paramaribo. Astrid Roemer und ich tauschten uns lange und intensiv über ihren Debütroman aus, an dessen Übersetzung ich damals arbeitete, wie auch über das Thema, das ihr schon immer und bis zum Schluss am Herzen lag: den Kolonialismus in all seinen Facetten, und wie er bis heute den öffentlichen und privaten Raum beherrscht. Meine Reise nach Suriname öffnete mir zusammen mit der Lektüre von Astrid H. Roemers Werken die Augen dafür, was es bedeutet, in einer multiethnischen postkolonialen Gesellschaft zu leben.
Im März 2024, nach Erscheinen ihres Debütromans in deutscher Sprache, traten wir gemeinsam bei Lesungen in Wien und Leipzig auf, zuletzt im Grassi-Museum im Rahmen des Gastlandauftritts der Niederlande und Flanderns auf der Buchmesse. Obwohl es Astrid Roemer gesundheitlich nicht sehr gut ging, war sie unglaublich präsent und sehr charismatisch, und so wird mir die große postkoloniale Autorin in Erinnerung bleiben.
Siehe auch:
Astrid H. Roemers Roman „Gebrochen-Weiß“

In der neuen Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge übersetzte Literatur aus dem „Litprom-Kosmos“ vor: Bücher aus dem globalen Süden, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst dabei zu Wort. Einen Textauszug als Leseprobe gibt es dazu.
Diese Rubrik betreut Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge bitte direkt an: anita.djafari@posteo.de
Erstellungsdatum: 02.02.2026