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Nachruf auf Astrid Heligonda Roemer

Kein Mann, keine Frau, nicht schwarz, nicht weiß

Bettina Bach


Astrid H. Roemer im Jahr 1988. Foto: wikimedia commons

Astrid Heligonda Roemer, die Grande Dame der niederländischsprachigen Literatur in der Karibik, ist tot. Sie starb am 8. Januar 2026 im Alter von 78 Jahren in ihrer Heimatstadt Paramaribo, wo sie seit 2019 wieder lebte. Ihr Oeuvre, bestehend aus Romanen, Theaterstücken und Gedichten, ist immens, in deutscher Übersetzung liegen drei Romane vor. Die Übersetzerin Bettina Bach würdigt in ihrem Nachruf Leben und Werk von Astrid Roemer und gibt dabei auch einen Einblick in ihre Zusammenarbeit mit dieser beeindruckenden Frau. 

 

1999 erschien der Roman Könnte Liebe sein (Lijken op liefde) in der Übersetzung von Christiane Kuby, dafür wurde Roemer mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Erst ein knappes Vierteljahrhundert später wurden weitere Werke auf Deutsch in meiner Übersetzung publiziert. Der Residenz Verlag veröffentlichte Gebrochen-Weiß (Gebroken Wit), Roemers wichtiges postkoloniales Familienepos. Im Sommer 2023 stand der Roman auf Platz 1 der Weltempfänger-Bestenliste. Ein Jahr später erschien Vom Wahnsinn einer Frau (Over de gekte van een vrouw), Roemers bahnbrechendes Debüt, das in den 1980ern in den Niederlanden Furore machte und ihren Ruf als feministische, politisch engagierte Autorin begründete. 

Vom Wahnsinn einer Frau erzählt die Geschichte der jungen Nunka, die aus ihrer Ehe auszubrechen versucht und an die Grenzen der patriarchalen Gesellschaft stößt. Formal ist der Roman in Fragmenten erzählt, bleibt aber im Wesentlichen der niederländischen Hochsprache verhaftet. Gebrochen-Weiß hingegen, das knapp vierzig Jahre später geschrieben wurde, bedient sich einer auf vielen Ebenen ungewöhnlichen Sprache, hier werden tradierte Erzählkonventionen permanent gebrochen. Syntax und Wortwiederholungen sind aus der oralen Erzähltradition in Suriname entlehnt, die auf den ersten Blick befremdlichen Wechsel der Tempusformen bilden die Verwobenheit von Gegenwart und Geschichte ab, wie sie sich in den Erzählpassagen für die Personen selbst darstellt. Die Interpunktion ist eigenwillig, direkte und indirekte Rede sind in den Erzählfluss verwoben. Der Text als Ganzes ist jedoch organisch, alle irritierenden Elemente sind im soghaften musikalischen Rhythmus des surinamischen Niederländisch begründet.

In der neuen Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge übersetzte Literatur aus dem „Litprom-Kosmos“ vor: Bücher aus dem globalen Süden, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst dabei zu Wort. Einen Textauszug als Leseprobe gibt es dazu.


Diese Rubrik betreut Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge bitte direkt an: anita.djafari@posteo.de

Erstellungsdatum: 02.02.2026