MENU
Margarete Berghoff über „Zaide“ von Wolfgang Amadeus Mozart in der Oper Frankfurt

Mozarts Fragment „Zaide“ wird im Bockenheimer Depot zum Schauplatz von Gewalt und Folter. Regisseur David Hermann ergänzt das unvollendete Singspiel mit Auszügen aus „Thamos, König in Ägypten“ und setzt auf eine drastische Bildsprache. Zwischen der heiteren Musik Mozarts und den brutalen Szenen entsteht ein Spannungsfeld. Margarete Berghoff hat die Aufführung gesehen und fragt nach den Grenzen und der Wirkung von Gewalt im Theater und welche Folgen diese drastische Inszenierung auf das Publikum hat.
Gewalt und Folter im Bockenheimer Depot
Vom lästigen Staub der Aufklärung befreit, stößt die Oper „Zaide“ unter der Regie von David Hermann in eine neue Dimension vor. Unter der weltweit nicht zu übersehenden Entwicklung von Gewalt durch Kriege und autokratische Systeme liegt es nahe, Gewalt auch zum Thema einer Operninszenierung zu machen. Schon vor David Hermann haben wir das mehrfach gesehen. Doch noch nie so eindimensional, so arm an Facetten, so reduziert auf pure Gewalt wie in dieser Interpretation von „Zaide“.
„Zaide“ ist ein Fragment. Es gibt nur fünfzehn musikalische Nummern und keine gesprochenen Zwischentexte. Es fehlen die Ouvertüre und das Ende. Um dieses Fragment musikalisch zu erweitern und es mehr der Interpretation des Regisseurs anzupassen, hat man einige eher düstere orchestrale Stücke aus der Schauspielmusik „Thamos, König von Ägypten“ von Mozart eingefügt. Musikalisch zerfiel „Zaide“ dadurch in zwei Teile. Heiter das ursprüngliche Fragment und finster die musikalische Ergänzung.
„Zaide“ basiert auf einer ähnlichen Geschichte wie Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, die er zwei Jahre später schrieb: Ein Sultan will die Liebe einer christlichen Sklavin erzwingen. In der „Entführung aus dem Serail“ gibt er sie am Ende frei. Er erkennt, dass Liebe nicht erzwungen werden kann, und gibt ihr und sogar ihrem Geliebten die Freiheit zurück. Das Fragment „Zaide“ endet abrupt nach einer misslungenen Flucht der sich liebenden Sklaven. Ob sie danach, wie angedroht, getötet werden oder ob sie begnadigt werden, bleibt hier offen. Mozart schrieb nicht weiter. Das eröffnet dem Regisseur mehrfache Möglichkeiten, mit dem fragmentarischen Ende umzugehen.

Der Bühnenbildner Jo Schramm – und hierfür seien die Werkstätten und deren Mitarbeiter:innen ausdrücklich gelobt – hat sich für die Inszenierung von David Hermann ein besonderes Bühnenbild für das räumlich wandelbare Bockenheimer Depot ausgedacht und bauen lassen. Ein mit Stufen erhöhter großer ovaler römischer Circus Maximus. Das Publikum ist an drei Seiten bis zur Mitte des Ovals platziert. Mittendrin das Orchester, wie in einem Schiff. Über dem Circus Maximus ist ein großes Oval aus metallenen Laufschienen angebracht. An den Laufschienen hängen Stangen. An den Stangen sind römische Brustpanzer befestigt. In jedem Panzer steckt ein Sklave. Jeder hat seine Laufbahn. Langsam, ächzend, stolpernd, mit letzter Kraft bewegen sie sich das ganze Stück über auf ihren vorgegebenen Bahnen. Geführt von den Stangen, mit seitlichen Scheuklappen an den Augen. Ab und zu dürfen sie die Panzer ablegen, fallen zu Boden und schlafen.
Der Circus Maximus ist das Zentrum der Inszenierung. Mit seinen Laufbahnen und metallischen Gestängen ist er ein perfektes Theater-Folter-Setting. Er bietet darüber hinaus an den zwei Enden, auf zwei kleinen Plateaus, Raum für weitere Grausamkeiten. Strafen, bei denen Menschen beispielsweise durch eine Luke einem wilden Tier zum Fraß vorgeworfen werden, das in den Tiefen des Circus Maximus lebt und nur selten zu sehen ist. Der Despot tritt auch mal auf den Kopf der vor ihm im Staub liegenden Zaide. Würgen, Schlagen und Stoßen sind hier der normale Umgang. Auch eine mysteriöse Händeverstümmelung ist zu sehen. Letztendlich werden die Liebenden mit Gesichtsmasken kriechend dem Tod zugeführt. Keine Begnadigung! Das Bild verschwimmt im Nebel.

Es ist im Theater immer eine wichtige und schwierige Frage, wenn schon Gewalt gezeigt wird, wie kann diese auf der Bühne glaubhaft und angemessen inszeniert werden, ohne dass sie gefeiert oder zur plakativen und falschen Aussage wird. Die Oper arbeitet traditionell in den allermeisten Fällen nur mit Andeutungen oder unsichtbarer Gewalt in Nebenzimmern. Das Theater traut sich da manchmal mehr zu. Wurde mit dieser Inszenierung der „Zaide“ ein Tabu der Oper gebrochen? Warum sich der Regisseur so einseitig der Gewalt verschrieben hat, erschließt sich nicht. Mozarts Komposition und das Sujet geben das nicht vor. Mord und Gewalt dienen bei Mozart immer der Überzeichnung, oftmals gibt es ein Einsehen oder eine Bestrafung des Mörders, wie z. B. in „Don Giovanni“.
Originaltext des Fragments – 1. Chor der Sklaven
„Brüder, lasst uns lustig sein, trotzet wacker den Beschwerden, denkt, es ist der Fluch der Erden: Jeder Mensch hat seine Pein. Lasst uns singen, lasst uns lachen, kann man's doch nicht anders machen...“
Das Fragment „Zaide“ wird hier zum Ausgangspunkt einer willkürlichen Interpretation. Der Kontrast der verspielten Musik Mozarts und der rohen Gewalt auf der Bühne erzeugt zeitweise eine interessante Spannung. Doch erfährt die Musik dadurch Abwertung, weil sie unwirklich schön erscheint, fast wie eine Lüge.
Die Kostüme (Sybille Wallum) sind angelehnt an das klassische römische Kostüm des Barock. Kurzer Rock und Brustpanzer. Modern umgesetzt, alles in Weiß-Grau mit Rot abgesetzt. Die Brustpanzer sind eine sportliche Variante aus Steppstoff. Der Despot und sein Folterknecht, beide in khakifarbenen Umhängen, ihre Augen hinter übergroßen, dicht an den Kopf anliegenden Sonnenbrillen versteckt.
Die letzte Rettung in der Oper ist die Musik! Die musikalische Qualität ließ nichts zu wünschen übrig. Der Dirigent (George Petrou) gab ein präzises, schnelles Tempo vor, das die Musik zeitweise zum Glühen brachte. Karolina Bengtsson, in der Rolle der Zaide, eine wahre Mozart-Sängerin. Sie füllte mit ihrer klaren Stimme den ganzen Raum. Ihre Arien trugen den Abend, ein Lichtblick und Hoffnungsschimmer. Die Sänger taten sich schwerer. Ihr Klang verhallte zum Teil, je nachdem, wo sie standen, auf dem großen Oval des Circus Maximus. Die Akustik war aufgrund des ungewöhnlichen Raumkonzepts insgesamt schwierig.

Es drängt sich die Frage auf: Wie geht es den Opernsänger*innen mit der massiven Gewalt in dieser Inszenierung? Durften sie sich einbringen oder sich verweigern? Regisseur David Hermann treibt es, sichtlich in sein Konzept verliebt, auf die Spitze. Gewalt ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Psychologie, ohne Entwicklung. Er vertraut nicht der Eigenleistung geistiger Prozesse des Publikums. Wenn die Phantasie nicht ausreicht, sich die Qualen von gefolterten Menschen auszumalen, kann man sich das Szenarium momentan noch eins zu eins auf der Bühne im Bockenheimer Depot anschauen. Hier bekommt man den ganz normalen Folter-Wahnsinn vorgeführt. Gewalt konsumieren viele Menschen in Filmen und Nachrichten fast jeden Tag. Sie finden das unterhaltsam. Jeden Abend ein wenig Gewalt, das trägt bei zur Entspannung. Denn sie selbst betrifft es ja nicht. Darum sind Menschen heute weitgehend an das Sehen von Gewalt gewöhnt und entsprechend abgestumpft. Parallel dazu kann man eine steigende Empfindlichkeit des Einzelnen gegenüber Kritik feststellen, die schnell in Gewalt umschlagen kann. Da reicht manchmal schon eine Aufforderung, eine Bitte oder ein etwas ruppiges Wort für eklatante unangemessene Reaktionen.
Was bedeutet es, wenn Oper und Theater Orte sind, an denen Grausamkeit unreflektiert nachgespielt wird? Selbst Menschen, die Gewaltfilme privat ablehnen, vertrauen sich diesbezüglich dem Theater an, was an der überwiegend positiven Reaktion des Publikums am Ende von „Zaide“ deutlich wurde. Da wird auch deutlich, welche Verantwortung das Theater und die Oper tragen. Die Oper bemüht sich stark um ein junges Publikum. Welche Erkenntniswerte sollen den Jugendlichen hier vermittelt werden? Dass gerade junge Leute, die durch die Medien heute viel zu früh mit unreflektierter Gewalt in Kontakt kommen, nun in der Oper auf desillusionierende Weise rohe Gewalt künstlerisch beglaubigt sehen, wer verantwortet das?
Die Zuschauer folgten bei der Premiere brav und still dem Geschehen. Kein Mucks, kein lautes Atmen. Am Ende zehn Sekunden Stille und danach Gejohle, Geschrei und Bravorufe. Einige wenige Buhs für das Regieteam.

Foto: Barbara Aumüller
Zaide
Deutsches Singspiel in zwei Akten, Fragment von 1779/80.
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Text von Johann Andreas Schachtner.
Uraufführung 1866, Opernhaus, Frankfurt.
Mit Auszügen aus Mozarts Schauspielmusik Thamos, König in Ägypten (1773)
BESETZUNG
Musikalische Leitung
George Petrou
Inszenierung
David Hermann
Bühnenbild
Jo Schramm
Kostüme
Sibylle Wallum
Licht
Joachim Klein
Dramaturgie
Mareike Wink
Zaide
Karolina Bengtsson
Gomatz
Michael Porter
Soliman
Peter Marsh
Allazim
Aleksander Myrling
Osmin
Pete Thanapat
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Erstellungsdatum: 04.10.2026