MENU

Er ist gerade 90 Jahre alt geworden und wird dereinst mit erhobener Faust ins Pantheon des Kinos einziehen. Unter Margaret Thatcher bekam es der sozialengagierte Filmregisseur, Drehbuchautor und Trotzkist, Ken Loach, mit Zensur und Verboten zu tun. Das hat ihm geschadet, aber nicht verhindern können, dass er als Repräsentant des sozialrealistischen Films in Großbritannien große Anerkennung erfährt. Marli Feldvoß hat ihn porträtiert.
Alle schwören auf Ken Loach. Journalisten, Fußballfans, Protestbewegungen aller Art und immer wieder die Mitarbeiter auf dem Set seines jeweiligen Films. Alle loben den Mann ohne Allüren, seine Bescheidenheit, seine Höflichkeit. Kommandos wie „Action“ oder „Cut“ kämen nicht über seine Lippen. Ein Heiliger? Wären da nicht die kleinen Tricks, mit denen er seine Schauspieler zu Höchstleistungen anspornt, um seine Auffassung von Realismus aus ihnen herauszukitzeln. „You loached me.“ kontern sie scherzhaft, wenn der Regisseur sie wieder blind in ihre Rolle rennen ließ, ohne dass sie genau über Drehbuch oder Dialoge informiert worden wären. Er legt es bewusst darauf an, ihren Adrenalinspiegel in die Höhe zu jagen, um die frei werdende Energie für seine Inszenierung zu nutzen. Sein Credo: Hauptsache authentisch.
Auch Peter Mullen, dem Hauptdarsteller von MY NAME IS JOE (1998), muss es so ergangen sein. Joe ist schon lange arbeitslos, Stammgast bei den anonymen Alkoholikern, dennoch ist er ein unverbesserlicher Optimist, wenn es um seine Fußballmannschaft oder seine neue Flamme geht. Joe ist ein typischer Ken-Loach-Charakter: ein guter Kumpel, der große Stücke auf Solidarität und Kameradschaft hält. Ein verspäteter Held der Arbeiterklasse, die in neoliberalen Zeiten längst aufgerieben ist. Das gilt auch für die Gleisarbeiter aus THE NAVIGATORS (2001), den Bauarbeiter aus RIFF RAFF (1991) oder den verzweifelten Vater aus RAINING STONES (1993), der für seine kleine Tochter wenigstens ein passables Kleid für die Erstkommunion kaufen will.
Wer hätte das gedacht, dass den am 17. Juni 1936 in Nuneaton in der Grafschaft Warwickshire geborenen Elektrikersohn Kenneth Loach ein derart bewegtes Künstlerleben erwartete? Die Leidenschaft fürs Theater fing schon während des Jurastudiums in Oxford an. In den frühen 1960er Jahren kam er zum Fernsehen, erntete Preise für seine stets sozialkritischen Regiearbeiten und löste mit seiner Serie THE WEDNESDAY PLAY sogar eine Reform der britischen Obdachlosengesetze aus. Der Durchbruch kam mit seinem zweiten poetischen Kinofilm KES (1970), die Geschichte eines Arbeiterjungen, der einen jungen Falken findet und großzieht und dabei unvergessliche Momente von Freiheit und Lebenssinn erlebt. Viele halten KES für seinen besten Film überhaupt. 32 Jahre später löste SWEET SIXTEEN (2002) – über die Straßenkinder in Glasgow – ähnliche Lobeshymnen aus.
Ken Loach hört nicht auf, der Arbeiterklasse eine Stimme zu geben. „Menschen kämpfen immer weiter, Menschen hören nie auf, sich zu wehren.“ Daran glaubt er felsenfest. Auch, dass die Kunst auf Bühne oder Leinwand nicht von der bürgerlichen Mittelklasse gepachtet ist. Er ist heute ein Fossil, denn er ist fast der einzige, der den sogenannten britischen Kitchen Sink Realism (Spülbecken-Realismus) der 1950er Jahre nicht vergessen hat. Dass Loach aus dem versprengten Kreis der Linken als undogmatischer Marxist herausragt, der vor keiner Polemik zurückschreckt, hat ihm nur in den berüchtigten Thatcher-Jahren geschadet. Damals verpasste ihm die britische Zensur der Eisernen Lady quasi ein Berufsverbot und beförderte den sozialkritischen Regisseur auf den Tiefststand seiner Karriere. Das internationale Comeback mit dem in Cannes prämierten Politthriller HIDDEN AGENDA von 1990, der einen höchst umstrittenen Blick auf die IRA in Nordirland wirft, wurde zum Auftakt eines neuen Arbeitsabschnitt. Der Verfechter der kleinen Leute schreckte fortan auch nicht vor den Schauplätzen der hohen Politik und den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts zurück.
„Wir waren nie in Mode!“ sagt der britische Filmemacher heute – ohne jeden Anflug von Eitelkeit. Mit seinem „Wir“-Verständnis über 40 Jahre Filmgeschichte hinweg brachte er es zu einem erstaunlichen Repertoire und wurde einer der einflussreichsten Regisseure unserer Tage. Für seinen erfolgreichsten Film LAND AND FREEDOM (1995) ging er nach Spanien, für seinen grausamsten THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY (2006) nach Irland, um der Wahrheit über die internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg sowie über die der englischen Militärs im besetzten Irland nachzuspüren. Umso mehr erstaunt es, dass sich Ken Loach mit seinem neuesten Film LOOKING FOR ERIC an eine Art Wohlfühlthema gewagt hat, das allerdings auf einer Idee des Fußballgenies Eric Cantona beruht. Aber der unermüdliche Chronist des Widerstands zeigt sich keineswegs zum ersten Mal von seiner humorvollen Seite. Der polnische Kollege Krzysztof Kieślowski schätzte das Werk des Briten sogar ausdrücklich wegen seiner „lustigen“ Momente.
Ken Loach wurde 2007 kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag in Cannes mit der Goldenen Palme für THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY geehrt. Beim europäischen Filmpreis 2009 in Bochum erhielt er den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Ein Werk, das vom humanitären Geist eines Regisseurs getragen ist, der sich nicht scheut, in die Verließe der menschlichen Seele zu schauen und mit dem eisernen Besen vor der Haustür der eigenen historischen Vergangenheit zu fegen. Zur Preisverleihung in Cannes war er protokollgerecht im Smoking erschienen, aber dann hob der hagere hochgewachsene Mann die geballte Faust. Und jeder wusste, dass dies mehr als eine leere Geste war.
Erstveröffentlichung: ARTE Magazin Dezember 2009
Erstellungsdatum: 26.07.2026