Für technische Neuerungen finden sich viele Motive. Es gibt Erfindungen, um Menschen auf den Mond zu schießen, um das Leben erträglicher zu machen oder viel Geld zu verdienen. Es gibt aber auch welche, die unsere Existenz vernichten, unser Leben sinnlos machen. Widerstand gegen solche Innovationen, die sich schließlich durchgesetzt haben, ist aus der Geschichte bekannt und trägt motivisch Jonas Lüschers Roman „Verzauberte Vorbestimmung“. Rolf Schönlau hat ihn gelesen.
Warum ist der Zauber am Ende verflogen, den Jonas Lüschers Roman Verzauberte Vorbestimmung über lange Strecken entfaltet? Wie kommt es, dass das Finale einen schalen Geschmack hinterlässt? Ob er zu viel will, wenn er Nahtoderfahrungen, das Ba der Ägyptischen Totenbücher, eine Drehbank und den Schatten (des Körpers des Kutschers) von Peter Weiss vermixt? Wenn er eine Cyborg-Frau zur Maschinenstürmerin macht? Wenn er seinen Erzähler, der oft genug mit dem Autor zusammenfällt, mit handgewebten Souvenirs verabschiedet? Nur keine loose ends, scheint als Maxime über der Dystopie zu stehen, die vom das böhmischen Manchester zum New Administrative Capital in der ägyptischen Wüste führt, also vom frühen 19. Jahrhundert in die nahe Zukunft.
Aber eins nach dem anderen: Der namenlose Ich-Erzähler, der, wie Lüscher selbst, seine Coronainfektion nur dank der hoch entwickelten Apparatemedizin überlebt hat, reist auf den Spuren von Peter Weiss erst nach Südfrankreich ins Département Drôme zum phantastisch-skurrilen Palais idéal des Briefträgers Cheval, dann ins böhmische Varnsdorf, wo er einen Weberaufstand imaginiert, bei dem nach dem Vorbild der englischen Ludditen die mechanischen Webstühle zerschlagen werden. Eine dritte Reise führt ihn nach Kairo, in die gegenwärtige Mega-Stadt und in die zukünftige, noch im Bau befindliche Metropole, die er zwischen Fieberschüben erkundet. Parallel, aber zukunftsversetzt wird die Liebesgeschichte zwischen der Archivarin Tari und der Cyborg-Frau Kate erzählt. In Assuan schließlich werden, durch die Exkursionsseele Ba und Peter Weiss‘ Schatten gestiftet, die beiden Erzählstränge und Zeiten zusammengeführt.
Südfrankreich, Böhmen und Kairo, an allen drei Handlungsorten installiert der Erzähler ein Alter Ego – den Briefträger in der Drôme, der seinen Idealpalast aus all den Bauwerken zusammensetzt, die er beim Postaustragen auf Postkarten und in Illustrierten gesehen hat; den Sohn des Schmieds in Varnsdorf, der ganz allein aus sich heraus eine Drehbank erfindet, auch wenn er weiß, dass diese anderswo längst erfunden ist; die Archivarin in Neu-Kairo, die ihre Schriftstücke weder chronologisch noch thematisch, sondern nach der narrativen Methode ordnet, also das zusammenfügt, was eine Geschichte ergibt.
Vom Zauber des Romans: Da ist zum Beispiel Mischa aus dem Krasnojarsk der Nachputinjahre, die als Comedian in der Grinsekatze auftritt und den ausgemergelten Gästen vom Unterschied zwischen erfrorenen Babys, erfrorenen Großmüttern und erfrorenen Großvätern erzählt, oder wie sie einen der letzten Psychotherapeuten Alt-Kairos habe trösten müssen, als sie ihm erzählte, dass sie dank ihres aufopferungsvollen Vaters um die Prostitution herumgekommen sei, weil dieser sich selber für die Familie prostituiert habe. Meisterhaft, wie Lüscher erzählt, wie Mischa mit ihrer Nummer die Zuhörer am Gängelband hat und ihnen wohldosierte Lachentladungen gewährt, die sie einen Moment lang ihren Hunger vergessen machen.
Bravourös auch, um eine weitere Episode vorzustellen, die Beschreibung des Wachsfigurenkabinetts in der Arts and Culture City, mit den Persönlichkeiten aus 4.000 Jahren ägyptischer Geschichte: Echnaton, Sadat, Omar Sharif, Nasser, Nofretete, El-Khatib, Boutros-Ghali und natürlich Umm Kulthum, alle mit den Symptomen eines schweren Schlaganfalls auf der linken Backe, weil die Motten Löcher in den Samtvorhänge gefressen haben werden. Auch andere Berühmtheiten tauchen auf, so etwa der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Nagib Mahfuz, der Unabomber Ted Kaczynski, Jean Tanguely oder Norman Mailer, dessen große technikskeptische Reportage über die Mondlandung im LIVE-Magazin virtuos in das Erzählgeflecht des Romans verwoben wird. Es geht bei Lüscher um das große Ganze, um die jahrhundertealte Mechanik zwischen oben und unten, die trotz allem Fortschritt nie an Bedeutung verlor, wie es einmal heißt, um die simple Mechanik zwischen Webern und Fabrikbesitzern, die einen stürzen in den Abgrund, die anderen schnellen empor.
Um zum Finale in Assuan zu kommen und zur Frage, warum der Zauber am Ende verfliegt: Kate, die Angeschlossene, wie die Cyborgs prägnant genannt werden, geht mit Tari zur Halle der Erinnerung in den Kavernen tief unter dem Assuan-Staudamm, wo eine Festplatte mit der Kopie ihrer selbst lagert, von der sie immer wieder aufs Neue in einen ausgemusterten Körper hochgeladen werden kann. Sie zerschlägt ihren Datensatz, weil sie wie ein Mensch sterben können möchte – eine märchenhaftes Wendung der Dystopie. Dass sie dabei das hellblaue Tupfenkleid von King Ludd trägt, das zudem auf der vorderen Umschlagseite des Buches abgebildet ist, wäre nicht unbedingt nötig gewesen, um die Message zu vermitteln. Aber wenn der Erzähler dann auch noch ein Dutzend Schals kauft, und zwar von einem Nubier, der an einem alten Webstuhl sitzt, glänzend vom Abrieb der Zeit, dann wird das gute alte Handwerk zur Sinnlösung erklärt, egal wie oft vorher davon die Rede war, dass es kein Zurück gibt, nicht hinter die mechanischen Webstühle, nicht hinter die einmal gemachten Erfindungen. Doch bis auf das Ende, das hinter das selbstgesetzte Niveau zurückfällt, ist Jonas Lüschers neuer Roman ausgesprochen lesenswert.
Jonas Lüscher
Verzauberte Vorbestimmung
352 S., geb.
ISBN: 978-3446283046
Carl Hanser Verlag, München 2025
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Erstellungsdatum: 15.03.2025