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Ausstellung Museum Tinguely in Basel

Labouring Bodies untersucht aus feministischer Perspektive die vielschichtigen Beziehungen zwischen Körper und Technologie. Sie beleuchtet, wie insbesondere weibliche Körper seit der Moderne durch Maschinen geprägt und kontrolliert wurden. Im Zentrum stehen arbeitende, sorgende und gebärende Körper, die bis heute unsichtbar bleiben und in der Geschichte systematisch ignoriert wurden.
Dabei greift der Ausstellungstitel mit der Doppeldeutigkeit von «labouring» als Lohnarbeit und Gebären die enge Verflechtung von Arbeit (Produktion) und biologischer Fortpflanzung (Reproduktion) auf. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, Kunst vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken und zentrale gesellschaftliche Fragen zu Körper, Arbeit und Fürsorge zu reflektieren. Welchen Einfluss hat die Mechanisierung auf unser Leben und unsere Arbeitswelt? Welche Formen von Arbeit werden entlohnt – und welche bleiben unsichtbar? Und wie gerecht ist die Verteilung jener Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt?

Ausgehend von der engen Verbindung von Mensch und Maschine, wie sie das Industriezeitalter charakterisiert, richtet die Ausstellung den Blick bewusst weg von der dominanten Figur des männlichen Arbeiters hin zu jenen Körpern, die in Kunst und Theorie lange übersehen wurden. Ein prägnantes Beispiel bietet Alexandra Navratils Film The Night Side (2016): Statt der erwarteten Dynamik industrieller Produktion zeigt sich hier die behutsame, beinahe intime Berührung von Maschinenteilen durch die Hand einer ehemaligen Arbeiterin. Diese Geste verweist auf eine alternative Erzählung von Arbeit – eine, die nicht von Effizienz, sondern von Erfahrung, Erinnerung und Körperlichkeit geprägt ist.

Die Ausstellung versammelt 36 historische und zeitgenössische künstlerische Positionen, die die Mechanisierung des Körpers in unterschiedlichen Kontexten sichtbar machen. Fotografien von Evelyn Richter zeigen Arbeiterinnen in Webereien, deren Körper von Maschinen dominiert werden, während Azade Kökers Skulptur Akkordarbeiterin (1987) die Fragmentierung des Körpers durch industrielle Arbeitsprozesse thematisiert. Zeitgenössische Arbeiten wie Doruntina Kastratis A Horn That Swallows Songs (2025) oder Ernestyna Orlowskas Performance Make Your Body Your Machine (2021-heute) führen diese Fragestellungen in die Gegenwart und beleuchten neue Formen der Prekarisierung in globalisierten Arbeitsverhältnissen.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Weitung des Blicks auf verschiedene Formen von Arbeit: Labouring Bodies thematisiert nicht nur bezahlte Lohnarbeit, sondern auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als zentrale, jedoch oft unsichtbare Grundlage wirtschaftlicher Systeme. Schon seit den 1970er Jahren hinterfragten Künstlerinnen der sogenannten zweiten Welle des Feminismus die kapitalistischen Produktivitätsvorstellungen und die Dichotomie von bezahlter Lohn- und unbezahlter Sorgearbeit. Beispielsweise zeigte Mary Kelly 1974 eine Doppelfilmprojektion, in der sie Aufnahmen aus der Produktion in einer Metalldosenfabrik Filmbildern ihres schwangeren Bauchs gegenüberstellte. Diese bisher nur einmalig gezeigte Installation, wird im Rahmen von Labouring Bodies erstmals rekonstruiert. Künstlerinnen wie Margaret Raspé machten in ihren Arbeiten die Monotonie und Endlosigkeit häuslicher Routinen sichtbar, während Helen Chadwicks Performance In the Kitchen (1977) die Apparatisierung von Hausarbeit kritisch hinterfragt und den weiblichen Körper als Teil eines technischen Dispositivs inszeniert. Wenig bekannt ist, dass bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen wie Alice Lex-Nerlinger und Sella Hasse die doppelte Ausbeutung der weiblichen Arbeiterin in ihrer Kunst sozialkritisch reflektierten.

Der «labouring body» ist auch im Sinne der biologischen Reproduktion als gebärender Körper zu verstehen. Ein zentraler Ausgangspunkt stellt hierfür die Installation HON von Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt im Moderna Museet in Stockholm (1966) dar. Diese stellte den weiblichen Körper als ein maschinelles Konglomerat von Technologie und Medien aus. Ani Liu und Katja Novitskova zeigen, wie gegenwärtig Reproduktionsarbeit technisiert wird und fragen welche unheimlichen Formen zukünftige Fürsorge annehmen könnten. Diese Perspektive wird mit Arbeiten von Juliana Huxtable, Frida Orupabo und Tabita Rezaire ergänzt, die die Kontrolle über den weiblichen, besonders auch Schwarzen Körper und seine reproduktiven Fähigkeiten thematisieren.
Künstler:innen: Berenice Abbott, Monira Al Qadiri, Rosa Barba, Clara Bausch, Alexandra Bircken, Thomas Brinkmann, Daniela Brugger, Ursula Burghardt, Feliza Bursztyn, CATPC, Mbuku Kimpala, Helen Chadwick, Sella Hasse, John Heartfield, Pati Hill, Rebecca Horn, Juliana Huxtable, Doruntina Kastrati, Mary Kelly, Aurora Király, Kiki Kogelnik, Azade Köker, Suzanne Lacy, Magda Langenstraß-Uhlig, Alice Lex-Nerlinger, Elisabeth Niggemeyer, Ani Liu, Lee Lozano, Alexandra Navratil, Katja Novitskova, Ernestyna Orlowska, Frida Orupabo, Heiner Ranke, Margaret Raspé, Tabita Rezaire, Evelyn Richter, Niki de Saint Phalle, Marilou Schultz, Jean Tinguely, Ruth Wolf-Rehfeldt, Doris Ziegler
Erstellungsdatum: 15.06.2026