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Der Schauspieler Bernhard Minetti nannte einmal als Motiv für seine Berufswahl den Wunsch nach Selbstentäußerung. Ebenso sehr ist für diese Entscheidung sicher der Wunsch nach Selbstverbergung maßgebend, der die dargestellten Personen mit einem geheimnisvollen Charakter versah. Charlotte Rampling, die gerade 80 Jahre alt geworden ist, ist gerne für Rollen besetzt worden, deren Ausstrahlung auf Suspense beruhten. Marli Feldvoß hat die Künstlerin im Film „Swimming Pool“ gesehen.
Warum wohl hatte François Ozon den Einfall, der Krimiautorin Ruth Rendell vor Drehbeginn sein Drehbuch zu „Swimming Pool“ zu schicken, um sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, die Story in der Story – Sarahs im Enstehen begriffenden Roman nämlich – zu schreiben? Eine merkwürdiges Unterfangen, das mit der erstaunten Ablehnung Rendells rechnen konnte. Aber vielleicht kam es gerade auf die Ablehnung, auf die Reaktion einer Exzentrikerin des Understatement an, die sich ganz gut mit der fiktionalen Autorin Sarah Morton (Charlotte Rampling) zu vertragen schien. Ein Versuch also, den Film ins Leben hinaus zu verlängern, eine Bestätigung für den Entwurf einer Figur einzufordern, die ein Stück über Ozons bisherige künstliche Kinowelt hinausgeht. Trotzdem setzt Ozon mit „Swimming Pool“ seine bekannten unterkühlten Geschichten über die heutige bürgerliche Beziehungswelt à la Chabrol oder à la Fassbinder fort, versetzt sie – ähnlich wie in „Unter dem Sand“, aber ganz anders als im schrillen Musicalstil von „Acht Frauen“ – nur mit einem größeren Schuss Suspense.
Die größte Verwandlungsarbeit leistet die wunderbare Charlotte Rampling selbst, die sich von einer in den Wahn getriebenen schuldbewussten Ehefrau (Unter dem Sand) in eine allerdings nicht weniger autistische schrullige Krimiautorin à la Miss Marple verwandelt. Sarah Morton ist eine erfolgreiche, in einer Schaffenskrise befindliche britische Krimiautorin, die von ihrem Verleger und offenbar Ex-Liebhaber in sein Landhaus in die Provence geschickt wird, um dort zu neuer Inspiration zu finden. In die Stille, die sich Sarah nur mit gelegentlichen Ausflügen ins Dorf und mit frugalen Quark-Mahlzeiten versüßt – offenbar ein Versuch, mit absoluter Abstinenz ihrer Whiskey-Exzesse Herr zu werden – bricht plötzlich eine junge Frau ein, die zwanzigjährige Julie (Ludivine Sagnier), die sich als die Tochter des berühmten Verlegers ausgibt. Da man heutzutage Nachkommen von Prominenten einen besonders außergewöhnlichen Lebenswandel zutraut, akzeptiert man die Nymphomanin mit dem gesunden Männerappetit, ohne weiter Verdacht zu schöpfen. Verdächtig wirkt schon eher der übertrieben angelegte Gegensatz des Frauenpaars - eine altjüngferliche Autorin wird mit einer wildgewordenen Sexkatze zusammengesperrt, die wie ein Brigitte-Bardot-Verschnitt daherkommt. Dass Julie, ihr Lebenswandel und das heimlich gelesene Tagebuch schließlich zur Hauptinspirationsquelle der Autorin werden und Sarahs triste Existenz wieder in lebensbejahendere Bahnen lenkt, versteht sich beinahe von selbst. Bemerkenswert ist die Stringenz, mit der Ozon seinen Stoff entlang der Metapher „Swimming Pool“ entwickelt. Das fängt mit einem ersten Blick auf die trüben Wasser der Themse an und geht mit der Ansicht des anfangs mit einer dunklen Plane abgedeckten Swimming Pools weiter, der erst langsam seine Geheimnisse preisgeben wird. Kontrastreiches I-Tüpfelchen spielt eine signalrote Luftmatratze, die sich auf dem blauen.„Hockney“-Pool wie eine verführerische, aber auch lauernde Gefahrenzone ausnimmt. Diesen lauernden Suspense hält Ozon bis zu dem in jeder Hinsicht überraschenden Ende durch.
Erstveröffentlichung in epd Film 8/2003
Erstellungsdatum: 09.02.2026