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Die monochromen schwarzen, weißen oder goldfarbenen Assemblagen der US-amerikanischen Bildhauerin Louise Nevelson (1899-1988) waren inzwischen vielfach zu sehen. Weitgehend unbekannt sind ihre Collagen. Ihnen widmet das Museum Wiesbaden eine Einzelschau und nimmt Bezug auf die Gruppenausstellung „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“, in der Nevelson vor 35 Jahren das erste Mal in Wiesbaden gezeigt worden ist. Isa Bickmann denkt an diese erste Begegnung mit dem Werk der Künstlerin zurück.
In heutigen Zeiten strömen Fans der Sängerin Taylor Swift ins Museum Wiesbaden, um der Ophelia, dem vom Popstar in einem Video nachgestellten Gemälde des Malers Friedrich Heyser, nahezukommen. Das Museum hat dem Hype um das Werk aus der Neess’schen Jugendstilsammlung geschickt genutzt: Nun trifft man im Hause auf junge Fans, die vielleicht das erste Mal im Leben ein Museum betreten haben und, so hofft man, zu weiteren Besuchen motiviert werden. Im Herbst 1990 pilgerten wir als junge Kunstgeschichtsstudentinnen in die Stadt, um eine besondere Ausstellung zu besuchen: Das Team des Museums Wiesbaden unter der Direktion von Volker Rattemeyer hatte unter dem Titel „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“ eine fulminante Schau zusammengestellt. Und natürlich erwarb man den umfangreichen Katalog, der auf fast 400 Seiten mit Namen aufwartete, die damals nur wenige kannten: Louise Bourgeois, Miriam Cahn, Helen Frankenthaler, Isa Genzken, Rebecca Horn, Agnes Martin, Paula Modersohn-Becker, Meret Oppenheim, Ulrike Rosenbach, Cindy Sherman, Rosemarie Trockel und viele mehr. Jürgen Möllemann schrieb in seiner Funktion als Bildungs- und Wissenschaftsminister ein Grußwort, und Schirmherrin war der – nicht gegenderte – „Generalsekretär des Europarats Frau Cathérine Lalumière“. Der Katalog ist ein Rabbit Hole, wie man das heute so schön nennt, wenn man in etwas hineintaucht und sich darin verliert. Das Sichtbarmachen von Künstlerinnen war Motivation der Ausstellung, die auf einem Forschungsprojekt der Arbeitsgruppe Kunst der Gesamthochschule Kassel beruhte, in einer Zeit, als die männliche Dominanz im Kunstbetrieb etwas Selbstverständliches war und man Künstlerinnen in Ausstellungen noch mit der Lupe suchen musste.
Mit dabei war damals auch Louise Nevelson, deren drei Meter hohe mattschwarze Assemblage „Sky Cathedral 3“, aus dem Jahre 1959 und im Besitz des Kröller-Müller-Museums Otterlo Stärke und Präsenz verkörperte, den Blick irritierte, weil sie ihn gleichermaßen aufsaugte wie abwehrte.
Die 1899 geborene, zweifache Documenta-Teilnehmerin mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln hat erst spät Anerkennung erfahren. Sie ist vor allem bekannt für ihre monumentale, einfarbig ausgeführte Assemblage-Kunst, wie sie vor drei Jahren im Rahmen der Biennale von Venedig zu sehen war. Nevelson hatte sich nach früher Ehe freigestrampelt, um 1931 bei Hans Hofmann in München zu studieren. Hofmann ist im Jahr darauf in die USA emigriert und war als Vermittler der europäischen Avantgarde Lehrer der New York School, aus der etliche Maler, von Pollock über Rothko bis Newman und Gottlieb, Berühmtheit erlangten. Und auch Nevelson ging weiter in Hofmanns Lehre, studierte den Kubismus Picassos und Braques. Sie lernte Frida Kahlo und Diego Rivera kennen und beschäftigte sich mit indigener und afrikanischer Plastik. Ab den 1940er Jahren verwendete sie hölzerne Fragmente aus dem Alltag, Material also, das bereits Erlebtes in sich trägt. In ihren Assemblagen sind z.B. gedrechselte Stuhlbeine, Teile von Treppengeländern oder Kochlöffel zu entdecken. Den engen Bezug zum Holz führte sie einmal auf ihren Großvater im damaligen Russland zurück, der über Wälder verfügte. In der Reliefstruktur, die in jenem einheitlichen Schwarz, Gold oder Weiß daherkommt, ist erkennbar, was die Künstlerin so sehr faszinierte, dass sie sie zum Markenzeichen machte: das Raumgefüge mit dem architektonischen Zusammenspiel der Dinge – ähnlich den Reliefarbeiten altmexikanischer Kulturen, in denen Rituale, Symbole und Götter wie in Setzkästen eingepasst erscheinen.

Nevelson betrachtete die Farbe Schwarz als Ausdruck von "Anmut, Würde und Erhabenheit". Schwarz lässt auch weitere Assoziationen zu, wie die Silhouette eines verbrannten Gegenstandes oder von nächtlich verdunkelten Stadtlandschaften, während das Gold den Dingen spirituelle Qualitäten verleiht und das Weiß, das für das Licht steht, an mediterrane Architekturen denken lässt. Nevelson schuf ein eigenständiges Werk, das sich inmitten des abstrakten Expressionismus verortet, das Serielle nutzt wie die Minimal Art, sich der Gleichförmigkeit der weißen ZERO-Arbeiten widersetzt, den Kubismus abstrahiert und Malewitsch‘ Schwarzes Quadrat in die Dreidimensionalität transferiert.
Unterstützt von der New Yorker Galeristin Martha Jackson kam der Erfolg. Von dieser wurde sie in die Pariser Galerie Daniel Cordier eingeführt. 1961 nimmt William C. Seitz Nevelson in die MoMa-Ausstellung „The Art of Assemblage“ auf. Sie wird Teil einer Gruppenschau in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und bespielt 1962 den US-amerikanischen Pavillon auf der Biennale von Venedig, beteiligt sich 1964 an der documenta III und 1968 an der documenta 4.
Dietrich Mahlow erinnert sich im oben genannten Katalog von 1990 an ihre Arbeitsweise: „Zur Vorbereitung [der Ausstellung ‚Amerikanische Plastik der Gegenwart‘ in der Kunsthalle Baden-Baden 1961] konnte ich sie [Louise Nevelson] einige Male in New York besuchen und ihre Arbeitsweise kennenlernen. Es gab ein (innen) schwarzes Haus, und eines mit einer goldenen und weißen Etage. An einem dieser Tage kam gerade ein Fuhrwerk mit Holz für sie, das sie sofort auf die Häuser verteilte, wo ihre Assistentinnen die Stücke – oft gleich auf dem Gehsteig – in einer der drei Farben anstrichen; das meiste in schwarz.“

Nevelsons bislang weniger bekannte Arbeiten lassen sich in der Wiesbadener Schau entdecken, zu der man nicht wie zur Ophelia hoch, sondern in das Untergeschoss des Museums herabsteigen muss. In fünf Kapiteln werden die Collagen und einige Assemblagen in einem Saal auf zu einem Kreuz gestellten Stellwänden präsentiert. Der erste Abschnitt stellt die Sprühfarbe als wichtiges Element heraus, z.B. ordnet Nevelson Objekte in Halbkreis-, Kreis- und Rechteckform wie Bauklötzchen auf der Holzfläche an, besprüht sie und lässt quasi nur ihre Schatten stehen. Das zweite Kapitel konzentriert sich auf den Alltagsgegenstand, also das Objet trouvé, wie es in Nevelsons Collagen und Assemblagen Verwendung fand. Der Aspekt der Wiederverwertung bzw. der Einbau von Holzresten folgt im dritten Teil. Das vierte Kapitel beleuchtet Formen, Farben und Texturen der Collagen und das fünfte Kapitel untersucht das Thema der Ordnung. Nevelson, so ist zu erkennen, hat unermüdlich mit den Qualitäten des Materials, den Formen und dem Raum experimentiert. Pappe, Papierausrisse werden unbearbeitet oder bearbeitet nebeneinandergelegt oder geschichtet, auf Sperrholz montiert. Leicht lässt sich vorstellen, wie die Künstlerin verschiedene Elemente ausprobierte, wie sie sie hin- und hergeschoben hat. Manchmal verdichtet sie Elemente etwas aus der Mitte gerückt und lässt den restlichen Bildraum frei. Flächen werden zu räumlichen Konstruktionen. Das ist gewisser Weise Malerei und nah an den Kräften der Farbformen, von denen ihr Lehrer Hans Hofmann das Pull-and-Push-Prinzip ableitete. Und dann ist es gar nicht so überraschend, dass Farben wie Rot, Orange und Grün in den Collagen durchaus eine Rolle spielen, auch wenn man viel Schwarz und häufig das unbehandelte Holz sieht. Es lohnt sich also, erneut ins Museum Wiesbaden zu pilgern, auch wenn man kein Taylor-Swift-Fan ist, aber vielleicht dann doch nach der Nevelson-Ausstellung noch der ungemein üppigen Jugendstilsammlung des Hauses einen Besuch abstattet.
Louise Nevelson
Die Poesie des Suchens
31. Oktober 2025 bis 5. März 2026
Museum Wiesbaden
Aktuell zeigt das Centre Pompidou-Metz eine Retrospektive der Künstlerin:
Louise Nevelson
Mrs. N’s Palace
24. Januar bis 31. August 2026
Centre Pompidou Metz
Die Ausstellung wird danach mit einigen Änderungen ins Musée Soulages
in Rodez wandern, wo sie vom 17. Oktober 2026 bis zum 7. März zu sehen ist.

LOUISE NEVELSON
Fantasievolles Spiel aus Farbe, Form und Material – Collagen nehmen mit auf eine Entdeckungsreise
Katalog mit Beiträge von
A. Henning, A. Horvath, Y. Etgar, L. Picaut, V. Ucke
Text: Deutsch/Englisch
160 Seiten, 100 Abbildungen
22 x 27 cm, Steifbroschur
Hirmer Verlag, München
Erstellungsdatum: 27.02.2026