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Doron Rabinovicis Rede zur Demo „Wien gegen Antisemitismus“

Me too – even if you’re a Jew!

Doron Rabinovici


Kundgebung am 11. Oktober 2026 auf dem Platz der Menschenrechte in Wien

In seiner Rede bei der Demonstration „Wien gegen Antisemitismus“ am 11. Oktober 2026 thematisiert Doron Rabinovici die Zunahme antisemitischer Anfeindungen und die Situation jüdischen Lebens in Österreich und weltweit. Er setzt sich mit der Instrumentalisierung des Nahostkonflikts, verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus und der Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft auseinander: Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht allein eine Aufgabe jüdischer Menschen – er ist vielmehr eine gemeinsame Verantwortung für Freiheit, Demokratie und für eine offene Gesellschaft.

 

Manche wollen uns einreden, der Antisemitismus weltweit ist alleinig die Schuld Israels. Aber bereits am ersten Tag nach den Massakern, da kochte der Hass gegen jüdisches Leben auf allen Erdteilen hoch. Noch waren die Opfer nicht unter der Erde, da wurden Synagogen beschmiert und Friedhöfe entweiht. Noch waren die Leichen nicht kalt, da genügte es, eine Kippa zu tragen, um mit Messern niedergestochen zu werden. Ob in Sydney, in Washington oder in London – werden jüdische Menschen wieder ermordet, aber nicht wenige wissen uns dafür sogenannte Gründe zu nennen. In Montreal werden Schüsse auf jüdische Schulen abgegeben. In Wien melden Eltern ihre Kinder wegen Anfeindungen von öffentlichen Kindergärten und Schulen ab. Die öffentliche Schulleitung soll gar nicht versucht haben, sie zum Bleiben zu überreden. Im Gegenteil. Es heißt, sie sollen ihnen recht darin gegeben haben wegzugehen.

Wir stehen heute hier, um zu sagen: Es kann keinen Grund für Hetze oder für Gewalt gegen jüdische Existenz geben. Die Gräueltaten und die sexuelle Gewalt des siebenten Oktober wurden von Intellektuellen wie Judith Butler oder Norman Finkelstein relativiert, um dann zu behaupten, das Massaker der Hamas am siebenten Oktober sei legitimer Widerstand gewesen. Ich aber sage: Das ist eine Lüge. Vergewaltigung ist kein Widerstand. Es muss heißen: Me too – even if you’re a Jew! Wer Gewalt gegen jüdisches Leben rechtfertigt, ist nichts als ein Komplize antisemitischer Logik.

Wer den Antisemitismus just dem Staat der Juden anlastet, bestärkt das judenfeindliche Gerede. Welche andere Diasporagemeinschaft – ob kroatisch, serbisch, russisch, ukrainisch – braucht solche Sicherheitsmaßnahmen? Der Hass auf Jüdisches ist grenzenlos.

Glaubt denn irgendwer, Vorurteile gegen türkische Gemeinden seien mit Erdogans Kriegsverbrechen zu erklären? Meint etwa irgendjemand hier, der Hass auf schwarze Menschen liege an Regimen in Afrika? Nein. Wir wissen, wie wir das nennen müssen. Das ist nichts als Rassismus! Dasselbe gilt für jüdisches Dasein. Den Anstieg des Hasses gegen einen Juden oder eine Jüdin in Wien mit der Politik und der Existenz des jüdischen Staates zu begründen, hat einen Namen. Das ist Antisemitismus!

Der siebente Oktober war das antisemitische Massenverbrechen unserer Gegenwart. Den Mördern ging es nicht um Siedlungspolitik. Wegen der besetzten Gebiete schlachteten sie nicht ein einziges Kind ab. Wegen der Blockade von Gaza warfen sie keinen Säugling ins Feuer. Nicht wegen Netanyahu folterten sie Väter vor den Augen ihrer Töchter und Söhne zu Tode. Das wissen wir von den Erklärungen der Hamas. Sie hatten eine genozidale Botschaft an alle Juden und Jüdinnen weltweit. Deshalb rief die Hamas kurz nach dem Massenmord auch global zu einem Tag des Zorns auf.

Manche wollen uns glauben machen, es könne gar nicht mehr Kritik an Israels Politik geübt werden, ohne antisemitisch genannt zu werden. Das ist eine Lüge. Die Wahrheit ist, Kritik an der israelischen Regierung ist heute überall zu hören und zu lesen. Es ist kein Widerspruch, das Leid und die unschuldigen Toten in Gaza zu beklagen und zugleich gegen jeden Antisemitismus vorzugehen. Aber das antisemitische Ressentiment gibt sich heute gerne politisch und antirassistisch. Der Hass richtet sich nicht selten selbst gegen jene, die sich für Frieden einsetzen oder etwa gegen die israelische Regierung Stellung beziehen. Ihre Kunst und ihre Wissenschaft werden abgelehnt, und zwar nur ihrer Herkunft wegen. Es gibt kein anderes Land, bei dem auch Gegner der herrschenden Politik mit solch einer Ächtung bedacht werden. Es ist eine Ausgrenzung, die an den Judenbann früherer Zeiten erinnert.

Das Vernichtungsziel unterscheidet nicht zwischen dem jüdischen Staat und der jüdischen Diaspora. Eben deshalb gilt. Es kann keinen redlichen Kampf gegen Antisemitismus geben, ohne die Existenzberechtigung des Staates und der Zivilgesellschaft Israels zu verteidigen.

Aber auch umgekehrt gilt – wer in seinen Burschenschaften den Massenmord an Juden besingt und gegen die jüdischen Gemeinden der Diaspora hetzt, wird nie Bündnispartner gegen Judenhass sein. Es muss auch gegenüber der israelischen Regierung festgestellt werden: Rechtsextreme und Neonazis sind keine Alliierten. Sie haben auf Symposien gegen Antisemitismus nichts zu suchen. Wer mit rassistischen Identitären klüngelt, kann kein Freund jüdischer Identität und Erinnerung sein.

Es gilt, heute gegen jeglichen Antisemitismus aufzutreten – auch gegen denjenigen in unseren eigenen Reihen.

Es genügt nicht mehr, vom „Nie wieder“ zu reden. Nie wieder war einmal. Vorbei die Zeit, da in unserer Stadt jüdisches Leben offen gefeiert werden konnte. Heute tanzt und singt die jüdische Gemeinde nur noch hinter mehrfachen Sicherheitskordons. Jüdischen Menschen wird nun nach Kundgebungen geraten, ihre Symbole, ihre Kippot oder ihre Fahnen zu verbergen. Aber wann in der Geschichte half es Juden und Jüdinnen je, sich zu verstellen und zu assimilieren? Niemals.

Deshalb muss es heißen. Nein, wir wollen uns nicht verstecken. Wir möchten uns nicht verleugnen. Wir lassen uns nicht auf den Kopf spucken, um zu sagen, dass es regnet. Gegen die antisemitische Verleumdung hilft jüdisches Selbstbewusstsein.

Der Antisemitismus ist eine Weltverschwörungslüge. Sie sieht hinter allem Übel, ob Kaiser, Kapitalismus oder Kolonialismus – immer einen einzigen Schuldigen, einen dunklen Drahtzieher – den Juden. Es mag dafür zuweilen verschiedene Codewörter geben. Einmal heißt er Spekulant, dann Globalist oder Zionist. Aber in allen Variationen meint es dasselbe. Den Juden.

Die Juden sind das Ziel dieses Ressentiments. Aber Antisemitismus ist nicht das Problem der Juden, sondern der Antisemiten. Der Hass meint jeglichen anderen schlechthin. Er richtet sich gegen die offene Gesellschaft und gegen die liberale Demokratie. Die leidenschaftlichen Antisemiten sind nur eine Minderheit. Es kommt auf die Mehrheit an, die nicht still bleiben darf und nicht gleichgültig. Es reicht nicht, Toleranz zu fordern. Gegenüber dem Judenhass braucht es Intoleranz. Es braucht deshalb vor allem die Solidarität nichtjüdischer Menschen.

Ich bin Jude, aber ich bin auch Citoyen dieses Landes. Als solcher sage ich, muss unsere Losung lauten: Wer einen Juden angreift, greift unser aller Freiheit an. Wer einen Juden angreift, greift uns alle an. Wer einen Juden angreift, nimmt es mit uns allen auf.

 

 

Erstellungsdatum: 14.10.2026