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Erinnerung an Klaus Voigt

Mein „Nonantolafreund“

Christel Wollmann-Fiedler


Villa Emma, Nonantola. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

Der Historiker und Philosoph Klaus Voigt, der 2021 in seiner Heimatstadt Berlin gestorben ist, befasste sich für seine Doktorarbeit über den Humanismus mit dem Ablasshändler Marinus de Fregeno und seiner Beschreibung der deutschen Lande. Seine Forschungen führten ihn zur Villa Emma bei Nonantola in der Emilia-Romagna. Dort fanden 1942 jüdische Kinder Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis. Christel Wollmann-Fiedler erinnert an den Exilforscher Voigt und seine Arbeiten zur Fluchtgeschichte in Italien 1940-45.

 

Der Frecciarossa, der schnelle Zug, rast von Neapel nach Rom. Im Westen geht die Sonne unter und Terracina ist zu sehen. Gleich verirren sich die Gedanken und sofort erinnere ich mich an Klaus Voigt, meinen „Nonantolafreund“, wie ich ihn nenne. Fast alljährlich verbrachte er mit Mutter, Verwandten und Freunden die Ferien in diesem Mittelmeerort. Terracina war ein wenig sein Zuhause. Überhaupt Italien und die italienische Sprache – ein immer wiederkehrendes heimatliches Gefühl für ihn. In Berlin wurde Klaus Voigt 1938 geboren, ging dort zur Schule und studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität in Berlin und später auch an der Universität Florenz. Weit über 100 wissenschaftliche Arbeiten, Bücher, Ausstellungskataloge, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Sammelbänden, Rezensionen und Essays, sind in seiner Vita aufgeführt.

Der Bürgermeister von Nonantola bei Modena lud ihn ein. Er suchte einen Autor für eine Geschichte über die Kinder der Villa Emma, die sich in der faschistischen Zeit in seinem damaligen, recht ländlichen Örtchen, zutrug. Zuvor wandte sich der Bürgermeister an das Dokumentationszentrum in Mailand, das ihn Dr. Klaus Voigt empfohlen hat. Die beiden Bände „Zuflucht auf Widerruf – Exil in Italien“ über das Schicksal jüdischer Flüchtlinge im faschistischen Italien, hatte Klaus Voigt in den Jahren zuvor geschrieben und herausgegeben. Inzwischen gehört dieses Werk, diese beiden Bände, zum Standardwerk der Exilforschung.

In die Materie war er eingearbeitet. Mitte November 1996 begann er, an dem Thema und der Odyssee dieser jüdischen Kinder in der Villa Emma zu arbeiten. Nach dreieinhalb Jahren konnte sein Buch „Villa Emma“ – Jüdische Kinder auf der Flucht 1940-1945 im Berliner Metropolverlag erscheinen. Auf Italienisch gab Loredana Melissari zuvor die Erinnerungen von Josef Indig heraus mit dem Titel „Anni in fuga“. Später kam dann die deutsche Ausgabe im Originaltext „Joškos Kinder: Flucht und Alija durch Europa, 1940-1943“ im Berliner Verlag Das Arsenal dazu. Josef Indig begleitete die flüchtenden jüdischen Kinder von Kroatien über Slowenien in die kleine Ortschaft Nonantola, ein Jahr später kam die deutsche Wehrmacht in diesem Ort an und in Windeseile verließen sie die Villa Emma und konnten sich in die Schweiz retten.

Seinen Arbeitsplatz bekam der Historiker Dr. Klaus Voigt im Palazzo Municipale in der kleinen Stadt bei Ombretta Piccinini im Archiv, um an Ort und Stelle arbeiten zu können. Jahre später, 2013, wurde er Ehrenbürger des Städtchens mit zwei wichtigen Sehenswürdigkeiten, die „Villa Emma“ und die berühmte Abtei aus langobardischer Zeit aus dem Jahr 752, nebenan ein Priesterseminar. Beide Bauwerke sollen später, 1943, wichtig für die Kinder der Villa Emma werden. In der Villa wohnen die jüdischen Kinder von 1942-43, die auf der Flucht vor den Nazis sind. Von DELASEM in Mailand werden sie finanziert. In der Abtei bekommen sie Unterschlupf als die Deutsche Wehrmacht 1943 in den Ort einmarschiert. Die jüdischen Kinder wohnen kurzzeitig Wand an Wand mit den Nazis, bis sie bei Nacht und Nebel in die Schweiz gerettet werden können.


Einige der über die Villa Emma nach Palästina entkommenen Jugendlichen (1945). Foto: wikimedia commons

 

Recha Freier nimmt 140 Kinder mit auf die Alija. Sie kann mit 100 Kindern über Istanbul nach Palästina reisen, 43 Kindern fehlen die Dokumente für Palästina. Sie übergibt diese Kinder dem jungen Josef Indig von der Jüdischen Gemeinde in Kroatien, in Zagreb. Er war Mitglied im nationalen Komitee Ha-Shomer ha-Tsa’ir für Jugoslawien mit Sitz in Zagreb. Josef Indig wird für die Kinder ihr treuer, ihr mutiger, ihr verlässlicher Begleiter von Kroatien über Slowenien im Jagdschloß Lesno Brodo, weiter nach Italien bis in die Schweiz und später nach Erez Israel sein. Bis zu seinem Tod lebt er im Kibbuz Gat.

Zum 13. Februar 2022 reisten Freunde aus Berlin, Paris, Florenz und anderen italienischen Städten und anderen Landschaften Europas an, um in Nonantola an den Historiker Dr. Klaus Voigt zu erinnern.

Wir werden an Klaus Voigt, unseren Freund, denken und erinnern. Er starb im September 2021 in Berlin. Hier in dem kleinen Städtchen bei Modena ist er bekannt, der Professore dalla Germania oder Il professore tedesco, der Wissenschaftler, der das Hiersein der jüdischen Kinder im 2. Weltkrieg von 1940-1945 bis in die Tiefe erforscht hat. Beliebt und bekannt ist er in der Stadt, sein Name hat einen guten und wichtigen Klang. Über die Jahre hat er nicht nur Bücher über die Kinder geschrieben, auch andere Initiativen gingen von ihm aus und sind gut für Nonantola. Des Öfteren war Nonantola Treffpunkt, egal, was geschah, im Mittelpunkt standen immer die Kinder der Villa Emma. Die Erinnerung an die Kinder, der Flötenspieler und ein Relief wurden auf Klaus Voigts Initiative in Nonantola aufgestellt. „Mein Nonantolafreund“ nenne ich ihn. Wieder treffen wir uns in Nonantola, doch ohne Klaus. Ein eigenartiges Gefühl, ein Gefühl der Trauer. Überall sind Fotos im Ort von ihm, dem Historiker, aufgestellt. Auf dem Podium im Theater prangt im Hintergrund ein großes Foto von ihm beim Gespräch am Mikrofon. Neben mir sitzt Ombretta, seine Nachbarin in all den Jahren im Archiv des Rathauses während seiner Arbeit an dem schon oft erwähnten Thema. Wir werden alle seiner gedenken, alle, die wir ihn kannten, alle, die mit ihm befreundet waren.

 

Die gemeinsamen Abendessen an meinem Tisch schätze Klaus Voigt sehr. Im März 2021 trafen wir uns zum letzten Mal. Die letzten Gespräche gingen um Rudolf Levy, den Maler, über den er in vielen Ländern unterwegs war zum Suchen seiner Identität und seiner Gemälde. Rudolf Levy wird 1875 in Stettin in eine orthodoxe-jüdische Familie geboren. Sein künstlerischer Weg als Maler des Expressionismus verlief über viele Länder und wichtige Städte. Im 1. Weltkrieg wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. 1933 folgte seine Emigration nach Italien, reiste nach New York und kehrte wieder zurück in das faschistische Italien. Die Nazis besetzten das Land und Levy tauchte unter. 1943 wurde er verraten und 1944 nach Auschwitz deportiert und vielleicht auf dem Weg nach dort ermordet. Noch vor seinem Tod konnte Dr. Klaus Voigt eine wichtige Ausstellung von Levy in Florenz mit dem damaligen Museumsdirektor der Uffizien, dem Kunsthistoriker Eike Schmidt besprechen und organisieren. Von Januar bis Ende April 2023 fand im Florentiner Palazzo Pitti die Ausstellung „Rudolf Levy (1875–1944) – L'opera e l'esilio (Rudolf Levy – Werk und Exil)“ statt. Diese Ausstellung war ein Herzenswunsch von Dr. Klaus Voigt, die er nicht mehr erleben konnte. Der dazugehörige Katalog erschien in italienischer Sprache, den wiederum Loredana Melissari übersetzte. Sein großer Wunsch das Buch über Levy fertigzustellen gelang ihm nicht. Das Skript wird von einer Kunsthistorikerin bearbeitet, und das Buch soll demnächst erscheinen.

Nonantola und die Villa Emma ohne Klaus Voigt ist nicht mehr das Nonantola, das ich kenne. Es wird ein Gedenkort, nicht nur an die Kinder der Villa Emma sein, auch an Professore Dottore Klaus Voigt wird man sich dort gerne erinnern.

 

 

Siehe auch in der ARD Mediathek:
Die Kinder der Villa Emma. Der Film

Erstellungsdatum: 02.03.2025