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Geschnittene Figuren, aufgebracht auf andersfarbigem Hintergrund, springen dem Betrachter besonders auffällig ins Auge. Zur Zeit der Weimarer Klassik und der Jenaer Romantik war der Silhouettenschnitt beliebt und sehr verbreitet. Es gab ja noch keine Fotografie. Erst die expressive Kunstfotografie, zusammen mit der bildnerischen Collage und Montage holte die prägnante Form wieder ins Bild. Der Band mit Scherenschnitten von Henri Matisse zeigt die Verbindung alter Technik mit moderner Formgebung. Martin Lüdke ist davon angetan.
„Jazz“, das Buch, ist 1947 erschienen. Matisse war 78 Jahre alt, krank, und nicht mehr in der Lage, noch mit Pinsel und Farbe im Atelier zu arbeiten. Bereits 1943 hatte er damit angefangen: Eine Folge von zwanzig Scherenschnitten, die er, vom Bett oder einem bequemen Sessel aus, sitzend, ohne sich groß bewegen zu müssen, fabriziert hat. Mit dem Ergebnis war er unzufrieden. Im Druck erschien ihm das Spezialpapier, das er dafür verwendet hatte, nicht so, wie er es sich vorstellte, zu reproduzieren. Das Publikum sah es, begeistert, etwas anders. Und Matisse gab schließlich klein bei.
In der großen Matisse-Retrospektive, die vor zwei Jahren in der Fondation Beyeler in Basel gezeigt wurde, waren natürlich auch einige solcher Arbeiten zu sehen. Eigentlich Collagen, die aber über alle der für Matisse typischen Elemente verfügen, von den plakativen Farben angefangen, bis hin zu ornamental eingesetzten abstrakten Figuren. Abstrakt, aber die Phantasie ins Spiel bringend. Von der Form und dunklen Farbe her erinnern sie (mich) an das „russische Brot“ beim Weihnachtsgepäck. Zwanzig dieser Tafeln sind in dem Projekt „Jazz“ versammelt, das jetzt als prächtiger Bildband erschienen ist, mitsamt den „Texten zu Jazz“, die Matisse selbst dazu geschrieben hat.

In großer Schrift, mit der Hand auf kleine Tafeln geschrieben, und damit offenkundig mehr als ästhetische Konzept, ergänzend zu den Bildern gedacht, denn als eine Art Selbstanalyse des Künstlers. „Ich kann“, sagt er, „diese Seiten doch nicht mit den Fabeln von La Fontaine füllen“, was allerdings auch gegangen wäre. Stattdessen also „Bemerkungen, Notizen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe“. Wobei er um die „Nachsicht“ bittet, „die man den Schriften der Maler im Allgemeinen zugesteht.“
Matisse wusste also sehr genau, was er will und mit welchen Mitteln er es erreichen konnte. „Mit der Schere zeichnen. Direkt in die Farbe zu schneiden“, erinnere ihn, wie er da weiter sagt, „an das Behauen des Steins durch den Bildhauer. Dieses Buch ist in diesem Geist entstanden.“
Eine Tafel, Seite 39, zeigt auf dunkelblauen Untergrund, das Profil von einer Art Kopf, mit deutlich ausgeprägter, dazu noch mit einem Höcker versehenen de-Gaulle-Nase, kleinem spitzen Mund, platten Hinterkopf. Neben dem Hinterkopf, dem Bildrand zu, von oben nach unten, fünf knallgelbe große Punkte. Auf der Vorderseite, weil die Nase den Platz braucht, nur vier dieser gelben Kreise. Auf dieser Tafel hat Matisse auf jegliches Ornament verzichtet. Entsprechend plakativ die Wirkung.
„An einem Feigenbaum gleicht keines der Blätter einem anderen. Sie haben alle eine andere Form. Dennoch schreit jedes: Feigenbaum.“
Auf einigen der Tafeln beherrschen schwarze Figuren mit tanzenden Bewegungen das Bild. Die meisten aber bleiben rein ornamental. Kräftige Farben, abstrakte Figuren, sehr häufig von diesen (mich an das russische Brot erinnernden) Ornamenten regelrecht gerahmt. Man erkennt sofort: Matisse. Zumal diese Ornamente auch auf sehr vielen seiner Gemälde zu finden sind. Unterschied nur: diesen Tafeln fehlt jegliche Tiefe. Matisse: „Der Gebrauch des Senkbleis war für mich ein kontinuierlicher Gewinn. Ich habe die Vertikale im Kopf. Sie hilft mir, die Richtung der Linien festzulegen und meinen schnellen Zeichnungen zeichne ich keine Kurve, zum Beispiel die eines Zweigs in einer Landschaft, ohne dass mir ihr Verhältnis zur Vertikalen bewusst ist. Meine Kurven sind nicht verrückt.“

Matisse hat sich erst spät dazu entschlossen, diese Sammlung unter dem Titel „Jazz“ zu veröffentlichen. Als letzten seiner Kommentare schreibt er dazu: „Diese Bilder in lebhaften & heftigen Tönen haben sich aus Erinnerungen an Zirkus, Volksmärchen oder Reisen kristallisiert. Ich habe diese Schriftseiten gemacht, um die simultanen Reaktionen meiner chromatischen und rhythmischen Improvisationen zu beruhigen, Seiten, die einen ‚Klanggrund‘ bilden, der sie trägt und umgibt.“
Matisse ist sicherlich, vermutlich schon seit seinen Anfängen (eben noch im neunzehnten Jahrhundert), ein Maler gewesen, der genau wusste, was er wollte, und mit welchen Mitteln er es erreichen konnte. Seine Rolle und auch seine Bedeutung für die Malerei der Moderne sind unumstritten. Auch, vermutlich sogar gerade weil er bei aller Gründlichkeit, ja Radikalität immer darauf beharrte, dass erst durch ein spielerisches Element, in dem immer auch ein Stück Ironie steckt, die Ernsthaftigkeit des Ganzen erreicht werden kann. Wie schon gesagt: „Meine Kurven sind nicht verrückt.“ Aber eben doch Ver-Rückt. Also ein Stück daneben, obwohl Matisse immer Matisse bleibt.

Henri Matisse: Jazz
Eine Folge von 20 Scherenschnitten mit einer Einführung von Cathrin Klingsöhr-Leroy und den Originaltexten von Henri Matisse
103 S., brosch.
ISBN: 978-3-8296-1048-3
Verlag Schirmer/Mosel, München 2025
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Erstellungsdatum: 06.04.2026