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„Mors certa, hora incerta“, hieß es im antiken Rom: „Der Tod ist gewiss, die Stunde nicht“. Darüber können wir froh sein. Denn die Kenntnis unserer Todesstunde nähme uns alle Lebensperspektive. Wenn aber ein Arzt mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit auch gleich, wenn auch ungefähr, das Datum des Ablebens verkündet, können wir verzweifeln oder den Mut, vielleicht auch die Gelassenheit aufbringen, unser Ende anzunehmen. Rainer Erd gedenkt eines Freundes, der dies tat.
Als Pascal anrief, um uns zu einem Abschiedstreffen einzuladen, freuten wir uns, wieder von ihm zu hören. Als er anfügte, es sei die letzte Einladung, die wir von ihm zu erwarten hatten, wurden wir nachdenklich. Und als er schließlich fortfuhr, er werde sich demnächst mit ärztlicher und juristischer Unterstützung das Leben nehmen, kam mehr als ein Unbehagen bei uns auf.
Pascal, den wir nun seit mehreren Jahrzehnten aus gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit kannten, gehörte nie zu denen, die in seinen Büchern finstere Gesellschaftsbilder zeichneten. Aus der Tradition der Kritischen Theorie kommend, hatte er zwar einen skeptischen Blick auf gesellschaftliche, besonders industrielle Entwicklungen geworfen. Im Gegensatz zu den Dogmatikern der Kritischen Theorie sah er aber stets auch solche Widersprüche, die die Möglichkeit von neuen, freiheitsfördernden sozialen Entwicklungen beinhalteten. Pascal war ein unkonventioneller kritischer Soziologe.
Bei dieser Sicht auf die Gesellschaft verwunderte es niemanden, dass Pascal nicht nur ein brillanter, schreibgewandter Wissenschaftler war, sondern auch ein lebenslustiger Freund, der kein frugales Mahl und keinen eleganten Wein verschmähte. Pascal war ein wissenschaftlicher Homme des Lettres und ein Bonvivant, wie man ihn im deutschen Wissenschaftssystem nicht alle Tage findet. Diese Rolle spielte er viele Jahrzehnte und noch im vergangenen Herbst wies er den Einwand, in seinem Alter mit fast neunzig Jahren sei ein gewisser Verzicht auf alkoholische Getränke bestimmt kein gesundheitlicher Nachteil, mit lächelnder Miene zurück. Nein, sagte er immer wieder, seine wissenschaftliche Kreativität stehe in einem produktiven Zusammenhang mit der täglichen Flasche Wein und daran werde er auch nichts angesichts seines fortgeschrittenen Alters ändern.
Da wir die regelmäßig eintreffenden Texte von Pascal, seien es Aufsätze oder Bücher schätzten, erschien uns seine Argumentation plausibel. Pascal brauchte seine tägliche wissenschaftliche Lektüre gleichermaßen wie den Wein, der ihn immer wieder – so seine Worte – auf verblüffende Ideen brachte. Bis Weihnachten vergangenen Jahres.
Da rief ein anderer als der lebenslustige und kreative Pascal an und teilte irritiert mit, man habe bei ihm einen Tumor entdeckt, dessen medizinische Substanz noch geklärt werde müsse. Und wenig später klang es aus dem Telefon ganz ungewohnt: „Es geht mir sehr schlecht, der Tumor ist bösartig und hat bereits Metastasen in andere Körperteile gestreut“.
Wenige Tage später ein erneuter Anruf, der an den bekannten Pascal erinnerte. Er hatte eine Idee. „Ich nehme mir das Leben“. Den Einwand des Gesprächspartners, ob der Gedanken nicht etwas voreilig sei und einer umfangreichen Überprüfung bedürfe, ließ er nicht gelten. Er habe mit dem zuständigen Arzt und Juristen einer bekannten deutschen Sterbehilfe-Organisation seinen Fall diskutiert und sei von dem Entschluss, demnächst zu sterben, nicht mehr abzubringen. Er würde sich sehr freuen, wenn wir bitte schnell zu einem Abschiedsbesuch bei ihm vorbeikommen würden, denn er möchte sein Leben rasch beenden.
Als wir dann beklommen und unsicher, wie man sich einem sterbewilligen Kollegen und Freund gegenüber verhalten solle, bei ihm eintrafen, empfing uns ein – wie wir ihn kannten – entschlossener und freundlicher Gastgeber, der Kaffee und Kuchen hatte vorbereiten lassen, um seine Gäste zum letzten Mal zu bewirten. Resignation und Traurigkeit bestimmten nicht unser letztes Treffen.
Ganz im Gegenteil. Pascal erzählte mit bewegenden Worten, dass er froh sei, in seiner gesundheitlich aussichtslosen Lage Unterstützung von Fachleuten darin zu bekommen, rasch aus dem Leben zu scheiden. All die Qualen, die man ihm bei einer Behandlung mit Chemotherapie vorausgesagt habe, um sein Leben für eine gewisse Zeit zu verlängern, wolle er auf keinen Fall erleiden. Er habe ein zu schönes und erfolgreiches Leben gehabt und möchte es so beenden, wie er es immer erlebt habe: leicht und genussvoll.
Leicht und genussvoll sterben? Wir, seine Besucher, schauten uns verwirrt an, was Pascal zu einem – auch wie wir es gewohnt waren – temperamentvollen Vortrag über die Schönheit des selbstbestimmten Todes veranlasste. „Warum soll ich mit fast 90 Jahren einen qualvollen, lebensverlängernden Sterbeprozess erleiden, wenn ich darüber entscheiden kann, an welchem Tag ich aus dem Leben scheide“, erwiderte er auf unsere zweifelnden Blicke, aus denen er eine Unsicherheit las, die er so gar nicht empfand. Um uns seine Entscheidung endgültig plausibel erscheinen zu lassen, fügte er am Schluss seiner Ausführungen an: “Und im Übrigen bin ich ausgeschrieben, von mir hättet ihr keine Aufsätze oder Bücher mehr bekommen, höchstens noch Zweitauflagen“.
Sein Kalkül, weitere Einwände zu unterlassen, ging auf. Wir schwiegen und hörten ihn erleichtert davon erzählen, dass er in wenigen Tagen nicht mehr unter den Lebenden sei. Der Sterbeprozess selbst sei vergleichbar einer Narkose, bei der man nach wenigen Sekunden das Bewusstsein verliere, mit einem Unterschied, man wache nicht mehr auf. Und genau das wolle er. Nicht mehr aufwachen. „Und bitte, liebe Freunde, freut Euch mit mir, über das bevorstehende, für mich große Ereignis: mein Tod.“
Nachdem sich bei uns die Beklemmung gelegt hatte, wir, seine Freunde, ihn angesichts der aussichtslosen Lage verstehen konnten, unterrichtete er uns von seinen Wünschen. Wer die Abschiedsrede an seinem Grab, die er am liebsten selbst schreiben würde, aber nein, das geht ja nicht, halten solle. In welchen überregionalen Zeitungen eine Todesanzeige mit der Unterschrift welcher Personen erscheinen solle. Und von wem er sich einen Nachruf in welcher Publikation wünsche. Pascal hatte alles durchdacht, geplant und uns als die Realisatoren seiner Wünsche ausgewählt.
Kaum war er mit seiner Rede am Ende, da empfahl er uns, langsam an den endgültigen Abschied zu denken. Er bekomme nämlich gleich Besuch von der Ärztin der Organisation für Sterbehilfe, die er gebeten habe, den obligatorischen Zweitbesuch vorzuziehen, damit er noch zwei Tage früher als bisher geplant sterben könne.
Heute Nachmittag rief der Sohn von Pascal an und teilte uns mit, sein Vater sei vorhin mit einem Lächeln auf den Lippen gestorben. Wir haben uns schweren Herzens mit Pascal gefreut.
Erstellungsdatum: 22.02.2026