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Hätten Sie’s gewusst? Wissen ist Macht, aber Nicht-Wissen ist noch mehr Macht, wenn man die Macht hat. Ambiguität ist kein Mangel an Kontrolle, sondern eine ihrer raffiniertesten Formen: Verantwortung wird nach unten verlagert, Macht nach oben konzentriert. Vor diesem Hintergrund erscheint Netanjahus Regierungsstil weniger als Anomalie denn als zeitgenössische Variante eines bekannten Musters. Der Psychoanalytiker und Historiker Eran Rolnik beschreibt ein bekanntes Verhaltensmuster der Machtausübung.
Die schwerwiegenden Verdachtsmomente, die sich in den vergangenen Jahren gegen das Umfeld des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verdichtet haben, laufen immer wieder auf eine scheinbar einfache Frage hinaus: Was wusste der Regierungschef – und was wusste er angeblich nicht?
Ob es um sicherheitspolitische Versäumnisse geht, die zum Hamas-Terroranschlag am 7. Oktober 2023 führten, um politische Hetze, um das Handeln einzelner Minister und Abgeordneter oder um systematische Angriffe auf rechtsstaatliche Institutionen: Fast reflexhaft folgt dieselbe Antwort. Netanjahu sei nicht informiert gewesen, habe keine konkrete Anweisung gegeben, habe von den entscheidenden Vorgängen nichts gewusst.
Doch diese Formel ist längst mehr als eine individuelle Schutzbehauptung. Sie verweist auf ein strukturelles Muster politischer Machtausübung, in dem Unklarheit, Andeutung und formale Distanz nicht Ausdruck von Kontrollverlust sind, sondern selbst zu zentralen Instrumenten der Herrschaft werden. Nicht-Wissen erscheint hier nicht als Defizit, sondern als Ressource.
Ein historischer Vergleich macht den normativen Unterschied sichtbar. Als 1974 bekannt wurde, dass der enge Mitarbeiter und persönliche Referent des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, Günter Guillaume, jahrelang als Spion der DDR tätig gewesen war, trat Brandt zurück. Nicht, weil ihm persönliche Schuld oder Mitwisserschaft nachgewiesen worden wäre, sondern weil er politische Verantwortung für ein Versagen im innersten Machtzirkel übernahm. Brandt argumentierte nicht, er habe nichts gewusst. Er akzeptierte, dass Unwissenheit in einer solchen Position selbst ein politisches Versagen darstellt.
Gerade dieser Maßstab ist heute keineswegs selbstverständlich. Um zu verstehen, wie sehr sich die Logik politischer Verantwortung verschoben hat, lohnt ein Blick auf die historische Analyse autoritärer Herrschaftsformen. Eine der zentralen Debatten der Holocaustforschung kreiste um die Frage, ob Adolf Hitler einen expliziten Befehl zur Vernichtung der europäischen Juden erteilte – oder ob das nationalsozialistische System gerade durch das Fehlen klarer Anordnungen funktionierte.
Über Jahrzehnte standen sich dabei zwei Lager gegenüber: die Intentionalisten und die Funktionalisten. Die einen sahen die Vernichtungspolitik als Umsetzung eines von Beginn an bestehenden Plans; die anderen betonten einen schrittweisen Radikalisierungsprozess, gespeist aus lokalen Initiativen, administrativer Dynamik und institutioneller Konkurrenz. Heute gilt als weitgehend anerkannt, dass die Macht des Führers weniger aus der Vielzahl expliziter Befehle erwuchs als aus deren Abwesenheit.
Hitler herrschte, indem er Erwartungen erzeugte, nicht indem er präzise Anweisungen gab. Es genügte, Feindbilder zu markieren, Richtungen anzudeuten und die Grenzen des Erlaubten zu verschieben. Verwaltung, Partei und Militär lernten, „im Sinne des Führers“ zu handeln – häufig in vorauseilender Radikalisierung und im Wettbewerb um Nähe zum Machtzentrum.
So entstand eine systematische Ambiguität: Verantwortung ohne Unterschrift, Initiative ohne Befehl, Gewalt ohne formelle Anordnung. Wissen war fragmentiert, implizit, verstreut – die Leugnung stets möglich. Gerade deshalb erweist sich die Frage „Wusste Hitler davon?“ rückblickend als irreführend. Herrschaft durch Ambiguität ist kein Mangel an Kontrolle, sondern eine ihrer raffiniertesten Formen: Verantwortung wird nach unten verlagert, Macht nach oben konzentriert.
Vor diesem Hintergrund erscheint Netanjahus Regierungsstil weniger als Anomalie denn als zeitgenössische Variante eines bekannten autoritäres Musters. Es geht nicht darum zu behaupten, er ziehe alle Fäden selbst oder sei der Ursprung jeder einzelnen Handlung. Die Logik dieser Herrschaftsform liegt gerade darin, dass dies nicht erforderlich ist. Der politische Führer markiert Richtungen, delegitimiert Kontrollinstanzen, benennt Gegner, kultiviert persönliche Loyalität – und lässt dann andere „in seinem Sinne“ handeln. Die Verantwortung diffundiert, die Macht bleibt konzentriert.
So entsteht kein Regieren durch Befehl, sondern durch Klima: ein Klima, in dem Angriffe auf Justiz, Opposition oder Minderheiten als legitim erscheinen; in dem politische Gewalt relativiert oder durch Schweigen flankiert wird; in dem Minister und Abgeordnete sich in Radikalisierung überbieten – im Wissen, dass der Führer vom Ergebnis profitiert, sich aber von den Mitteln distanzieren kann. In einer solchen Konstellation wird Nicht-Wissen selbst zum politischen Werkzeug.
Doch in einer Demokratie erschöpft sich Verantwortung nicht im faktischen Wissen um Einzelheiten. Sie umfasst die Verantwortung für das Ganze: für Ernennungen, für die öffentliche Sprache, für institutionelle Grenzen. Wer Kontrollmechanismen systematisch schwächt, wer die Wächter der Demokratie delegitimiert, wer persönliche Abhängigkeiten und blinde Loyalität erzeugt, kann sich nicht glaubwürdig auf Unwissenheit berufen.
Der Historiker Carlo Ginzburg hat auf einen grundlegenden Unterschied zwischen juristischer und historischer Logik hingewiesen. Während im Recht der Grundsatz testis unus, nullus testis gilt – ein einzelner Zeuge zählt nicht –, arbeitet die Geschichtswissenschaft unter anderen Bedingungen. Mitunter ist es gerade eine einzelne, isolierte Aussage, die einen Machtmechanismus sichtbar macht – insbesondere einen Mechanismus der Auslöschung. Der einzelne Zeuge ist juristisch unzureichend, historisch jedoch hinreichend, um zu zeigen, dass etwas geschehen ist – und dass systematisch dafür gesorgt wurde, dass keine weiteren Zeugen übrigbleiben.
Netanjahus Strategie des „Nicht-Wissens“ nutzt genau diese Kluft. Sie importiert die juristische Logik der Beweisanhäufung in den politischen Raum – nicht um Wahrheit zu klären, sondern um Verantwortung zu blockieren. Aus historischer Perspektive entlastet das Fehlen kumulativer Zeugnisse nicht; es kann vielmehr auf den Erfolg eines Systems hinweisen, das Bedingungen schafft, unter denen Verantwortung sich niemals bündelt. Nicht-Wissen ist hier kein Zufall, sondern ein strukturelles Produkt.
Um zu verstehen, wie der Satz „Ich wusste es nicht“ von einer Verteidigungslinie zu einer eigentlichen Regierungsform werden kann, hilft eine psychoanalytische Unterscheidung: Nicht jedes Nicht-Wissen ist Unwissenheit. Mitunter handelt es sich um ein gespaltenes Wissen – einen Zustand, in dem ein Subjekt etwas weiß, sich diesem Wissen jedoch zugleich entzieht. Das Wissen ist vorhanden, aber von Anerkennung, Verantwortung und moralischer Konsequenz abgetrennt.
Politisch erlaubt diese Spaltung, zugleich zu lenken und sich zu entziehen: genug zu wissen, um zu ermöglichen oder zu profitieren, und zugleich nicht genug zu wissen, um Verantwortung zu tragen. In diesem Sinne ist die Leugnung kein psychologisches Versagen, sondern ein politischer Erfolg.
In den Begriffen Ginzburgs fehlt es hier nicht an Zeugen. Es handelt sich vielmehr um eine Methode, die sicherstellt, dass stets nur ein einziger Zeuge übrigbleibt – ein Zeuge zu viel, um alles zu leugnen, aber niemals genug, um Verantwortung zu tragen. Das Nicht-Wissen ist bei Netanjahu daher kein Defizit, sondern eine Herrschaftsform – und eine spezifische Weise politischer Existenz.
Zuerst erschienen bei Haaretz am 02.01.2026
Erstellungsdatum: 17.01.2026