MENU

„So tief kann man nur auf dem Land schweigen. Worte zerplatzen auf der Oberfläche der Tage, in denen alles ausgespart wird, was sich nicht aussprechen lässt. Sie werden straff über die Dinge gezogen, hochgebogen wie Bohnenranken am Spalier.“: Es sind ungewöhnliche Sprachbilder, die Johanna Hansen anbietet, um die Eindrücke, die sie seit ihrer Kindheit bewahrt hat, zu vermitteln. Es ist ihr also in dem Maße um Genauigkeit zu tun, das ihre Schilderung vom Erwartbaren entfernt. Sie schlüpft in die Poesie. Elke Engelhardt hat Johanna Hansens „Schamrot“ gelesen.
Monreberg, eine kleine Stadt am Niederrhein in den 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ein zweistöckiges Haus, ein Garten mit Kirschbaum. Eine Familie, die unter den Traumata des Krieges und dem Verlust eines zu früh geborenen Kindes leidet, und ebenso wenig darüber sprechen kann, wie die meisten Menschen zu dieser Zeit. In dieser Familie wächst ein Kind heran, das mit Vergessen gefüttert wird. „Jahrelang streifen die Eltern vergeblich Schuld von den Tagen ab“ schreibt Johanna Hansen, die zuletzt für ihre Lyrik mit dem Feldkirch Preis ausgezeichnet wurde. Hansen ist außerdem eine der Herausgeberinnen der Wortschau, einer Literaturzeitschrift, die ein sehr ähnliches Prinzip wie ihr nun vorliegender, erster Roman verfolgt: Das Zusammenspiel von bildender Kunst und Text. Das ist naheliegend, weil Johanna Hansen neben ihrer ausgezeichneten Lyrik auch hervorragende Bilder malt, aber es ist, und das zeigt sich in diesem autofiktionalen Werk, das in der Edition Offenes Feld erschienen ist, ganz besonders gut, darüber hinaus eine Möglichkeit das Unaussprechliche in einer weiteren Dimension begreifbar zu machen.
Der Enge, unter der das Kind leidet, das wir in Schamrot bis ins späte Jugendalter, bis in den Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben, begleiten dürfen, setzt die Autorin eine Form entgegen, die bewusst Grenzen überschreitet. So wird auf zwei Ebenen erzählt. Einmal fast dokumentarisch, dann nahezu surreal, wenn die Autorin uns in die Gedanken- und Erlebniswelt des Kindes mitnimmt. Dort mischen sich Empfindungen mit Sinnsprüchen, die Härte der Erwachsenen prallt auf das Bedürfnis des Kindes nach Schönheit und Zuflucht:
„Erinnerung ist eine Durchquerung wunder Punkte. Ein Springen von einer blinden Stelle auf die nächste. Wie man sich bettet, so liegt man. Wasser hat keine Balken. Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der ganze Lebenslauf.“
Kirche und Landleben grundieren die Erzählung ebenso wie die alltägliche und selbstverständliche Gewalt. Zeitgeschichte, Befreiungserzählung, Splitter, Briefe, Dokumente, erzählende Abschnitte und lyrische Passagen lassen ein Mosaik entstehen, aus dem sich die Geschichte einer Frau entfaltet, die schmerzhaft und gegen viel Widerstand zu sich selbst findet.
Die bildreich erzählenden Passagen treffen dabei auf sprechende Bilder. Die Zeichnungen gewinnen eine neue Dimension durch die Geschichten, und die Bilder in den Geschichten gewinnen Kontur durch die Aquarelle, alles bereichert einander, ergänzt und weitet den Blick.
Dabei geht es im Buch zeitlich vor und zurück. Denn die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart, die es schwer hat, sich davon frei zu machen.
Eine Familiengeschichte wird umrissen, in der frühe Bestrebungen von Vater und Tante, sich für Natur- und Tierschutz einzusetzen, ein positives Erstaunen hervorrufen, die aber vor allem getragen wird durch die fraglose Bevorzugung des männlichen Geschlechts, die so weit geht, dass der bedrohliche Gesundheitszustand der Protagonistin hinter dem sehr viel milderen Krankheitsverlauf ihres Bruders nahezu verschwindet und auf lebensbedrohliche Art übersehen wird. Die Enge der Welt wird schmerzhaft spürbar. Man ist entsetzt über die allgegenwärtige Misogynie und die Missachtung kindlicher Bedürfnisse. Manche Szenen sind so plastisch, dass sie nahezu weh tun beim Lesen.
Monique Laederach schreibt in ihrem Text Autobiografie. Sich als Frau schreiben: vom Irrtum zur Identität, vielleicht.: „Wie oft in der Geschichte eines Menschen prägen sich in frühester Jugend die jeweiligen Anlagen zu seinen Freuden und zu seinem Selbstschutz; in meinem Fall ist das Schreiben von Beginn an der Ort der glücklichen Einsamkeit gewesen, derjenige, in dem ich mir Welten erzählen konnte, die mich über die wirkliche Welt hinwegtrösteten, sozusagen Welten der Reparatur, der Wiederherstellung.“ Dieses Zitat trifft sehr gut, was sich beim Lesen von Schamrot einstellt. Denn nicht zuletzt ist diese autofiktionale Erzählung die Geschichte davon, wie Kunst hilft und zum Rettungsanker werden kann, wenn sonst nichts mehr hält und tröstet. Wie sie die Schwere eines Lebens aufhebt, nicht indem die Kunst irgendetwas wieder gut macht, sondern indem sie da ist, existiert als eine Gegenmacht.
Der Buchrücken des großformatigen schön gemachten Buches, ist grau, der Schutzumschlag violett-rosa. Das ist die Fabel der Geschichte, die Illustration des Inhalts.
Eigentlich bedarf das keiner weiteren Erklärung, spätestens nach der Lektüre spricht dieses Detail für sich selbst.

Johanna Hansen
Schamrot
Eine niederrheinische Kindheit,
212 S., geb.
ISBN: 978-3-8192-7383-4
edition offenes feld, Dortmund 2025
Bestellen
Erstellungsdatum: 01.03.2026