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Pariser Geschichten: Walter Benjamin und seine Pariser Hausgemeinschaft

Es mag schwer vorstellbar sein, berühmte Schriftsteller und Philosophen, die sich uns mit anspruchsvollen Werken auf sehr unterschiedlichen Sachgebieten bekannt gemacht haben, sozusagen nach Dienstschluss gemeinsam kartenspielend an einem Tisch zu sehen – in Not und wachsender Gefahr. Wie Walter Benjamin, Arthur Koestler, Daphne Hardy, Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Erich und Herta Cohn-Bendit, Fritz Fränkel in einem Haus des 15. Arrondissements zusammenfanden, erzählt in seinen Pariser Geschichten Rainer Erd.
Paris, Samstag, 20. Januar 1940 – Walter Benjamin ist erschöpft an diesem Samstagabend. Das Wetter ist jahreszeitgemäß stürmisch und regnerisch, seine Arbeiten am Manuskript des „Passagen-Werk“ kommen nicht recht voran, und die Jahre seit 1933 in Paris, dem Zufluchtsort vor den Nazis, waren mehr als anstrengend. Da half es auch wenig, dass er Paris als die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ vor Ort portraitieren konnte. Denn Benjamin lebt unfreiwillig in seiner geliebten Stadt, und jeder Tag in dem fremden Land ist mühsam. Aus Berlin vertrieben und in Paris von den französischen Behörden mit Skepsis betrachtet, fährt er morgens in die Bibliothèque nationale nahe dem Palais Royale, exzerpiert dort den ganzen Tag Manuskripte für sein geplantes großes Werk. Und abends fährt er mit der Metro 12 zurück in das 15. Arrondissement, steigt an der Station „Convention“ aus und geht die wenigen Meter bis zu seiner kleinen Wohnung im 7. Stock der Rue Dombasle 10.

Gesundheitlich geht es ihm seit einer Malaria-Erkrankung im Herbst 1933 nicht gut, er klagt immer wieder über Erschöpfungszustände und seine schwache körperliche Konstitution. Der Herbst 1939 in Paris war besonders schwierig. Denn mit der Kriegserklärung der Nazis gegenüber Polen am 1. September 1939 erließ die französische Polizei gegenüber allen Männern deutscher Herkunft zwischen 17 und 65 Jahren die Aufforderung, sich an bestimmten Stellen zur Registrierung zu melden. Danach wurden sie in Lagern interniert, weil jeder Deutsche als ein Gefährder galt, dessen politische Unschuld erst in den Lagern überprüft wurde. Die in Paris lebenden Deutschen, auch die Nazi-Gegner, mussten sich im Olympiastadion Yves-du-Manoir von Colombes, einem nordöstlich von Paris gelegenen Ort, einfinden.
Benjamin war der polizeilichen Aufforderung gefolgt und mußte dort mit 20.000 anderen Deutschen zehn Tage unter entwürdigenden Bedingungen verbringen. Die Verpflegung bestand aus Brot, einfacher Pastete und morgentlich einer Tasse Kaffee. Die Internierten übernachteten auf dem Zementboden der offenen Tribünen des Stadions – für den kranken 47-jährigen Walter Benjamin eine traumatische Situation. Nach zehn Tagen verbrachten die Franzosen 300 Emigranten, unter ihnen Benjamin, in die Nähe der Stadt Nevers, ca. 240 Kilometer südlich von Paris. Keiner wusste, wie ihr weiteres Schicksal aussehen würde*. Mut machte Benjamin in dieser für ihn schrecklichen Zeit die ebenfalls aus Deutschland geflohene und in Paris lebende Soziologin und Fotografin Gisèle Freund. Durch ihren und anderer Freunde Einsatz konnte Benjamin das Lager Ende November 1939, nach zweieinhalb Monaten, verlassen. Erleichtert kehrte er nach Paris ins 15. Arrondissement, in die Rue Dombasle 10 zurück.

An diese schreckliche Zeit muss Benjamin denken, als er am Samstagabend des 20. Januars 1940 aus der Metro 12 an der Station „Convention“ steigt. Was für ein Glück, dass heute Samstag ist, denkt er, da kann er gleich bei seinem Nachbarn Arthur Koestler und dessen Frau Daphne Hardy klopfen und fragen, wann sie mit ihrem Poker-Abend beginnen wollen. Der Pokerabend in der Rue Dombasle 10 ist in der Zeit, seitdem er wieder „zuhause“ ist, für ihn ein liebenswertes Ritual geworden, auf das er sich freut und gerne daran denkt, wenn die Woche wieder einmal voller Beschwernisse war. Benjamin und Koestler leben seit 1937/38 zusammen in demselben Haus im 7. Stock der Rue Dombasle 10. Sie sind, die sie die Stadt früher häufig besucht haben, dieses Mal nicht freiwillig in Paris, sondern als Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten, die sie als Juden und Linke verfolgen. Auf den ersten Blick will man es nicht glauben, dass der temperamentvolle, zu lautem bis aggressivem Verhalten neigende Journalist und Schriftsteller Arthur Koestler, der 1936 als kommunistischer Journalist aus dem spanischen Bürgerkrieg berichtet hat, und der stille introvertierte, kränkelnde Walter Benjamin sich zu abendlichen Poker-Spielen verabreden.
Aber beiden gemeinsam ist die Leidenschaft an intellektuellen Debatten, die Lust am politischen Diskurs und die Freude am strategischen, Taktieren erfordernden Spiel des Pokerns (neben diesem für manche etwas „halbseidenen“ Pokern fanden sie sich allerdings auch zum eleganten Schachspiel zusammen). Und dann wohnen sie Tür an Tür in der Rue Dombasle 10. Da ist es naheliegend, daß man sich zu Beginn der Woche für den Samstagabend verabredet und der Woche auf diese Weise ein freudiges Ende setzt.
Für den Poker-Abend hat auch Hannah Arendt zugesagt, die ebenfalls in der Rue Dombasle 10 wohnt. Im Exil lebend arbeitet die später weltberühmte Politikwissenschaftlerin in Paris notgedrungen in der jüdischen Sozialarbeit und Flüchtlingshilfe. Da sie vor kurzem den kommunistischen Intellektuellen Heinrich Blücher geheiratet hat, sind die beiden heute Abend mit ihrem anstehenden Umzug in die nahegelegene Rue Brancion beschäftigt und sagen ab. Gut, dass Eva und Hans Ekstein, zwei jüdische Emigranten aus Berlin, noch im Haus wohnen, so daß die Poker-Vierer-Runde komplett ist. Benjamin und Koestler überlegen kurz, ob sie Erich und Herta Cohn-Bendit für den Abend ansprechen sollen, verwerfen aber den Gedanken, weil die beiden drei Blocks von der Rue Dombasle entfernt, am Square Léon-Guillot 2, wohnen. Die Cohn-Bendits, Eltern des später in Montauban zur Welt kommenden Daniel Cohn-Bendit, sind auch immer gern gesehene Gäste in der Rue Dombasle 10. Sie gehören, wie Walter Benjamin, Arthur Koestler, seine Partnerin Daphne Hardy, Hannah Arendt, Hans und Eva Ekstein, der Nervenarzt Fritz Fränkel und seine Frau Hilde sowie andere zur Tribu, einer Diskussionsgruppe, die sich regelmäßig in der Rue Dombasle 10 trifft.
Benjamin atmet auf – der Poker-Abend ist gerettet. Er ist alles andere als ein passionierter Spieler, aber die Geselligkeit am Samstagabend in der Rue Dombasle 10 tut ihm gut und beflügelt ihn zu Ideen für sein geplante großes Œuvre. Am Pokern reizen ihn die Mischung aus Glück und Können, die Spannung durch Unsicherheit und vor allem das Zusammensitzen, Reden und sich necken. Teilnehmer berichten später davon, dass Walter Benjamin, der ruhige, eher zurückgezogen lebende Philosoph, beim Pokern zu verbalen Glanzleistungen auflaufen konnte.
Und dann hat Walter Benjamin noch einen geheimen Wunsch, den er allerdings nicht äußert. 1937 hatte die ebenfalls nach Paris emigrierte Soziologin, die mittlerweile mehr als Fotografin arbeitende Gisèle Freund im Rahmen einer Serie von Pariser Schriftsteller und ihrer Repräsentanten auch von ihm, Benjamin, ein beeindruckendes Foto bei seiner Arbeit in der Pariser Bibliothèque national gemacht. Daneben entstanden in drei Sessions noch 38 weitere Bilder von ihm, die Freund aber nicht veröffentlichte, vermutlich, um ihn zu schützen. Wenn sie nun zufällig an einem der Poker-Abende in der Rue Dombasle 10 mit ihrer Kamera vorbeikommen würde, hätte er nichts dagegen und würde bestimmt die anderen Mitspieler – sofern sie Bedenken hätten – davon überzeugen, sich Gisèle und ihrer künstlerischen Arbeit zu überlassen. Aber Gisèle Freund kommt nicht spontan vorbei, und sie darum zu bitten, erscheint ihm dann doch zu narzisstisch.
In der Generation des Autors dieser Zeilen hätte man ein Haus wie die Rue Dombasle 10, in einer unscheinbaren Gegend des 15. Arrondissements von Paris gelegen, als „Hausgemeinschaft“ bezeichnet. Mehrere miteinander befreundete Personen oder Paare in ihren 30er Jahren (außer Benjamin, der 47 Jahre alt ist) leben gemeinsam in einem Haus, treffen sich regelmäßig zum Essen und Diskutieren und entwickeln auf diese Weise eine Alternative zum klassischen Wohnmodell der bürgerlichen Familie.
Aber die „Hausgemeinschaft“ in der Rue Dombasle ist kein freiwilliger Zusammenschluss deutscher Intellektueller, die neue Formen des Zusammenlebens erproben wollen, sondern das Ergebnis eines erzwungenen, zufälligen Zusammentreffens von Personen, die in den Jahren ab 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris geflohen waren, weil die Stadt für sie eine Lebensmöglichkeit versprach, die sie – aus Berlin und Frankfurt kommend – gewohnt waren. Als Juden, die sich dem linken politischen Spektrum verpflichtet fühlten, hatten sie in Nazi-Deutschland kein Existenzrecht mehr und waren zur Flucht verdammt, wenn sie sich nicht verleugnen wollten.
Paris als Fluchtort stand für viele deutsche Emigranten ab 1933 fest. Wo sie aber in Paris leben würden, war zunächst eine offene Frage. Viele wohnten unter schwierigen finanziellen Verhältnissen allein in kleinen Wohnungen im 5. oder 6. Arrondissement, den Zentren der Pariser Intellektuellen. Zwar gab es Anlaufstellen, zu denen man sich begeben konnte. Aber viele Emigranten lebten allein und litten unter der Einsamkeit in einem Land, das sie keineswegs willkommen hieß, sondern mißtrauisch beobachtete. Da hatten es die Bewohner der Rue Dombasle 10 besser. Zwar mußten sie auch täglich mit der Mühsam des Lebens in einem fremden Land, dessen Sprache die meisten nur rudimentär beherrschten, kämpfen. Aber sie hatten ein gemeinsames Haus, das ihnen emotionalen Schutz und alltägliche Kommunikationsmöglichkeiten bot, die andere immer wieder herstellen mussten.
Warum gerade das Haus in der Rue Dombasle 10 zu einem Zentrum deutscher Emigranten in Paris wurde, kann man aus zeitgenössischen Berichten schlußfolgern. Einige meinten, es sei purer Zufall gewesen, dass sich die Gegend um die Metrostation „Convention“ der Linie 12 zu einem Zentrum deutscher Emigranten in Paris entwickelte. Andere sahen dies nicht als Zufall, sondern als Ergebnis der Überlegung, daß die traditionellen Intellektuellen-Gegenden im 5. und 6. Arrondissement von Paris für Emigranten zu gefährlich waren. Denn die Pariser Bevölkerung und vor allem die Polizei stand den Flüchtlingen keineswegs wohlwollend gegenüber, sondern betrachteten sie voller Mißtrauen. Deshalb war die Gefahr entdeckt und ausgewiesen zu werden, dort am größten, wo man Intellektuelle am ehesten vermutete.
Da schien das unspektakuläre, wenig attraktive 15. Arrondissement wie geeignet dafür, weitgehend unbemerkt in Paris leben zu können. Vom Haus Rue Dombasle 10 wird berichtet, dass die Concierge, morgens die kommunistische Zeit „L’Humanité lesend, linken Flüchtlingen aus Deutschland wohlwollend gegenüber auftrat und sie nicht befürchten mußten, verraten zu werden. So hatte sich seit dem Jahr 1937/38, in dem Arthur Koestler, seine Frau Daphne Hardy und Hannah Arendt mit ihrem späteren Mann, dem kommunistischen Journalisten Heinrich Blücher, in das Haus einzogen, in Emigranten-Kreisen herumgesprochen, daß das unscheinbare 15. Arrondissement ein empfehlenswerter Stadtteil von Paris war und das Haus in der Rue Dombasle 10 die Möglichkeit bot, kommunikativen Bedürfnissen besser zu entsprechen als ein Wohnort, an dem man vereinsamen konnte und die Gefahr bestand, von der französischen Polizei verhaftet zu werden. Allerdings zeigte die Verhaftung von Walter Benjamin im Herbst 1939, dass diese Einschätzung nur bedingt zutreffend war.

Als die Nazis am 14. Juni 1940 in Paris einmarschierten, hatten sich in der Rue Dombasle 10 eine Gruppe von neun Personen zusammengefunden, die ein kommunikatives Leben pflegten. Konkurrenzen, unter Intellektuellen fast selbstverständlich, fanden deshalb wenig statt, weil die Not die Gruppe zueinander führte. So lebten im 7. Stock des Hauses Walter Benjamin, Arthur Koestler und Daphne Hardy Tür an Tür. Benjamin als Untermieter von Fritz Fränkel, dem Nervenarzt und Freund aus Berliner Tagen, mit dem er Haschisch – Experimente gemacht hatte. Fränkel wohnte mit seiner Frau im 4. Stock. Und dann gab es noch die deutsche Philosophin Hannah Arendt und Heinrich Blücher sowie das jüngere Emigrantenpaar Eva und Hans Ekstein in dem Haus. Benjamin war der einzige, wie man heute sagen würde, Single in dem Haus. Seine Ehe mit Dora Benjamin, Journalistin und Übersetzerin, war 1930 in Berlin geschieden worden, wo sie nach seiner Flucht nach Paris zunächst blieb und dann nach Italien emigrierte.
Rue Dombasle 10 – ein „Glücksfall“ für deutsche Emigranten in Paris. Jedoch nur bis zu Invasion der Deutschen. Als Nazitruppen am 14. Juni 1940 in Paris einfallen und die Stadt für die nächsten vier Jahre okkupieren, wird auch in der Rue Dombasle darüber diskutiert, wie und wohin man aus Paris entkommen kann. Die „Hausgemeinschaft“ Rue Dombasle 10 beginnt sich aufzulösen. Fritz und Franziska Fränkel emigrieren nach Mexiko, Arthur Koestler und seine englische Frau Daphne Hardy nach England, Hannah Arendt und Heinrich Blücher treffen im Mai 1941 in New York ein. Familie Ekstein verlässt ebenfalls das Haus und geht in den Süden Frankreichs. Gisèle Freund zieht zunächst in den Süden Frankreichs und reist dann über Spanien und Portugal nach Argentinien. Familie Cohn-Bendit flieht in den unbesetzten Süden Frankreichs nach Montauban, wo ihr Sohn Daniel 1945 zur Welt kommt.
Und Walter Benjamin verlässt Paris Mitte Juni 1940 in Richtung Südfrankreich, kommt Mitte August in Marseille an und will über Spanien und Portugal in die USA fliehen, wo das Institut für Sozialforschung, dem er verbunden ist und das ihn in den letzten Jahren mit kleinem Geld unterstützt hat, seit 1935 in New York eine Heimat an der Columbia Universität gefunden hat. Benjamin hat eine Einreiseerlaubnis für die USA, muss jedoch von Frankreich nach Spanien und Portugal einreisen, um vom Hafen Lissabon aus nach New York zu gelangen. Auf dem Weg über die Pyrenäen verweigert ihm die spanische Grenzpolizei am 25. September 1940 in Portbou die Einreise, weil ihm das zwischenzeitlich eingeführte französische Ausreisevisum fehlt. Seine Gruppe erhält die Verfügung, am nächsten Tag nach Frankreich abgeschoben zu werden. Benjamin fürchtet, erneut von der französischen Polizei verhaftet, interniert und an die Gestapo ausgeliefert zu werden. Die traumatischen Erlebnisse aus dem Herbst 1939 hat er nicht vergessen.
Die Nacht verbringt er verzweifelt im Hotel „Fonda de Francia“ im spanischen Grenzort Portbou. Er teilt seinen Mitreisenden mit, er werde auf keinen Fall nach Frankreich zurückkehren. In der Nacht greift er in seine Tasche, holt Morphium-Tabletten heraus, die er wegen seiner Herzkrankheit mit sich führt und nimmt eine Überdosis. Am nächsten Morgen findet das Hotelpersonal Walter Benjamin leblos in seinem Bett liegend. Ein herbeigerufener Arzt stellt den Todessschein aus.
Wer heute die Rue Dombasle 10, in der zwei Jahre eine Hausgemeinschaft aus Deutschland vertriebener Intellektuellen wohnte, besucht, findet das Haus kaum verändert vor. Was allein an die dramatischen Jahre zwischen 1938 und 1940 erinnert, ist ein Schild.

*Eine detaillierte Schilderung der Lagersituation findet sich in dem soeben erschienenen Buch von Uwe Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand, Beck Verlag, Februar 2026, S. 195 ff. Das Buch wird demnächst in TEXTOR vom Autor dieser Zeilen besprochen.
Der überwiegende Teil des Textes ist historisch belegt, kleine Teile sind fiktional. Der Leser wird erkennen, welche das sind.
Erstellungsdatum: 18.03.2026