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Ruth Fühners Gedanken über japanische Teeschalen

Raku

Ruth Fühner


Weiße Raku-Keramik Teeschale namens Fuji-san von Honami Kōetsu, Edo-Periode, 17. Jahrhundert

Wie kann es sein, dass ein ästhetisch wenig ansprechendes Trinkgefäß in Japan solch enorme Wertschätzung genießt? Nach dem Anblick einer Raku-Teeschale im Tokyoer Nationalmuseum ließ Ruth Fühner die Frage nicht mehr los. Ihre Recherchen führten sie zu einem untrennbar mit dem Zen-Buddhismus verbundenen ästhetisch-philosophischen Konzept. Das prägte die gesamte Gesellschaft und erreichte in der Teezeremonie seine höchste Bestimmung. Wie sie jetzt weiß, holten sich manche Kriegsherren sogar einen Teemeister als Berater an die Seite.

 

Eine Schale Tee macht den Geist sehr friedlich. Wenn alle friedlich sind, wird es keinen Krieg geben.(1)

 

Stellen wir uns einen chinesischen Adligen vor, einen Gesandten aus dem Reich der Mitte, der im 16. Jahrhundert in schwieriger diplomatischer Mission Japan bereist. Am Hof des Shogun nimmt er an einer der berühmten Teezeremonien teil. Und er ist schockiert. Wie man hier Tee trinkt! Soll das eine Beleidigung sein? Gewohnt ist er vom kaiserlichen Hof zuhause kunstvoll bemaltes, kostbares Porzellan, harmonisch geformt, wunderschön bemalt, hauchdünn, eine Wohltat für Augen und Hände. Und hier: Teeschalen, die eigentlich klumpige, missfarbene Brocken sind, dickwandig, wie von Kinderhand geformt, uneben, mit schlieriger Glasur. Eine Beleidigung! Aber irgendwie auch faszinierend. Wie kann es sein, dass Unförmigkeit, dass das Unvollkommene höher geschätzt wird als Harmonie und Perfektion?(2) Wie konnte es zu so einer rabiaten Umwertung ästhetischer Werte kommen? 

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Ich, heute, kann nicht mit japanischen Augen sehen (und auch nicht mit chinesischen). Mir geht es auch nicht darum, die schwer greifbare Philosophie hinter den Raku-Teeschalen oder Chawan zu verstehen – sofern sie einem „Verständnis“ in unserem Sinn überhaupt zugänglich ist. Schließlich warnen Kenner unablässig vor dem Versuch, japanisches Denken, japanische Ästhetik in westliche Begriffe fassen zu wollen. Und ja, der Kern der auch hinter Raku stehenden Zen-Philosophie ist etwa so leicht zu fassen wie die Aufforderung, doch mal mit einer Hand zu klatschen. 
In Wirklichkeit ist der Schock, den ich dem erfundenen Gesandten unterstelle, natürlich mein eigener. Klumpig, missfarben, schlierig – auch ich fand die Chawan in der Vitrine des Nationalmuseums in Tokyo auf Anhieb: hässlich. Seither lässt mich die Frage nicht los, warum sie so hohe Wertschätzung erfahren haben und erfahren. Und auch, warum sie mich nicht loslässt, diese Frage. 
Dieser Essay versteht sich als Annäherung an die Faszination, die ästhetische und philosophische Herausforderung, die die Raku-Chawan für mich darstellen. Auf der Suche nach Antworten haben sich mir auch Parallelen zu der uns nur scheinbar vertrauten spätmittelalterlichen Geschichte des Abendlands aufgedrängt. Andererseits liegt es auf der Hand, dass mein Gedankenbesteck seinem Gegenstand gegenüber fremd bleiben muss. Das Scheitern ist also programmiert – machen wir uns auf den Weg. 

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Am Anfang… – aber was heisst schon: Anfang? Je tiefer man gräbt, desto mehr verzweigen sich bekanntlich die Wurzeln. Wenigstens nicht ganz beliebig erscheint mir als historischer Ansatzpunkt das Jahr 1185. Damals zieht der japanische Kaiserhof von Kyoto weg nach Kamakura in der Nähe von Tokyo. Es muss eine mittlere Katastrophe gewesen sein für die Klöster und die Mönche, die einen erheblichen Teil ihres erheblichen Reichtums der Nähe zum Hof verdanken. Aus ist es mit der luxuriösen Pracht, dem kostbaren chinesischen Porzellan, aus dem sie ihren Tee trinken. Sie reagieren, indem sie aus der Not eine Tugend machen: sie beginnen, das Schöne an dem zu entdecken, was sie haben. Etwa an schlichter, schmuckloser Keramik, wie sie zu dieser Zeit massenhaft in Korea produziert wird. Und sie erklären die Schlichtheit zum neuen Ideal. Ist sie zu platt materialistisch, diese Erklärung? Mag sein – aber doch nicht unplausibel. Dieses Ideal jedenfalls, das ohne die Philosophie des Zen kaum denkbar wäre, bekommt einen Namen: Wabi Sabi. 

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Wabi Sabi ist so ein schillernder Doppelbegriff, an dem sich das Verstehenwollen die Zähne ausbeißt. Es umschreibt die Melancholie, die sich einstellt angesichts der Vergänglichkeit alles Irdischen – und zugleich die Freude über den Moment, in dem sich ein Blick in das Diesseits der Vergänglichkeit öffnet. Die Feier der Kirschblüte im Wissen, dass die nächste Bö die ganze Pracht vernichten kann – das zum Beispiel ist Wabi Sabi. Schönheit offenbart sich aber auch in weniger spektakulären Anblicken. Man muss nur genau hinschauen, dann findet man sie: in der Ader eines Steines, der Form einer Wurzel, den Schlieren einer Keramikglasur. Der Blick aufs Detail zählt. Oft sind es Dinge, die die Natur anbietet – und die ist eben nicht perfekt, nicht vollkommen, nicht der Kontrolle des nach Harmonie strebenden Verstandes unterworfen. Genauso wenig soll Kunst nach Perfektion streben. Es geht auch ums Loslassenkönnen – und zwar paradoxerweise in und durch eine körperliche und geistige Disziplin, die nach äußerster Kontrolle strebt(3). In so unterschiedlichen Praktiken wie der Kalligraphie, der Dichtung, dem Gartenbau und eben der Keramik. Inbegriff des Wabi Sabi aber ist die Teezeremonie, eine rituelle Handlung, die zum Inbegriff japanischer Kultur wurde. 

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Die Ästhetik des Wabi Sabi ist untrennbar mit dem Zen-Buddhismus verbunden. Auch hier gibt es eine besondere Beziehung zwischen äußerster Disziplin und Loslassen, genauer: das Ziel der Disziplin besteht im Loslassen. Was der Zen-Adept lernen soll, ist das absichtslose Dasein im Augenblick der Gegenwart. Was immer gerade getan wird – ihm gilt die ganze Aufmerksamkeit, ohne urteilende Einmischung des Ich (das sowieso eine Illusion ist). Zen zielt darauf, die Identifikation mit diesem Ich aufzulösen. Auch sonst soll sich der Zen-Anhänger an nichts „festhalten“: nicht an Dingen, Überzeugungen, Gedanken. Um das höchste Ziel zu erreichen, nämlich sich vom Leiden zu befreien, muss man sich von allen Begierden lösen – nicht nur vom Drang nach materiellem Besitz und sozialem Status, sondern auch vom Drang nach Erkenntnis und (wieder paradoxerweise) dem Drang nach „Erleuchtung“. Zen, lese ich bei Wikipedia, entziehe sich der Sphäre des begrifflichen Denkens, da sprachliche Abstraktion und begriffliche Kategorien im Gegensatz stünden zu einer unverstellten Erfahrung der Wirklichkeit. Demnach ergibt sich das scheinbar Mysteriöse des Zen allein aus den Paradoxien des Versuchs, mit begrifflichen Mitteln über eine nicht-begriffliche Wirklichkeit zu sprechen.

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Zu ihrer höchsten Bestimmung gelangen der Tee und seine Utensilien in der Teezeremonie. Ein Ritual, das sich aus bescheidenem Beginn immer mehr zu einem Kultus entwickelt und zu einer spirituellen Praxis an den Höfen der Mächtigen avanciert. Auf dem Höhepunkt im 16. Jahrhundert ist ein Teemeister wie Sen no Rikyu auch Autorität in ästhetischen Fragen und Gutachter für Kunstgegenstände. Er berät Kriegsherren, die Shogune, er ist ihr Eventmanager und spiritueller Anleiter – in der Teezeremonie. Deren Ablauf ist bis ins Kleinste geregelt und Ergebnis jahrelanger Übung, die auf allergrößte Achtsamkeit im Detail zielt. Keine überflüssige Bewegung ist erlaubt. Dem Ideal des Zen entsprechend: reine Gegenwart, in der kein Einfluss von außen wirken soll, in der alles nur auf den strikt umgrenzten Augenblick gerichtet ist. 

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Es gibt übrigens keinen Grund, den Zen-Buddhismus zu idealisieren. Seine Geschichte ist geprägt vom Streit zwischen divergierenden Schulen, von Kämpfen um Einfluss, von Konkurrenz und Bündnissen mit unterschiedlichen Herrschern, von wachsendem Reichtum der Klöster und ihrer Zerstörung in Bürgerkriegen, die das Land bis ins 16. Jhd. hinein erschüttern. Es gibt auch Kriegermönchsorden, die mit wechselnden Herren paktieren, um den Reichtum ihrer Klöster zu verteidigen. 
Und immer wieder gibt es Gruppen, die die Entfernung vom Ideal der Schlichtheit beklagen und zurück wollen zu den Wurzeln – denen der Prunk, die Verflechtung mit der weltlichen Herrschaft, Reichtum und Machtmissbrauch, verdächtig sind. 

Auch das christliche Europa ist im Mittelalter ein Gewimmel von geistlichen und weltlichen Territorien, deren Herren mit dem Kaiser um die Macht ringen. Dabei sind weltliche und geistliche Herrschaft aufeinander angewiesen, verbündet in kultureller Verfeinerung (das ritterliche Ideal des Hohen Mittelalters ist eine Erfindung der Kirche) ebenso wie im Gemetzel. 

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Erstellungsdatum: 19.08.2026