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Die Liebe ist ein seltsames Spiel, und wo sie hinfällt, ist nicht abzusehen. Man kann sich oft nur wundern, wer sich da mit wem paart. Alle bösen Erwartungen werden zunichte, wenn der Zufall seine Hand im Spiel hat, aber auch die schönen und vor allem die vernünftigen. Die schweizerisch-rumänische Autorin Dana Grigorcea hat mit ihrem Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“ die Liebe erforscht, und Jamal Tuschick hat ihr dabei zugesehen.
Eine Schriftstellerin auf Lesereise: das ist der äußere Erzählrahmen. Unterwegs erfährt sie vom Tod ihrer ersten Liebe – Camil. Die näheren Umstände (datiert auf den 1. August 2012) eignen sich für eine reißerische Berichterstattung im Spektrum zwischen Bandenkriminalität und Verwerfungen mit post-industriegesellschaftlicher Signatur. Dana Grigorcea skizziert das transkontinentale Rust-Belt-Elend in einer spanischen Spielart. Ein Kaff am Meer. Die Hallen einer aufgegebenen Fischfabrik. Alles im Eimer, und zwar für immer. In dieser Tristesse stirbt Camil. Dem katastrophalen Befund entgegen setzt Grigorcea Impressionen aus einer Ära des Hoffnungsüberschusses.
Die Dialektik von Verfall und Verheißung. Während der Erzählanlass – die Nachricht vom Unfalltod Camils – in eine Endzeit-Dystopie führt, wurzelt der Erzählgrund in alpin-leuchtenden Erinnerungen an eine privilegierte Ferienkindheit unter totalitären Vorzeichen sowie an die ersten Jahre nach dem Ostblockkollaps.
Sommer für Sommer begegnen sich Camil und Roxana in Bușteni, einer touristisch belebten Kleinstadt im Prahova-Tal am Fuß des Bucegi-Gebirges in Rumänien. Die Ich-Erzählerin, Urenkelin eines Karpaten-Tycoons, logiert in familiärer Obhut. Den Nostalgien des Mondänen haftet eine realsozialistische Patina an. Die Sommerfrische liegt im Schatten der Caraiman-Berge. Das sind östliche Ausläufer jenes Massivs, dessen Gipfel diesem Roman einen eigenen Ereignishorizont stiften.
Sich einander anvertrauend, überwinden Roxana und Camil stabile Formen sozialer Segregation. Eine Bahnschranke konkretisiert als Marker die Unterschiedlichkeit ihrer Lebenswelten. Camil wächst in der Eisenbahnersiedlung von Bușteni auf, Roxana verkörpert gleichermaßen die großstädtische Elite und den kleinstädtischen Patrizieradel. Gemeinsam spinnen die beiden ein langes Erzählgarn rund um lokale Ereignisse und Persönlichkeiten. Da ist die Bukarester Anwältin Madame Smara, die in ihrer Datsche den sterbenskranken Gatten pflegt. Sie kultiviert einen bäurisch-gelassenen Lebensstil und lässt es zu, dass in ihrem Haus ein Kirschbaum erst den Fußboden und dann das Dach sprengt. Die Krone entfaltet sich mit wurzelfester Eigenmächtigkeit über dem Mauerwerk, das gelegentlich niedergelegt wird. Madame Smara evakuiert sich und ihren Gatten und residiert fortan in einer Baracke, „dreimal so groß wie (das Plumpsklo)“.
Die Autorin bedient sich im Arsenal des magischen Realismus. Zugleich evoziert sie märchenhafte Stimmungen und skizziert Szenen in einer Manier, die an den Pointillismus denken lässt. Den Erzählfluss unterbrechen Meldungen aus der Gegenwart. Einmal passiert sie den Bahnhof der Residenzstadt Wächtersbach und registriert ahnungsvoll eine Idylle zwischen Main und Kinzig am Südrand des Vogelsbergs. Dann kehrt sie gleich wieder nach Bușteni zurück, wo der dicke Radu Gänse hütet und mit „drolligen Drohgebärden“ von sich Reden macht. Radu ist der Dritte im Bund der Verzückten. Und es gibt sogar eine Vierte – Ana-Mia. Ihr ist der in den Vergangenheitsbeschwörungen sprichwörtliche Schlagbaum recht als Sportgerät. Sie überschlägt sich im Überschwang, während ihr zweibeiniger Hund zusieht, wo er bleibt.
Ana-Mia reüssiert als Führerin in der 1128 Meter langen, von einem im 16. Jahrhundert gegründeten Kloster beschirmten Ialomița-Höhle. Das Höhlensystem erstreckt sich über zwei Etagen. Die Autorin zählt namhafte Sehenswürdigkeiten des Naturwunders auf. In der monumentalen Bärenhalle (Sala Urșilor) wurden Knochen und Skelette des prähistorischen Höhlenbären gefunden. Roxana klappert Highlights auf dem Urlaubsparcours ab. Doch gilt ihre Aufmerksamkeit viel mehr jenen Zeitgenossen, die Camil das ganze Jahr um sich hat. Niemand drängt den Ferienfreund aus dem Zentrum eines burlesk-narrativen Personenkults – dem neugierigsten Interesse an den Eigenarten der Leute. Zum Beispiel kreuzt ein stockbetrunkener Bürger mit an Seilen über der Brust transportierten Klopapierrollen am Gartenzaun von Roxanas Großmutter auf.
Es gibt eine musikalische Referenz, die ein Datum liefert; ein Hinweis auf Toni Braxtons 1996 veröffentlichten Hit „Un-Break My Heart“. Die zeitliche Verortung kontrastiert ein retrospektiv-anachronistisch anmutendes Programm. Die Geschichte hat ihre eigene, kunstvoll ausgedachte Gegenwart. Sie funktioniert wie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in einer Nussschale. Etwas, das vor einem Vierteljahrhundert stattfand, gehört viel mehr zu dem Leben davor als zu dem Leben danach. Diese Einsicht verdankt sich Grigorceas erzählerischer Sorgfalt.

Dana Grigorcea
Tanzende Frau, blauer Hahn
Roman
160 S., geb.
ISBN: 978-3-328-60440-2
Penguin Verlag, München 2026
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Erstellungsdatum: 08.04.2026