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Martin Lüdke über die Ausstellung RADIKAL. REAL in der Kunsthalle Mannheim

Reste unseres Alltagslebens

Martin Lüdke


Arman. RADIKAL.REAL. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre" (03.07.-11.10.26), Foto: Elmar Witt

Der ‚Neue Realismus‘ der sechziger Jahre in der Kunsthalle Mannheim: Eine Schachtel Lord, gerade angebrochen, eine leere Packung Menthol-Zigaretten, dazu einiges, was auf einem gerade verlassenen Kneipentisch liegen geblieben ist, daraus hat Daniel Spoerri, noch 1968, seine Objekte gebastelt, die unter dem Titel „Radikaler Realismus“ gehandelt worden sind. Diesem Phänomen hat die Kunsthalle Mannheim jetzt eine gut bestückte, und darum hoch interessante Ausstellung gewidmet: „RADIKAL. REAL. Nouveau Realisme und die Kunst der 1960er Jahre.“ Martin Lüdke hat sie besucht.

 

Diese Bewegung, dieser „Neue Realismus“, war tatsächlich eine der konsequenten Reaktionen der bildenden Künste auf das, was ihr voraus gegangen war: die Abstraktion. Denn da hatte sich in der Tat etwas totgelaufen. Das beste Beispiel bietet Lucio Fontana. Eine weiße Leinwand, also monochrom, unauffällig gerahmt, mehr Abstraktion geht wirklich nicht. Aber Fontana war doch noch einen Schritt weiter gegangen. Er hatte sein Bild auch noch aufgeschlitzt, im Grunde zerstört. Damit war, gut sichtbar, ein schwerlich überschreitbarer Endpunkt markiert. An diesem Punkt setzte nun auch der Radikale Realismus an.      


Daniel Spoerri: Le petit déjeuner de Bruno, 1965, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Wilhelm-Hack Museum, Ludwigshafen

 

Der nicht nur kunstsinnige, sondern auch ziemlich spendable Düsseldorfer Werbefotograf Charles Wilp, eine bekannte Figur der Bonner Republik, besaß einen hübschen kleinen, blütenweißen Sportwagen der Marke MG, einen Zweisitzer, mit Notsitz auf der schmalen Rückbank. Dieses Fahrzeug stellte Wilp dem (Aktions-) Künstler Arman zu Verfügung. So kam es zu Armans „Aktion ‚White Orchid‘: Sprengung des weißen MG-Sportwagens von Charles Wilp im Ratinger Steinbruch bei Düsseldorf“. Das aus dieser Aktion entstandene Objekt „White Orchid“, 1963, das aussieht wie ein verunglückter Rennwagen, der sich überschlagen hat und dabei ausgebrannt ist, dieses Gebilde hängt jetzt an der großen Wand des Mannheimer Kunstmuseums, gleich gegenüber vom Eingang der Ausstellung und gibt, zweifelsfrei, ein beeindruckendes ‚Bild‘ ab. (Und damit aber auch, wie Kant im Zusammenhang mit seiner Konstruktion des ästhetischen Urteils geschrieben hatte: „viel zu denken Anlaß“).  

Der Neue Realismus, in dem tatsächlich die weitgehende Abwesenheit des Menschen auffällt, von dem allenfalls noch Spuren zu finden sind, etabliere deshalb, so Deborah Laks, eine „neue Kunst der Erzählung“, die durch „Doppeldeutigkeit“ und „Ungewissheit“ gekennzeichnet sei. Diese Behauptung geht leider an der Sache vorbei. Denn die Kunst der Erzählung leitet sich gerade nicht aus dem Material des Dargestellten, sondern aus der Art der Darstellung ab. Daniel Spoerris Objekte lassen diesen Umstand sehr deutlich erkennen. Die Originale enthalten Reste unseres Alltagslebens. Die Abbildung seiner Objekte lässt sich aber nicht mehr von traditionellen Stillleben unterscheiden. Der Amerikaner Robert Rauschenberg, der sich, wie viele seiner Zeitgenossen, auf dem Weg von der Abstraktion zur Pop Art, in der Nähe des Neuen Realismus aufgehalten hatte, brachte deshalb seine Position auf die Formel: „I act in the gap between art and life.“    


Kudo Tetsumi, Votre portrait, 1965-1966, Private collection, Belgium - Courtesy Galerie Loevenbruck, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Paul Louis.

 

April 1958. In der Galerie Iris Clert findet eine weitere Verabschiedung der Moderne statt. Lucio Fontana wird da noch eine Stufe höher gestellt, zusammen zum Beispiel mit Samuel Beckett (Literatur/Theater), mit John Cage (Musik). Yves Klein eröffnet seine Ausstellung unter dem leicht ambitionierten Titel: „Die Spezialisierung der Sensibilität im Zustand der rohen Materie als stabilisierte pikturale Sensibilität“. Zu sehen war, man darf das so sagen, NICHTS. Wirklich gar nichts. Erst ganze zwei Jahre später, Oktober 1960, gibt Armand mit dem Titel „Le Plein“, also „Die Fülle“, (s)eine Antwort auf Yves Kleins Vorgabe. Er füllt, wie Stefano Agresti im Katalog schreibt, „die Ausstellungsräume bis zum letzten Quadratzentimeter mit Müll und gefundenen Objekten wie Möbelstücken.“                                                                                                                                      

Während bei Yves Klein metaphysische Vorstellungen (undeutlich) durchschimmern, geht Arman fleißig weiter auf die Suche nach Spuren der Realität. Er sammelt „den Stadtmüll respektive den Müll spezifischer Personen“, um, unter anderem „die Serialität der industriellen Produktion“ herauszustellen. Seine Objekte unterscheiden sich aber von den Readymades von Marcel Duchamp durch ihre offensichtlichen Gebrauchsspuren. Duchamp löst seine Objekte sowohl von Herkunft wie ursprünglichem Verwendungszweck und transformiert sie dadurch in eine andere Sphäre, während Armand ebenso wie viele seiner Kollegen sowohl Herkunft wie ursprünglichen Zweck geradezu demonstrativ ausstellen.                                                                                          

Stefano Agresti: „Das Reale bricht in die Sphäre der Repräsentation ein und definiert die Identität selbst neu.“  Zwei der in Mannheim präsentierten Werke, einmal „Les vis á la Malévic“ von 1964, ein offener, brauner Karton, randvoll mit gleich großen, schwarzen Nägeln gefüllt, dann, aus dem gleichen Jahr, „Accumulation“, eine Plastikkiste, die mit Papier- und Plastikabfällen eher locker gefüllt ist, belegen zwar genau diesen Anspruch und demonstrieren zugleich seine limitierte Bedeutung.     

Ausstellungskatalog
Radikal. Real.
Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre
Herausgeberin: Luisa Heese
Mit Texten von Luisa Heese, Déborah Laks, Axel Heil und Stefano Agresti
dt./eng. / 355 Seiten / 160 Abbildungen
Wienand Verlag, 2026

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 11.10.2026 zu sehen

 

Erstellungsdatum: 06.09.2026