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Doris Stickler über Petra Bonavita als Chronistin des NS-Zeit-Widerstands in Frankfurt am Main

Rückblickend blieb die Angst

Doris Stickler


Petra Bonavita. Foto Privat

Rund drei Jahrzehnte lang spürte Petra Bonavita dem Schicksal von Frankfurter Jüdinnen und Juden während des NS-Regimes nach. Hierbei stieß sie unter anderem auf eine Gruppe von Helfer:innen, von der zuvor niemand wusste. Die Ergebnisse ihrer umfassenden Recherchen hielt die Soziologin in etlichen Büchern fest. Das jüngste ist Mitte dieses Jahres erschienen und wie sie in einem Gespräch mit Doris Stickler bekundete, soll es das letzte gewesen sein. Ob das zutrifft, wird sich zeigen.

 

Während des NS-Regimes fanden sich in Frankfurt Menschen zusammen, die mit waghalsigen Aktionen Verstecke und Fluchtwege für Jüdinnen und Juden organisierten. Ihre mutigen Taten blieben mehr als ein halbes Jahrhundert im Dunkeln. Dass sie überhaupt ans Licht gekommen sind, ist der Soziologin und Autorin Petra Bonavita zu verdanken. Bei ihren Recherchen über den Terror der Nationalsozialisten stieß sie auf eine Gruppe von Helfer:innen, die ihr Leben riskierten, um das anderer zu retten. Deren widerständiges Handeln dokumentierte sie in dem 2009 erschienenen Buch „Mit falschem Pass und Zyankali“. Hierfür hat sie sechs Jahre lang Aktennotizen durchforstet, mit Zeitzeugen gesprochen und anhand verstreuter Unterlagen Rettungsgeschichten rekonstruiert. Auch der Zufall spielte ihr bisweilen Mosaiksteinchen zu. 

Trotz detektivischer Kleinarbeit wird zu Petra Bonavitas Bedauern vieles für immer in Vergessenheit bleiben. Retter wie Gerettete hätten so gut wie keine Spuren hinterlassen, da alles Schriftliche sofort vernichtet wurde. Die Mehrzahl der ohnehin raren Augenzeugen sei zudem verstorben, und viele, die noch am Leben waren, zogen es auch nach der Befreiung 1945 vor zu schweigen. Wie zum Beispiel Erica Ludolph, die erstmals Petra Bonavita von ihrem Einsatz für Verfolgte erzählte. Das jahrzehntelange Schweigen begründete sie mit der „Angst, als Vaterlandsverräterin behandelt zu werden“. Räumte Petra Bonavita der Fluchthelferin in „Mit falschem Pass und Zyankali“ ein eigenes Kapitel ein, widmete sie ihr posthum ein ganzes Buch. 

Unter dem Titel „Erica Ludolph. Judenretterin und Widerstandskämpferin“ schildert sie gemeinsam mit dem Sachbuchautor Dieter Maier die Lebensgeschichte der 2022 im Alter von 101 Jahren verstorbenen Frankfurterin. Das vor kurzem erschienene Werk hat Petra Bonavita als „eine Art Zugabe“ betrachtet, denn: „Mit 75 wollte ich eigentlich aufhören zu schreiben, habe mich dann aber breitschlagen lassen.“ Auf diese „Zugabe“ folgte auf Bitten des Frankfurter „Studienkreis deutscher Widerstand“, dem sie wie der „Initiative 9. November“ seit langem als Mitglied angehört, eine weitere. Ihre Recherchen zu sogenannten Mischehen in der NS-Zeit mündeten in das Buch „Rückblickend blieb die Angst dieser Jahre...“.

Mit ihrem anhaltenden Engagement hat Petra Bonavita einen umfassenden Beitrag geleistet, das Schicksal der hiesigen Jüdinnen und Juden festzuhalten. Neben den erwähnten Büchern verfasste sie noch viele weitere und hätte dafür im Grunde längst die Verleihung der städtischen Ehrenplakette verdient. Das Jüdische Museum zeichnete sie bereits 2013 für ihre Mitarbeit an der Ausstellung „Gegen den Strom. Solidarität und Hilfe für verfolgte Juden in Frankfurt und Hessen“ mit dem Hosenfeld/Szpilman-Gedenkpreis  aus.

Während Petra Bonavita die überfällige Würdigung in eigener Sache mit einem Schulterzucken kommentiert, ist sie über eine noch immer fehlende Gedenktafel enttäuscht, die schon vor geraumer Zeit beantragt wurde. Sie soll an das Arztehepaar Fritz und Margarete Kahl erinnern, das mit dem evangelischen  Pfarrer Heinz Welke die Köpfe eines Retter:innenkreises bildete. Da die meisten Beteiligten im gleichen Stadtteil wohnten hat sie ihn in ihrem Buch „Mit falschem Pass und Zyankali“ „Bockenheimer Netzwerk“ getauft. Die Gefahren, denen die Mitglieder ausgesetzt waren wie die Zivilcourage, die ihnen das widerständige Handeln abverlangte, wurde Anfang diesen Jahres auch in einer von ihr kuratierten Ausstellung  in den Räumen der Dondorf-Druckerei vor Augen geführt. 


 

Siehe auch:
Peter Kern über das Erica-Ludolph-Buch von Petra Bonavita

Doris Stickler über Das Bockenheimer Netzwerk

 

Weitere Veröffentlichungen und Forschungsergebnisse sind auf Petra Bonavitas Website: www.rettungs-widerstand-frankfurt.de

 

 

Petra Bonavita (Hg.)
Rückblickend blieb die Angst dieser Jahre…

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Petra Bonavita & Dieter Maier
Erica Ludolph
Judenretterin und Widerstandskämpferin
kartoniert, 288 Seiten
ISBN: 978-3-89657-018-5
Schmetterling Verlag 2026

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Petra Bonavita
Die Bildhauerin und das Kind
Die wunderbare Rettung eines kleinen jüdischen Mädchens durch Hedwig Wittekind
kartoniert, 181 Seiten
Schmetterling Verlag 2021
ISBN: 978-3-89657-046-8

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Erstellungsdatum: 17.08.2026