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Beate Trögers Laudatio zum Licher Literaturpreise an Jan Snela

„Schön ist das! Oh, so schön!“

Beate Tröger


Juroren Peter Ihring, Günter Kämpf und Jan Snela bei der Preisverleihung am 20. September 2026 im Kino Traumstern, Lich. Foto: Simon Malz

Es ist die barocke Mischform, in der sich, wie auch im japanischen Haibun, unterschiedliche Textsorten wie Prosa und Lyrik zusammenfinden, die das Buch charakterisiert, – wobei die Lyrik im zurückhaltenden Gewand des japanischen Haiku erscheint. Der Dialog mit einem Mäusepaar lässt aber viel anderes, wie zoologische Beobachtungen oder etymologische Betrachtungen ein. Der in München geborene, in Tübingen und Stuttgart lebende Autor Jan Snela hat einen höchst ungewöhnlichen Roman geschrieben. In ihrer Laudatio auf den Preisträger des Licher Literaturpreises 2026 hat Beate Tröger das Wesentliche zusammengefasst.

 

Mäusen beim Sex zusehen oder Nacktschnecken dabei, wie sie sich selbst strangulieren – möchte man das? Vielleicht eher nicht, doch es wäre vorschnell, an dieser Stelle schon abzuwinken. Denn es gibt ja die Literatur – und gespiegelt in der Sprache sieht manches plötzlich ganz anders aus! Einen Beweis liefert der 2025 erschienene Roman Ja, Schnecke, Ja von Jan Snela. Ihn zeichnen wir heute mit dem Licher Literaturpreis 2026 aus, und damit einen besonderen Beitrag zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, wie es in den Statuten des Preises heißt, aber zugleich einen Roman, der, so behaupte ich, auf stillvergnügte klug verspielte, zugleich klare Weise auch Bausteine zu einer neuen Ethik birgt.

Text und Autor gehören zwar zusammen, aber nicht kausal. Erlauben Sie mir dennoch, ehe ich über Ja, Schnecke ja spreche, zwei Bemerkungen zu Stationen bzw. Besonderheiten in der Biografie Jan Snelas, des 1980 in München Geborenen, der Komparatistik, Slawistik und Rhetorik in München und Tübingen studierte, der in Berlin am Open Mike teilnahm, in Klagenfurt beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis, der den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg bekommen hat, was Sie aber alles in einschlägigen Artikeln nachlesen könnten und an dieser Stelle nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre.

Man liest in der Biografie des Autors aber auch, und darauf kommt es mir an, er sei ZEN-Schüler und meditiere regelmäßig längere Zeit, und ich stelle mir vor, dass diese Art der Versenkung hin zur Leere eine ganz und gar hilfreiche Grundlage für Snelas Schreiben in dessen ganzer Fülle bedeutet, ein Schreiben, für das es hohe Konzentration und Empathie braucht. Man findet in der Biografie auch, dass Jan Snela den Sterbeprozess seines erkrankten Vaters Bogdan Snela begleitet habe, woraus das Hörspiel Sprache du Vater Tod. Eine Bredouille entstand, das im Februar 2023 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, ehe dann 2025 bei Klett-Cotta, und annähernd zehn Jahre nach Snelas Erzählungsband Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe (2016) das Romandebüt Ja, Schnecke, Ja erschien. 

Dies über einen jungen Autor, als den man Snela getrost bezeichnen darf, zu sagen, liefert Anhaltspunkte dafür, dass hier ein Mensch mit großer Ernsthaftigkeit und dem Bewusstsein seiner Verantwortung in der Welt steht, und das wiederum im Zeitalter des Anthropozän. Der Begriff, zusammengesetzt aus dem altgriechischen „Ánthropos“ für „Mensch“ und der Endung „-zän“, die von „kainós“ abgeleitet ist und so viel wie „neu“ bedeutet, klingt neutral. Doch wir wissen: Wenn Menschen die Herrschaft an sich reißen, verheißt das oft nichts Gutes. Im Anthropozän hat das Tun der Menschen globale Ausmaße erreicht, es ist nicht mehr lokal und vorübergehend, sondern hinterlässt aufgrund der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im industriellen Maßstab, der Verbrennung von fossilen Energieträgern, durch eine die biologische Diversifizierung schmälernde Verbreitung weniger Arten in Flora und Fauna einen irreversiblen Einschnitt in die Erdgeschichte. Die Folgen unserer Zivilisation beeinflussen die Oberfläche der Erde und die biologische und chemische Zusammensetzung unseres Planeten in einem sich beschleunigenden Tempo. Wir alle haben im Sommer 2026 diese Veränderungen sehr deutlich sehen, spüren und riechen können: den ausgetrockneten Rhein, den historisch niedrigen Wasserstand des Bodensees und der Elbe, die Hitze, die insbesondere in den Städten kaum noch zu ertragen war.

Jan Snelas Roman stellt nun implizit, so meine Behauptung, die Frage: „Wie kann man im Anthropozän schreiben?“ Theoretisch bewandert gründet Snela dieses literarische Nachdenken auf zentrale Thesen und Theoreme, von allen voran weiblichen Denkerinnen und Autorinnen in Ja Schnecke ja:

Das Motto von Ja, Schnecke, ja stammt aus der Feder der durch ihre utopische Science Fiction bekannt gewordenen Ursula Le Guin, die in The Carrier Bag Theory of Fiction, deutsch Die Tragetaschentheorie des Erzählens die These in Anschlag bringt, wonach die Tragetasche (und nicht der Speer) die wichtigste Errungenschaft der Zivilisation sei und darin für eine Literatur des Sammelns und Teilens plädiert, die das Narrativ des Helden produktiv unterwandert. Nicht der Jäger, der ein Mammut erlegt, soll das Geschichtenerzählen prägen, sondern der Sammler, der nach Hause trägt.

Nicht Jagen und Erlegen, sondern Sammeln und Pflegen, derartige Bewegungen im Sinne Le Guins finden sich immer wieder in Jan Snelas Roman, wie etwa in der die Akustik einer Stadt, eine zu Ohren gehende Beschreibung Tokios, das hier mit seinem alten Namen angesprochen wird, ich zitiere:

Edo!

Diese gewaltige Agglomeration von Straßen und Häusern, Theatern und Tempeln, Teestuben, Ställen, Badehäusern, Haiku-Dichter-Hütten, Werkstätten, darin das Pochen der Hämmer und das Ratschen der Feilen, auf den Märkten das Kreischen der Händler und in den Schänken das ausgelassene Geschwätz der Bunraku-, Nō- und Kabuki-Spieler, die eine Premiere feiern, das Sake-Krächzen der Samurai, und, zum gekonnten Geklampf der Shamisen, das Gurren der Geishas in den vibrierenden Freudenvierteln, das Wiehern der Pferde, das Shakuhachi-Keuchen, das Tönen der Tempelglocken, das Schreien der Affen, das Klirren von Porzellan, das Ächzen der Tagelöhner, das wie Regen klingende Fließen von Reis aus einem Gefäß in das andere […] (Schnecke, S. 190)

Solche Figuren des wahrnehmenden Ansprechens und Sammelns und des gleichberechtigen Nebeneinanders von Personen, Tieren und Dingen findet man immer wieder im Roman. Das schärft die Sinne, sagt: „Schau genau hin, lerne, deine Sinne besser zu gebrauchen!“

Zwei, die ihr Mit- und Nebeneinander dagegen eher mühsam bis scheiternd in Balance halten können, sind die menschlichen Hauptprotagonisten, Hannes und die Schneckenforscherin Amanda, die sich nach vielen gemeinsamen Jahren mithilfe eines Forschungsstipendiums nach Japan aufgemacht hat. Sie hat Hannes die zwei Mäuse Isidor und Isadora zurückgelassen und freut sich nun in Nara ihres Lebens, während sie ihre Forschungsarbeit vorantreibt, Hannes mit Kürzestnachrichten und Essensbestellungen an die ehemals gemeinsame Adresse abspeist , und von der häuslichen Liebe zu ihrem allmählich Fülle um die Leibesmitte ansetzenden Lebensgefährten mutmaßlich die Schnauze voll hat.

Mit Amandas metaphorischen Schnauze sind wir nun wieder bei den Tieren angelangt, von denen eines ja im Titel des Romans auftaucht. Nicht nur die Liebe in ihrer Triebhaftigkeit und Kreatürlichkeit, das Menschsein als solches hat oft mehr mit Tiersein zu tun, als es uns vielleicht lieb sein mag.

Wie sehr das der Fall ist, führt uns der Erzähler in Ja, Schnecke ja gleich im ersten Kapitel vor durch das Einnehmen der Perspektive der beiden Mäuse Isidor und Isadora, die er anthropomorphisiert, wodurch eine letztlich ozeanische Projektionsfläche für die Lesenden entsteht und ihnen klar macht, wie nahe die Menschen den Mäusen auch beim erfüllenden Sex sind:

Schön ist das! Oh, so schön! Isidor weiß nicht, dass alle Mauser der Erde sich in seiner Gestalt zusammendrängen. Er klammert sich an Isadora, wie um sich davor zu bewahren, sich in ihr aufzulösen. Findet Halt nur an ihr. Isadora verspürt Universalgelüste. Sie ist Mäusin nicht länger mehr, denn das Meer. (Schnecke, S. 14)

Ich habe ihnen also hoffentlich nicht zu viel versprochen als ich eingangs erfreulichen Mäusesex ankündigte, dem lesend beizuwohnen mindestens Spaß macht, womöglich sogar animiert. Indem Ja, Schnecke, ja uns die Verwandtschaft von Mäusen und Menschen, aber nicht nur im Eros, sondern auch im Thanatos quasi gleichnishaft näherbringt – den Thanatos über das Phänomen der Autotomie, des zerstörerischen Sich-Selbst-Erneuerns von Schnecken, das Amanda im Rahmen ihrer Forschungen entdeckt –, werden wir angehalten, deutlicher und jenseits ausgetrampelter Denkpfade darüber nachzudenken, welche Konstanten unsere Kreatürlichkeit, uns und unsere Mitgeschöpfe prägen.

Zugleich werden wir angehalten, zu fragen, ob es nicht andere Wege geben könnte mit diesen Konstanten umzugehen – wie überhaupt das ostinate Fragen als Ausdruck einer Skepsis gegen gewonnene Erkenntnisse ein zentraler Modus und Motor dieses Romans ist.

Wer die Schilderungen der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren liest, und auch die zwischen den Tieren, wird womöglich eine große Nähe des Textes zu Thesen und Postulaten der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin, und Kulturkritikerin Donna Haraway entdecken, die über das Zusammenleben von Tier und Mensch derart nachgedacht hat, dass sie Haustiere nicht allein als Gefährten des Menschen betrachtet, sondern menschliche Interaktion mit Tieren eben als nicht allein vom Menschen bestimmt verstanden wissen will.

Im Begriff der „companionship“ fasst Donna Haraway in ihrem Companion Species Manifesto die Vorstellung, Formen von Lebenswelten zwischen Menschen und Tieren zu kultivieren, bei denen die Interaktion nicht allein vom Mensch bestimmt wird, sondern sich eine andere, weniger hierarchische Gefährtenschaft herausbildet, wie sie sich im Falle von Ja, Schnecke, Ja zwischen Hannes – von dem es einmal gesagt wird, er zähle zu „den ältesten Tieren der Erdgeschichte“ und sei zugleich „Qualle, Amöbe, Pantoffeltierchen, Spermatozoon, Ovarium“ (Schnecke, S. 102), wodurch seine Tierhaftigkeit betont wird – und der Maus Isadora, tatsächlich entwickelt.

Jan Snela findet die Möglichkeiten zum Perspektivwechsel aber in der Auseinandersetzung mit der Kultur und Geschichte Japans. Sein Protagonist Hannes liest die Biografie mit dem, mit dem Titel des Romans gleichlautenden, Titel Ja, Schnecke, Ja über den Haiku-Dichter Issa, dessen Name soviel bedeutet wie „Schluck Tee“, und damit etwas Kleines, zugleich aber, jedenfalls in meinen Augen, immens Wichtiges darstellt. Für Hannes und vermittelt für die Lesenden, wird Issa zu einem, der im 18. Jahrhundert Japans vorlebt, wie man als Sonderling in der Welt zurechtkommen kann, welche Strategien sich anbieten, auch die der „companionship“:

„Er meidet das Hausverlassen und die Begegnung mit den Kindern des Dorfs, wählt sich Tiere als Spielgefährten. Wenn er etwas mit anderen zu tun hat, dann sind es Heuschrecken, Grashüpfer, Spinnen, Eidechsen, Regenwürmer, Frösche, Schnecken, Maulwürfe, Mäuse und Spatzen. Er nutzt seine Tage um sich sowas wie mit ihnen zu unterhalten, sowas wie mit ihnen zu spielen. Wenn Issa sich den kleinen und schwachen Tieren zuneigt, den ungeliebten, ist es im Grunde eine Hinwendung zu sich selbst.“ (Schnecke, S. 146).

Ja, Schnecke ja ist – auch über seine Form – zugleich eine Hommage an Japan, das Denker der westlichen Welt, darunter der jüdische Wirtschaftswissenschaftler Kurt Singer in Mirror, Sword and Jewel, deutsch Spiegel, Schwert und Edelstein. Strukturen des japanischen Lebens, Roland Barthes in Das Reich der Zeichen, immer wieder fasziniert hat. Japan mit seinen Inseln, seiner Geschichte, seiner Sprache, die in Kanji notiert ist, und in seiner Literatur mitzulesen, schafft einen weiteren Raum zum Umdenken. Amanda, die Schneckenforscherin, macht eben nicht nur die Entdeckung des Überlebens der sich selbst aus einer Notsituation heraus verstümmelnde Schnecken, die bei parasitärem Befall ihren gesamten Körper abstoßen und eine Weile nur als photosynthetisch aktive Köpfe weiterlebt, ehe sie sich mit einem neuen Körper ausstatten. Sie erfährt in Japan etwas, das konvergiert mit Prämissen von Le Guin und Haraway:

„In Japan ist nichts, wie es ist! Wie oft ist sie hier doch schon in einer ihrer Gewissheiten gründlich erschüttert worden! Aber auf eine ganz sanfte Art. Und wie sehr fühlt sie sich doch genau deshalb hier mehr zuhause, als irgendwo sonst. Weil man hier nicht so sehr „definiert“. Keinerlei Antwort fordert, auf die so genannten einfachen Fragen. Man ist nicht so hastig damit beschäftigt, das Ja immer sauber vom Nein zu trennen. Hier hat man Geduld für das Jein!“ (Schnecke, S. 143)

In Amandas Japanerfahrung überlagern sich Zeiten und Kontinente, Verwandtschaft mit vermeintlich Fremdem entsteht, die Hierarchien werden erschüttert. Voraussetzung für diese Erfahrung ist allerdings die Geduld für das Jein, für das Unbestimmte, das Gestaltwandlerische, und ein Vertrauen darein, dass die Selbstzerstörung der Schnecke in ein neues Sein übergehen kann.

Diese Aspekte formen die eingangs vermuteten Bausteine einer neuen Ethik. Vermittelt sind sie durch eine literarische Ästhetik, die ebenfalls zwischen Welten schwingt, zwischen abendländischen Satzgirlanden, Listen im doppelten Sinne des Wortes, und werden in den einzelnen Abschnitten aufgehoben in Haiku, die das japanische strenge Regelwerk über den Haufen werfen.

Dass hier Sprache, die, wie es im Roman heißt, „manchmal ins Sonderliche ausschert!“ (Schnecke, S. 301), und dies in vollem Bewusstsein tut, dass hier ein Stil in bestem Sinne und wunderschön gegärtnert blüht, dass sich die Literatur hier stets als solche ausweist und zu erkennen gibt, dass durch diese Distanznahme unsere Einlassung begünstigt wird, wir nicht überwältigt, sondern ermächtigt werden, macht Ja, Schnecke, ja zu einem so herausragenden Roman.

Meine Damen und Herren, vollziehen Sie also bitte sein reflektiertes Jein-Sagen mit, auch das empathische Ja-Sagen zu Differenz, Schöpfung, Schönheit und Spielfreude, lassen Sie sich mit Ja, Schnecke ja auf etwas ein, das uns übt in einer Fähigkeit, die heutzutage wichtiger denn je ist, nämlich Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, uns ernst, aber weniger wichtig zu nehmen. Lesen Sie diesen klugen, lustigen und blitzenden Roman!

 

 

Jan Snela
Ja, Schnecke, ja
Roman 
416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96240-6
Klett-Cotta, Stuttgart 2025
 

Erstellungsdatum: 01.10.2026