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Ewart Reder über Kornelia Bojes „Erlebtes und Gefundenes“

Schön leise und unangenehm nah

Ewart Reder


Wasserspeier. Foto: Bernd Leukert

Nicht nur das Schöne liegt im Auge des Betrachters. Auch alles andere liegt in den Augen der Betrachterin. Wenn der Blick etwa auf Männer fällt, zieht er sich gerne auf eine Beobachterposition zurück, in eine sichere Distanz zur maskulinen Fremdheit. Das andere Geschlecht, der Mann, wird zum Objekt. Eine besondere Art der Wahrnehmung, die man in Vorzeiten Aisthesis nannte, kann die Kunst sein. Und wenn die Betrachterin Kornelia Boje heißt, dann tritt zur Kunst eine reiche Erfahrung. Ewart Reder hat ihr Buch mit Erzählungen gelesen.

 

Lerne lachen, ohne zu weinen, rät Tucholsky. Wie lernt man das? Sicher nicht, indem man das Traurige leugnet, wenn es schon so nett ist, nebenbei amüsant zu sein. Besser, man lacht einfach lauter. Laut genug, um mit Lachen ausgelastet zu sein. Kornelia Bojes Geschichten steigern sich in die Komik des Geschehens hinein, weiden sich an Details, setzen bisweilen auf das Erlebte eins drauf, das erfunden ist. „Erlebtes und Gefundenes“ – der Titel des Buchs ist irreführend, das zweite Nomen lässt beinahe an Plagiat denken. Man muss die Wörter aber nur schütteln und hat eine Art Rezeptur, nach der die Autorin vorgeht: „Gelebtes und Erfundenes“. Damit erzeugt sie wohltuende Heiterkeit, zu der eine Prise Melancholie gehört, als Würze und als Realitätsanker. Das Lektorat hätte etwas gründlicher sein dürfen. „Woyzeck und Gretchen“ ist als Versprecher der Autorin charmant, stand diese doch auf der Bühne in so vielen Rollen, dass man schon mal durcheinanderkommt. In der Endfassung sollte es nicht mehr stehen. Von Petitessen der Art abgesehen, gehört das schmucke kleine Buch in jede Damenhandtasche. (Oder lesen doch noch Männer?)

Die Wohnung, das Verkehrsmittel, die Paarbeziehung, das Café – direkte Zugänge zum Vergnügen wählen die meisten der zwischen zwei und zwanzig Seiten langen Erzählungen. Ihr Grundelement ist die genaue, oft mitleidlose Beobachtung. „Er arbeitet konzentriert – egal was er tut, es dauert“, heißt es über einen Anstreicher. Teuer ist er auch. „Nur wagt es kaum eine Frau, ihm zu widersprechen, da er so nett und mit einem Schicksal behaftet ist und sich gut benimmt, auch angenehme Konversation zu führen imstande ist.“ Die Erzählerin ist ihrer Figur gewogen und erreicht so erst die letzte Genauigkeit der Beschreibung. Ohne Freundlichkeit käme sie an die Figur nicht nah genug ran, um ihre Mängel aufzuspießen. Hinterhältig ist das nicht, Bojes Interesse an ihren Figuren wirkt aufrichtig. Wenn die sich im erzählerischen Zoom unvorteilhaft präsentieren, sind sie selber schuld. „Neulich im Café“ sitzen drei Blondinen, „trinken Wasser, Kaffee, essen Salat, sehen sich ernst und wichtig in die Augen.“ So weit, so hoffnungsvoll. Doch sind die drei zufällig beim Fernsehen tätig, einem der Milieus, in denen Kornelia Boje sich auskennt. Der selbstgefällige Talk, währenddessen die drei ein neues Projekt auskochen, lässt von dessen Qualität nach nur zwei Textseiten nichts mehr erwarten.

Genau beobachtete Szenen münden bisweilen in absurde Szenarien, die an Gogol und andere russische Vorbilder erinnern. Der oberwähnte Anstreicher, den die Kundin nach Proben seines Unvermögens loswerden will, sich aber nicht zu feuern traut, wird zum Schluss durch den Einsturz des Treppenhauses von ihr ferngehalten. Drei Telefonistinnen des Rundfunksenders, von dem „Die Freiberuflerin“ in einem der satirisch schärfsten Texte ein überfälliges Honorar anfordert, haben zuletzt allesamt eine Tante, die in der Nachbarschaft der Beantragenden wohnt. Von ihren Tanten reden die Damen mit einer Leidenschaft und Ausdauer, die sie dem Anliegen der Mitarbeiterin nicht zu widmen vermögen. Kaltschnäuzig und arrogant sind die Umfelder, in denen Kornelia Bojes Ich-Erzählerinnen sich bewegen, weil sie es müssen. Die Erfinderin kennt sich aus, stand und steht in einem knallharten Berufsleben als Schauspielerin, Synchronsprecherin, Fotografin und Autorin (Aufzählung unvollständig). Da lernte sie früh das Weinen, hernach und nur durch eine Ausnahmebegabung für ebendies auch das Lachen. Ihr Buch hat einzelne Texte, die den Humor zurückhalten und es bei der traurigen Wahrheit belassen.

Umwerfen kann diese Autorin nichts – außer vielleicht ein attraktiver und sympathischer Mann. Die Männer sind das Thema, über das man in dem Buch am meisten lernt. Geschont werden sie nicht. Damit ist an sich schon verraten, wie gottserbärmlich sich die meisten von ihnen in den Geschichten benehmen. Geliebt, gemocht, unbelehrbar an der Seite einer Frau, die klüger ist als sie, geduldet werden sie trotzdem. Das geht manchmal weiter, als der Leser mitkommt. Ein brotdummer Mansplainer, der seine Sprachschnitzer gegen alle Einwände einer PC-Rechtschreibprüfung nicht nur verteidigt, sondern der PC-Besitzerin beibringt, tut beim Lesen weh – und erhält das warme Mitgefühl der Erzählerin. Ein Ehemann telefoniert mit seiner Geliebten einen selbstbesoffenen Blödsinn zusammen, bis diese ihrer Rivalin Brillanten schenken müsste dafür, dass sie den Kerl blockiert. Warum legt die Frau nicht einfach auf? Aber den Stab zu brechen über lachhafte Verhaltensweisen ist die Sache der Autorin nicht. Sie bleibt in der Nähe, oft sogar an der Seite ihrer Figuren. Was die alles in Ruhe machen können, ruiniert mitunter ihr Ansehen beim Leser. Derselbe hätte aber nicht das sublime Lesevergnügen, wenn die Autorin weniger geduldig beobachtet und zugehört hätte.

Kornelia Boje
Erlebtes und Gefundenes
Erzählungen
188 S., geb.
ISBN: 978-3-96258-230-2
PalmArtPress, Berlin 2025
 
 
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Erstellungsdatum: 29.05.2026