MENU

Für jemanden, dem an Literatur, Musik, den bildenden und darstellenden Künsten gelegen ist, ist es herabstimmend wahrzunehmen, wie erfolgreich gerade das ist, was künstlerische Ansprüche vermeidet. Erfolg aber misst sich an hohen Verkaufszahlen, an der eingenommenen Geldmenge. Wer Qualität möchte, kann Erfolg als Betriebsunfall hinnehmen. Rainer Erd berichtet über eine Erfolgsserie.
Seit alters her können sich Liebhaber von Paris medial vielfältig über die Stadt ihrer Träume unterrichten. Die französische Literaturgeschichte hat eine Fülle von Romanen und Erzählungen hervorgebracht, in denen Paris eine wichtige Rolle spielt. Wer lieber zu Büchern greift, in denen die Stadt zur Erkundung geschildert wird, weiß kaum, auf welchen der vielen Reiseführer und Ratgeber er zugreifen soll. Gleichermaßen umfangreich ist das Angebot des französischen Kinos, wenn man seiner Paris-Leidenschaft frönen will. Nicht nur die Stadt, sondern auch einzelne Arrondissements sind häufig Gegenstand von Filmerzählungen geworden. Und wer sich der Stadt lieber musikalisch nähert, kann auch dies in Genres tun, die vom Chanson über den Jazz bis zur klassischen Musik reichen. Paris ist medial allgegenwärtig.
Seit 2020 ist neben dieses breite Angebot an Möglichkeiten, Paris für sich erfahrbar zu machen, ein neues Medium getreten: das Streaming. Am 2. Oktober 2020 fiel der Startschuss für eine Serie, die dem ausstrahlenden Kanal „Netflix“ nun bereits im 4. Jahr begeisterte Zuschauer bringt. Zum Start 2020 streamten 58 Millionen Haushalte die international vertriebene Serie, über die Jahre seither liest man von 1,21 Milliarden gestreamten Stunden. Die 2024 gestartete 4. Staffel brachte es in den ersten vier Tagen nach dem Start auf 19,9 Millionen Aufrufe und lag damit an der Spitze der Netflix Charts. Dem Beginn der 5. Staffel am 8. Dezember 2025 fieberten weltweit Millionen Zuschauer erwartungsvoll entgegen. Netflix bietet die englischsprachige Serie in einer Fülle weiterer Sprachen und einer noch größeren Zahl von Untertiteln an.
Serienjunkies haben längst erkannt, dass hier von der Hochglanz-Serie „Emily in Paris“ die Rede ist. Eine Serie, die dramaturgisch wenig zu bieten hat, auch darstellerisch nicht gerade die Crème der Profession beschäftigt – und dennoch ein weltweites Phänomen ist. Die Geschichte, um die es geht, ist rasch erzählt. Eine junge Amerikanerin wird von ihrer Chefin in eine Marketing-Agentur nach Paris geschickt, weil sie selbst das ihr unterbreitete Angebot nicht wahrnehmen kann. Emily, so heißt die junge Dame, kommt von Chicago nach Paris und bedient schon in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft alle Klischees, die man von Amerikanern erwartet. Natürlich kann sie kein Wort Französisch und fällt bei allen Mitarbeitern der Agentur durch ihr impertinentes Drängen nach Effizienz und Akkuratesse auf.
Die französische Agentur wiederum wird auch nach den schlichten Vorstellungen geschildert, die ein vorurteilsbeladener Zuschauer liebt. Da kommt keiner morgens rechtzeitig zur Arbeit, weil Pünktlichkeit in Frankreich eher als Makel denn als Tugend gelebt wird. Und während nach dem allmählichen Eintrudeln in der gestylten Firma erst einmal der Pariser Tratsch der Szene bei Kaffee oder Alkohol verhandelt wird, hat Emily schon eine Menge Ideen zur Akquise neuer Kunden und zur Umgestaltung der Firma entwickelt. Dass die Amerikanerin im charmanten, aber aus ihrer Sicht wenig effektiv arbeitenden Pariser Marketing-Milieu nicht glücklich werden wird, bekommt der Zuschauer schon in den ersten Folgen der 1. Staffel als Botschaft mit auf den Weg gegeben.
Man mag erahnen, wie es weitergeht. Besonders wenn man sich die Macher der Serie etwas näher anschaut. Da steht an erster Stelle der Amerikaner Darren Star, der als Schöpfer der Serie, Entwickler des Serienkonzepts und als Executive Producer figuriert. Star ist die zentrale Person, die kreative Entscheidungen über die Handlungsbögen der Serie, ihren Stil und die Schauspieler trifft. Showrunner nennt man das im Serienbusiness. Dass er das kann, hat er erfolgreich Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts bewiesen, als er über eine andere Kulturweltstadt eine Serie produzierte und damit zunächst das amerikanische, dann auch weltweit das Publikum zu Abhängigen machte. Mit „Sex in the City“ schuf Darren Star ein mediales Produkt, das auf eine bestimmte soziale Gruppe zielte und diese auch so erfolgreich traf, dass sie noch heute Thema bei den damaligen Zuschauern ist.
Was beide Serien verbindet, ist die Konzentration der Handlung in einer Stadt, die weltweit als Symbol gesehen wird. Bei „Sex in the City“ war es New York, ohne dass die Stadt im Titel genannt wurde, bei „Emily in Paris“ ist die Stadt bereits titelgebend. Da beide Städte für viele Zuschauer von hoher Attraktivität sind, muss jetzt nur noch das filmische Personal und ihre Geschichten so gestaltet werden, dass sie dem Image der Städte entsprechen. Bei „Sex in the City“ ging es um vier Freundinnen in mittlerem Alter, die beruflich nicht immer, aber doch weitgehend erfolgreich tätig waren, dafür aber mit ihrem Privatleben kämpfen mussten. Feste Partner hatte keine, und wenn einmal bei der einen sich ein Hoffnungsschimmer auf eine befriedigende Beziehung abzeichnete, misslang dies zum selben Zeitpunkt garantiert einer anderen.
In diesem Spannungsverhältnis von beruflichen Erfolgen und privaten Tragödien entwickelte Darr eine Geschichte nach der anderen, hielt den Spannungsbogen durch häufige unerwartete Wendungen der Geschichten und brachte es so auf sechs Staffeln und zwei Kinofilme, die dem ausstrahlenden amerikanischen Fernsehsender HBO große wirtschaftliche Einnahmen brachten, an die sich hohe Gewinne für die Produktionsfirma, Streamingplattformen und internationale Lizenznehmer anschlossen.
Dieser wirtschaftliche Erfolg und die Freude am Geschichtenerzählen und -verfilmen dürfte Darren Star bewogen haben, das Erfolgsmodell „Sex in the City“ in eine europäische Stadt zu verlegen, die über ein vergleichbares Image verfügt wie New York. So sehen wir nun vergleichbare Konflikte, die man aus „Sex in the City“ kennt, in Paris. Wieder stehen erfolgreiche Frauen, die auf ihre berufliche und private Selbständigkeit pochen, im Zentrum der Geschichten, im Vergleich zu „Sex in the City“ nun aber in verschiedenem Alter und mit anderen Nationalitäten. Aus den ähnlich alten New Yorker Karriere-Frauen sind nun eine junge Amerikanerin, eine chinesisch-stämmige Frau und eine 62-jährige Pariserin geworden. Und weil Darren Star ein selbstbewusster, erfolgreicher Amerikaner ist, triumphiert die junge Amerikanerin zumeist über die ältere Französin, die formell ihre Chefin ist.
Unabhängig von Alter und Nationalität der drei Frauen haben sie gemeinsam, dass ihre erfolgreiche Professionalität ein Hindernis für intakte Partnerbeziehungen ist. Die ältere der drei ist zwar verheiratet, weiß aber durchaus die Freuden außerehelicher Beziehungen zu schätzen, während die beiden jungen Damen Partnerträume haben, die immer einmal wahr zu werden scheinen, aber schließlich doch scheitern. Das beständige Sehnen und Scheitern ist Garantie dafür, dass der Zuschauer erwartungsvoll der nächsten Folge entgegensieht und Entzugserscheinungen bekommt, wenn eine Staffel zu Ende ist und er auf die nächste für längere Zeit warten muss. So ging im Dezember 2025 ein Raunen durch die Emily-Szene, als endlich die 5. Staffel auf „Netflix“ begann. Für zehn Folgen kann der Netflix-Zuschauer nun wieder dabei sein, wenn die drei Damen ihrem privaten Glück hinterherrennen, in der 5. Staffel neben Paris auch in Rom und Venedig.
Der weltweite Hype um „Emily in Paris“ ist für ideologiekritisch geschulte Soziologen, die Adornos „Kulturindustrie-Aufsatz“ gelesen und als Ideengeber verinnerlicht haben, ein gefundenes Fressen. Mit Theodor. W. Adorno ist es ein Leichtes, „Emily in Paris“ als ein Produkt der „Kulturindustrie“ zu identifizieren, finden sich in der Serie doch alle Ingredienzien dieses Genres: aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen (Frauenemanzipation und Beziehungsprobleme), Stereotypisierung (Amerikaner und Franzosen), immer wiederkehrende Konflikte in Beruf und Privatleben sowie Vermarktungsprioritäten bei der Entwicklung der Geschichten. „Emily in Paris“ ist ein Beispiel dafür, wie aktuell Adornos (und Max Horkheimers) Aufsatz „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ in der „Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahr 1947 noch heute ist.
Es bleibt aber die Frage, warum eine Fernsehserie, die weder dramaturgisch besonders einfallsreich ist noch darstellerische Höhenflüge zeigt, so erfolgreich werden kann, dass Millionen Menschen der jeweils neuen Staffel entgegenfiebern.
Dafür gibt es gute Gründe. Es ist nicht nur der Name „Paris“, der Zuschauer vor den Bildschirm, das Smartphone oder den Laptop lockt, sondern vor allem die in der Serie gezeigten Örtlichkeiten. Paris wird vorwiegend von seiner teuren, eleganten Seite vorgeführt. Weder verrottete Viertel, die es in großem Umfang in der Stadt gibt, sind zu sehen, noch Örtlichkeiten, die nicht in jedem Werbekatalog und Reiseführer vorgeführt werden könnten. Von Montmartre sieht man die Vorzeigestraße „Rue de l’Abreuvoir“, ohne die kein Instagram-Filmchen auszukommen scheint. Aus dem Quartier Latin wird der „Place de l’Estrapade“ als Wohnort für Emily Cooper gezeigt, schon die nahegelegene „Rue Moufftard“ scheint nicht elegant genug zu sein, um als Filmörtlichkeit zu dienen. Und als Büroadresse dient der feine „Place de Valois“ in der Nähe von Louvre und Comédie Française. Alles wunderschöne Örtlichkeiten, die Paris so anziehend machen, aber Ausnahmebereiche, die nicht charakteristisch für die Stadt sind. Insofern ist die Serie wie ein digitaler Führer durch die wohlhabenden Gegenden der Stadt, ein „Best of“ der Pariser Oberschicht- und Szene-Viertel.
Auch die wohlhabende Restaurant- und Caféhaus-Szene kommt in der Serie ausführlich zur Geltung. Kaum ein Pariser Edel-Restaurant, in dem Emily und ihr Freundeskreis nicht speisen. Und kaum ein angesagtes Café, das nicht in eine der Folgen Platz gefunden hätte. Und natürlich sind elegante Dachterrassen, die verführerische Blicke über die Stadt erlauben, häufig angesagt. Restaurants und Cafés, in denen ein durchschnittlicher Pariser in der sündhaft teuren Stadt verkehrt, sucht man vergebens. Auch in dieser Hinsicht hat die Serie den Charakter eines Reiseführers, der zu den Gourmet-Tempeln der Stadt führt.
Von hohem Schauwert sind auch die Kostüme der weiblichen Akteure und eines homosexuellen Büro-Mitarbeiters. Die französische Kostümdesignerin Marylin Fitoussi leistet glänzende Arbeit, indem sie jungen, in der Serie ungenannt bleibenden Pariser Modeschöpfer:innen die Möglichkeit gibt, ausgefallene Entwürfe zu entwerfen und zu schneidern. Diese, kombiniert mit traditionellen Marken, deren Inhaber mit Sicherheit zur Finanzierung der Serie beitragen, schaffen eine mondäne Ästhetik, die zu bestaunen ebenfalls ein großes Vergnügen ist, wenngleich sie jenseits jeder Alltäglichkeit liegen. Die Wünsche eines weiblichen Publikums nach ausgefallener Mode werden in jeder Einstellung der Serie ausgiebig befriedigt. Man kann „Emily in Paris“ deshalb auch als Führer durch die junge französische Modedesign-Welt sehen. Für ein mode-interessiertes Publikum ist die Serie deshalb ein Muss.

Zu guter Letzt ist die Hauptdarstellerin der „Emily“ für viele Zuschauer eine Attraktion. Als Tochter des britischen Schlagzeugers, Sängers und Songwriters Phil Collins, der es in den 70er Jahren mit seiner Band „Genesis“ zu einer der angesagtesten Rockbands der Welt gebracht und mit über 100 Millionen Solo-Tonträgern ein Vermögen verdient hat, ist die 36-jährige Lily Collins allein schon deshalb eine Person, die Neugier weckt. In ihrer zeitgleichen Funktion als Hauptdarstellerin und Mit-Produzentin kann sie über den Verlauf der Serie mitbestimmen. Sie spielt die junge Amerikanerin, die sich so schwer in Paris tut und so viel unter französischen Männern zu leiden hat, mit einem kindlichen Charme, der ihr die mitleidenden Herzen des Publikums mühelos öffnet.
So kann man zu Recht viel Kritisches über „Emily in Paris“ schreiben und dabei die Begriffe „Klischees“, „Verschleierung der Realität“, „Vorführung einer Traumwelt“ verwenden. Die, die sich einmal auf die Serie eingelassen haben, können aber kaum wieder von ihr lassen, weil es so viel Faszinierendes zu sehen gibt. Die Schaulust eines Paris-süchtigen Publikums wird in hohem Maße befriedigt. Daran ändert alle Ideologiekritik nichts.
Erstellungsdatum: 31.01.2026