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Elsemarie Maletzkes Vorwort zu ihrer Jane-Austen-Biographie

Schönheit erleuchtet diese Narren

Elsemarie Maletzke


Jane Austen. Stich von 1869 nach der Skizze von Cassandra Austen. Foto: Wikipedia commons

Im Gegensatz zur literarischen Klassik, die sich der Vernunft und dem Maß verpflichtet sah, nahmen sich die Akteure der Romantik gern die Freiheit, über beides hinauszuschießen. Doch ist die strikte Trennung beider Kulturströmungen falsch. Die Romane der britischen Schriftstellerin Jane Austen etwa beziehen ihre Spannung oft aus dem Zusammenprall großer Gefühle und den unverhohlen ausgestellten ökonomischen Verwerfungen, mit denen sie nicht kompatibel sind. Elsemarie Maletzke beschreibt die Wirkung der großen romantischen Realistin zu ihrer und zu unserer Zeit.

 

Sicher hat er sie geliebt, brüderlich-stolz und eitel, aber was Henry ihr nachsagte, grenzt für eine satirische Schriftstellerin an Rufmord. Jane Austen sei ängstlich bemüht gewesen, Gott zu gefallen und bei ihren Mitmenschen keinen Anstoß zu erregen. „Nie sprach sie ein unüberlegtes, leichtfertiges oder strenges Wort“, und „ihre Ansichten entsprachen genau denen der englischen Hochkirche.“ Es wirkte. Nachfolgende Generationen von Leserinnen genossen ihre „dear books“ wie ein Tässchen Haferschleim und legten sich damit in der Sofaecke schlafen. Die liebe Jane und ihre exquisiten Miniaturen englischen Landlebens! 

Nach Henrys Würdigung – und wer sollte sie besser kennen als ihr Lieblingsbruder – war die Perspektive erst einmal gesetzt. Charlotte Brontë sah in ihrem Werk nur saubere Rasenkanten. »Leidenschaft ist ihr völlig unbekannt.“ H.G. Wells verglich sie mit einem bezaubernden Schmetterling - „ohne jedes Mark“ und die literarische Sekte der Janeites verteidigte ihren guten Ruf, „als ginge es um die Keuschheit ihrer Tante“, schrieb Virginia Woolf. Ihr Werk handele „von überhaupt nichts“, klagte ein Kritiker noch 1902. Jane Austen – eine Langweilerin von hohen Graden? Es hätte tödlich ausgehen können. Aber möglicherweise war Henry nicht zugegen, wenn sie ihren Schnabel an den Nachbarn wetzte, oder er hatte es ganz schnell vergessen; und da nicht sein kann, was nicht sein darf, verweigerte sich die viktorianische Literaturkritik ihrer Schärfe und nahm statt des Degens nur die Stickschere wahr. 

Aber dann, über zweihundert Jahre nach dem Erscheinen ihrer Romane hören und sehen Millionen Menschen Jane Austen zu. Pride and Prejudice, Sense and Sensibility, Emma, Love and Friendship, Sanditon und Persuasion erleben eine Wiederauflage – im Fernsehen, im Kino, als Mehrteiler im Internet. Welches andere Medium hätte annähernd so viel Macht über unsere Lesegewohnheiten? 
Aus den Aufnahmestudios sei das Knarren der Korsettstangen zu hören und ein unübersetzbares Geräusch, mit dem Brüste in historische Kostüme gezwängt würden, erfuhr die Times. Sense and Sensibility mit Emma Thompson und Kate Winslet gewann bereits 1995 einen Oscar, Emma mit Gwyneth Paltrow 1996 ebenfalls einen. Seither wurde nicht nur jeder Austen-Roman verfilmt, einige davon mehrfach, es gab auch Filmbiografien wie Becoming Jane, 2007 über die junge und Miss Austen regrets, 2008 über die ältere Austen. Ohne die neue Lust an ihren Romanen gäbe es auch keine modernen Komödien wie Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück, samt Colin Firth als dem unsterblichen Mr. Darcy, keine Travestien wie Lost in Austen, in der Elizabeth Bennet und eine orientierungslos junge Frau aus dem 21. Jahrhundert die Plätze tauschen, und sicher auch keine von ihr inspirierten exotischen Blüten wie die Fernsehserie Bridgerton, die voll unübersetzbarer Geräusche ist.

Elsemarie Maletzke

Jane Austen
Eine Biographie
320 Seiten | Gebunden
€ (D) 24,– | sFr 33,50 | € (A) 24,70
ISBN 978-3-69097-006-8

Schöffling Verlag 2025

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Jane Austen für Boshafte
Handreichung zum Gemeinsein
Ausgewählt von Elsemarie Maletzke

Suhrkamp 2009
Insel Taschenbuch 3445
Broschur, 128 Seiten
ISBN 978-3-458-35145-0

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Erstellungsdatum: 02.07.2026