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Clair Lüdenbach sprach mit A.Sivanandan, dem Gründer des Institute for Race Relations

„Schwarz ist eine politische Farbe“

Clair Lüdenbach


Foto: Unplash

Seit Jahrhunderten wird Großbritannien durch seine Vielfalt der Kulturen bereichert. Auf den ersten Blick wirkt das Vereinigte Königreich wie eine perfekte multikulturelle Gesellschaft. Wie dieser Multikulturalismus als politisches Instrument kontraproduktiv wirksam wurde, hat Ambalavaner Sivanandan, der Gründer und Direktor des Institute of Race Relations in London, in einem 1989 geführten Gespräch mit Clair Lüdenbach erläutert. Fast zehn Jahre später ist der in Sri Lanka geborene und in England 2018 gestorbene tamilische Autor mit dem Commenwealth Writer's Prize ausgezeichnet worden.

 

A. Sivanandan war der Gründer und erste Direktor des IRR von 1973 bis 2013. Das IRR (Institut of Race Relations) wurde von ihm gegründet, um über den Rassismus in Großbritannien und in der ganzen Welt aufzuklären. Durch Gruppenarbeit an Schulen und in Gemeinden versucht es, Konflikten vorzubeugen und Betroffenen zu helfen. A.Sivanandan war auch Redakteur der Zeitschriftenreihe ‚Race and Class‘ und schrieb das Vorwort zur englischen Ausgabe von Günter Wallraffs Buch Ganz unten. A.Sivanandan wurde in Sri Lanka geboren und studierte dort Ökonomie. Als er nach England kam, arbeitete er zuerst in einer Bücherei und machte später eine Ausbildung als Bibliothekar. Als Großbritannien unter Margaret Thatcher den ökonomischen Aufstieg auf Kosten der sozial Schwachen betrieb, fand A.Sivanandan eine gewisse Popularität in den Medien. Er starb 2018. Kaum jemand vertrat so furios wie er die Rechte der Diskriminierten.

Clair Lüdenbach: Sie reagierten verletzt, als ich von der Kultur der Immigranten sprach.

A.Sivanandan: Ich habe etwas gegen den Begriff Immigrant, der Schwarze Menschen beschreibt, und bei "Schwarz" meine ich Afro-Kariben, Afrikaner und Asiaten in Großbritannien. Es gibt in England eine Schwarze – eine nichtweiße Bevölkerung –, die hier seit mindestens 30 bis 40 Jahren lebt. Aber einige von uns Schwarzen können ihre Linie zurückverfolgen bis zum 14., 15., 16. Jahrhundert, bis zur Sklavenzeit sowieso. Doch die meisten Schwarzen kamen in der Nachkriegszeit, um Großbritannien bei seinem Wiederaufbau zu helfen: im Bauwesen, Gesundheitswesen, Straßenbau, in der Stahlindustrie, im Transportwesen usw.. In diesem Sinne war es unsere Arbeit, die in der Nachkriegszeit half, die britische Infrastruktur aufzubauen. Und es war unsere Arbeit, die das Transportwesen aufrechterhalten hat, und es war unsere Arbeit, mit der Großbritannien seinen Reichtum überhaupt begründen konnte. So sehe ich nicht ein, dass die Engländer, die in unser Land kamen, nicht Immigranten genannt werden; aber als wir nach Großbritannien kamen, hießen wir Immigranten.

Wir sind keine Gastarbeiter. Deutschland hatte keine nennenswerten Kolonien. Für seinen Nachkriegsaufbau bekamen sie ihre Arbeiter aus dem ärmeren Südeuropa als Vertragsarbeiter – Gastarbeiter. Großbritannien und in einem geringeren Maße Frankreich und die Niederlande bekamen ihre Arbeiter aus "Dritte-Welt"-Ländern, in denen die koloniale Ausbeutung schon seit Jahren im Gange war. Weil Großbritannien die größte Kolonialmacht war, konnte es Arbeiter in großer Zahl bekommen. Als Enoch Powell Gesundheitsminister war, rekrutierte er Krankenschwestern aus Jamaika, London-Transport schickte Beamte auf die westindischen Inseln, um Busfahrer und Fahrkartenkontrolleure anzuwerben. Viele Ärzte, Schwestern und Lehrer kamen vom asiatischen Subkontinent. Deshalb haben wir Einwände gegen den Begriff Immigrant. Nicht weil wir ihn als eine Beleidigung empfinden, sondern weil er eine Lüge ist. Wenn wir unser Recht auf Leben in diesem Land begründen, müssen wir die Terminologie ändern. Wir sind keine Immigranten, sondern Schwarze Zugezogene.

Sie wurden gebeten, hierher zu kommen. Aber es gibt auch eine andere Seite. Viele kamen doch auch aus ökonomischen Gründen

Das ist nur die halbe Wahrheit. Was machte unsere Länder denn so arm? Ich bin aus Sri Lanka. Im 15. Jahrhundert waren wir der Kornspeicher des Ostens, wir exportierten Reis. 150 Jahre wurden wir von den Portugiesen besetzt, 150 Jahre von den Niederländern und 150 Jahre von den Briten. 450 Jahre Kolonialismus also. Zuletzt hatten wir ein Land ohne Essen, Bauern ohne Land, ein Arbeitspotential ohne Kapital, um es zu aktivieren. Das Industriekapital war in Großbritannien. Sri Lanka war eine Kornkammer, und als die Briten kamen, installierten sie Tee- und Kaffeeplantagen. Wie Marie-Antoinette sagte „Lasst sie Kuchen essen“, so sagten sie uns: „Lasst sie doch Tee essen!“ Wir mussten Reis importieren, aus Burma und Indien, für unsere Leute. Früher konnten wir exportieren, dann mussten wir importieren. Oder wenn sie Afrika anschauen. Es gab Empires in Afrika, ganz Simbabwe war ein Empire. Jedes Land entwickelte sich in seinem eigenen Tempo. Aber durch den Kolonialismus kollabierte dieses Wachstum.

Wie definieren Sie sich nun?

Wir sind Schwarze Briten. Wir haben schottische Leute, irische; und sogar die Engländer unterscheiden sich in Liverpooler, Manchesterianer, Bristolianer, und sie haben verschiedene Akzente.

Sie würden sagen, Schwarze Briten und asiatische Briten?

Nein. Schwarz ist eine Bezeichnung, die ich für Asiaten, Afrikaner und Afro-Kariben benutze. Wir wissen, dass Rassismus endemisch ist in Großbritannien. Wenn so ein Land über Generationen ein Empire beherrscht hat, hat es eine Ideologie der rassistischen Überlegenheit, das ist eingeprägt in das Bewusstsein seiner Kinder. Rassismus ist so alt wie die Sklaverei und so englisch wie Shakespeare.

Warum nennen wir uns Schwarze? Alle, die in der Nachkriegszeit aus Asien und der Karibik – die wenigsten kamen aus Afrika – nach England kamen, kamen als Arbeiter. Auch ich, obwohl ich ein Studium vorweisen konnte, musste als Teejunge in der Bücherei arbeiten. Wir konnten nicht entsprechend unserer Qualifikationen arbeiten.

Auch in der Zeit, als Arbeiter gesucht wurden?

Da gab es offene Stellen im Dienstleistungsbereich, aber weniger in Facharbeiterberufen. In der Zeit um 1965 brachte die Labour-Regierung ein Vouchersystem ein, das mehr Ärzten und Lehrern als Arbeitern die Chance gab, in England zu arbeiten. Damit war die Zeit des Wiederaufbaus vorbei. Die Diskriminierung fand nun auf dem Wohnungssektor und in der sozialen Sicherheit statt. Als 1962 die Grenzen geschlossen wurden und die Leute noch ihre Familien rüberbringen wollten, gab es Diskriminierungen in den Schulen.

Rassismus ist für mich keine Haltung. Rassismus wird durch die Institutionen der Gesellschaft ausgetragen. Und das sind Papageien des Staates. Die benachteiligten innerstädtischen Gebiete waren die einzigen Gegenden, wo diese Leute Wohnungen finden konnten. Weil sie sonst keine Wohnungen finden konnten, legten sie ihr Gespartes zusammen und bildeten eine Gemeinschaft. Als die Gewerkschaften den Jamaikanern und Asiaten nicht bei Arbeitsplatzproblemen helfen wollten, trat die kommunale Gemeinschaft für sie ein. In diesem Prozess hielten die einzelnen Race-Gruppen zusammen und wurden zu einer Gemeinschaft der Schwarzen.

Wollen Sie sagen, dass die Leute sich nach dem Vorbild des Staates richteten? Dass der Staat künstliche Barrieren aufbaute?

Erstellungsdatum: 11.05.2026