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Susan Sontag

Sehen und gesehen werden


Susan Sontag während der Dreharbeiten zu Duet for Cannibals ©AB Svensk Filmindustri (1969) Standfotograf: Peder Björkgren

Die Autorin, Kritikerin und public intellectual Susan Sontag hat sich zeitlebens intensiv mit den visuellen Medien beschäftigt. Aus der Philosophie und Literaturwissenschaft kommend, erkannte sie hellsichtig den bestimmenden Einfluss der Fotografie in unserer medial geprägten Gesellschaft. 

Als attraktive Frau selbst ein begehrtes Objekt der Foto- graf*innen, nutzte sie die Wirkmacht des Mediums auch für ihre eigene Agenda. Die frühe Begegnung mit Bildern des Holocaust bezeichnete sie als „negative Epiphanie“ in ihrem Leben und als Ausgangspunkt für ihre weitere Beschäftigung mit der Fotografie. Der Film sei das Leben, die Fotografie ein Memento mori, schrieb sie bereits in ihrem Erstlingsroman The Benefactor 1963. Als leidenschaftliche Cineastin sah Sontag im Film die „lebendigste, erregendste und bedeutendste aller Kunstgattungen.“ Das Kino als

eine Schule der Empfindsamkeit zeige einem nicht nur, „wie man sich in Pose wirft, raucht, küsst oder kämpft“, sondern biete auch die Möglichkeit zur Trauerarbeit. Als Regisseurin realisierte Sontag vier Filme und lotete so die Grenzen von Sichtbarmachung und Voyeurismus auch in der Praxis aus.


Ausstellungsansicht „Susan Sontag. Sehen und gesehen werden“, Bonn, Foto: Simon Vogel, 2025 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die Ausstellung Susan Sontag. Sehen und gesehen werden legt ihren Schwerpunkt auf die Überlegungen zu Fotografie und zeichnet Sontags Theorien und Gedanken dazu nach. Auch ihre Beschäftigung mit queerer Kultur, die Diskriminierung von HIV-Infizierten und ihre eigene Krebserkrankung bleiben nicht unerwähnt. Außerdem wird Sontag

in ihrer Rolle als Filmbegeisterte und Regisseurin gezeigt, nicht zuletzt um sie als unabhängige Frau darzustellen, die sich zeitlebens gegen die Gesellschaft aufgelehnt hat.

In ihrem programmatischen Essay One Culture and the New Sensiblity (1965) hatte Sontag die Aufhebung einer Unterscheidung in Hoch- und Populärkultur gefordert und propagierte eine neue Wahrnehmungs- und Erlebnisweise. Zu ihrer Selbstermächtigung als Autorin und Intellektuelle gehörte auch die Auseinandersetzung mit dem Feminis- mus und der Frage, was es in der heutigen Gesellschaft bedeutet, eine Frau zu sein. Wie ihre Vorbilder Simone de Beauvoir und Hannah Arendt legte Sontag Wert auf eine gleichberechtigte Anerkennung als Denkerin. Ihre Bisexualität machte sie bewusst nicht öffentlich, um so einem Labeling zu entgehen. Ihre eigene Krebserkrankung und die AIDS-Krise schärften ihr Bewusstsein für Diskriminierungen und Schuldzuweisungen mit Hilfe von Metaphern. Die aufklärerische Wirkung von Fotografien erkundete sie auch gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Annie Leibovitz, mit der sie zahlreiche Reisen unternahm und auch die eigene Krankheit dokumentierte. Als Aktivistin reiste Sontag in zahlreiche Krisenregionen, um politischen Konflikten zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. „Ethik und Ästhetik sind eins“, notierte sie in der Folge Ludwig Wittgensteins und meinte damit, dass wir beides nicht voneinander trennen können: Die Betrachtung von Foto- grafien – wie die Betrachtung der Welt – fordern von uns eine vorurteilsfreie Rezeption von Inhalt und Form. Doch es darf nicht bei der bloßen Wahrnehmung bleiben. Sehen und gesehen werden sind bei Sontag stets aktive Prozesse des Involviert-Seins.


Peter Hujar, Susan Sontag © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2025

14. März bis

28. September 2025

Bundeskunsthalle

Helmut-Kohl-Allee 4

53113 Bonn,

Deutschland

Erstellungsdatum: 27.03.2025