Ein echter Wurf gelang mit Agrippina dem Opernhaus Zürich in mehrfacher Hinsicht: musikalisch maßstäblich, als Parabel auf die Machtspiele superreicher Oligarchen aktuell und vor allem ungeheuer witzig und hintersinnig inszeniert. Andrea Richter amüsierte sich bei der Premiere aufs Vortrefflichste und erlebte dort vor allem eine bis ins Letzte ausgefeilte Version des frühen Werks des barocken Opern-am-Laufband-Komponisten Georg Friedrich Händel, an der das exquisite Sänger- und Musikerensemble offensichtlich selbst viel Spaß hatte.
Der Plot ist fiktiv, die einzelnen Protagonisten gab es wirklich. Der (wahrscheinliche) Verfasser des Librettos, ein reicher venezianischer Kirchenoberer, Vizekönig von Neapel und Theatereigentümer namens Vincenzo Grimani, der auf dem Kriegsfuß mit dem Papst und den Machtspielen in Rom stand, verlegte, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, die Handlung in die Antike zurück. Die titelgebende Figur der Agrippina gab es wirklich. Sie war die Urenkelin des ersten römischen Kaisers Augustus, Schwester des Caligula, Ehefrau des Claudius und Mutter von Nero und gilt als eine der grauenhaftesten Gestalten der Weltgeschichte. Sie durfte als Frau selbst nicht herrschen, sorgte aber durch Intrigen und (Gift-)Morde skrupellos dafür, dass Herrscher nach ihrem Wunsch an die Macht kamen. Die in der Oper geschilderte Handlung hat nichts mit einer irgendwie durch Quellen belegten Realität zu tun, die erfundenen Szenen folgen allein der dramaturgischen Notwendigkeit. Nur die Charakterzüge der machtgeilen, intriganten Agrippina, des verschlagenen und verwöhnten Muttersöhnchens Nerone und des eitlen Narren Claudius sind historisch verbürgt.
Bereits während der Ouvertüre (Sinfonia) erfährt man per Video, dass Firmen- und Familienchef Claudio während eines Abendessens mit seinem Geld-Clan in einer sehr eleganten New Yorker Hochhaus-Wohnung vergiftet in ein Krankenhaus gebracht wird. Ein Arzt und eine Krankenschwester kümmern sich um ihn. Damit ist die Verortung in der Heute-Zeit geschehen. Der Vorhang hebt sich: in einem amerikanisch-eleganten Salon flegelt sich ein junger Mann, Nerone, mit Base-Cap und Kopfhörern in einem Sessel. Seine Über-Mutter Agrippina in hellblauem Hosenanzug nimmt ihm die Kopfhörer ab und teilt ihm ungerührt mit, dass er Vater Claudios Posten nun übernehmen muss, denn per WhatsApp kam die Nachricht von seinem Tod. Agrippina beginnt sofort den von dieser Karriere zunächst nicht gerade begeisterten Sohn mit: “Leg deinen Hochmut ab, gib dich bescheiden … Vor dem Willen zur Macht beugt sich das Recht“ und ähnlichen Ratschlägen mehr einzunorden. Umgehend lässt sie mithilfe der beiden Inner-Circle-Mitglieder Pallante und Narciso, der eine bereits in einer Liebesbeziehung mit ihr, der andere eine erhoffend, die PR-Maschinerie anrollen, die Nerone als neuen CEO beim Aktien-Volk beliebt machen soll: Vor laufender Fernsehkamera (Fox-News?) ein vor Nächstenliebe triefender Nerone, der angeblich Geld an die Armen verteilt, dieses jedoch gleich nach dem Abdrehen des PR-Films wieder einsammelt. Doch dann, heimtückisches Schicksal: freudiger Trompetenklang, Claudio hat wider Erwarten überlebt und wird von Ottone, seinem Retter und nun besten Freund, im Rollstuhl heimgebracht. Krankenschwester Poppea begleitet die Beiden, um den Kranken zu pflegen.
Damit nicht genug: Claudio hat beschlossenen, Ottone als Dank für seine Rettung auf seinen Firmenoberhaupt-Stuhl zu setzen. Zum Entsetzen von Agrippina und Nerone. Die machthungrige Mutter und Ehefrau beginnt auf der Stelle, Gegenmaßnahmen zu planen. Ottone, der in die hübsche Poppea verliebt ist und sie neben sich zur First Lady machen möchte, gerät angesichts des unerwarteten Karrieresprungs in einen Glücks- und Machtrausch und will seinerseits sofort die Presse informieren. Doch Agrippina, die zurecht vermutet, dass Ehemann Claudio und Sohn Nerone der süßen Krankenschwester ebenfalls erlegen sind, hat inzwischen die Strippen so gezogen, dass plötzlich alle, inklusive Claudio, Ottone hassen. An seine Machtübernahme ist nicht mehr zu denken. Er versteht die Welt nicht mehr. Einzig Poppea begreift, welch gemeines Spiel Agrippina treibt: „Ich wäre nicht Poppea, würde ich mich nicht rächen.“ Damit rechnet Agrippina nicht, weil eine mächtige Oligarchenfrau gar nicht unterliegen kann. Doch Poppea ist schlau und äußerst selbstbewusst. Will heißen: zwei Frauen duellieren sich von nun an auf Augenhöhe. Ihre Waffen: fünf liebessüchtige, mal von der einen, mal von der anderen Frau manipulierte Männer. Einzig Ottone, dessen Liebesschwüren Poppea inzwischen aber auch misstraut, bleibt dabei: Ohne Poppea an seiner Seite will er sowieso keine Macht. Das Karussell aus Sex, Crime und Macht dreht sich immer irrer. Bis es zum finalen Abendmahl der feinen Gesellschaft kommt…
Der Regisseurin Jetske Mijnssen ist es meisterhaft gelungen, die Aneinanderreihung der 50 Arien zu der spannenden Geschichte einer dysfunktionalen First Family zu verbinden und mit Witz und Ironie so fein abgewogen zu würzen, dass man als Zuhörerin zwischen Mitgefühl, Bewunderung, Lächeln und lautem Lachen hin und her geschleudert wird und alle denkbaren Gefühlsregungen der Protagonist:innen in den aberwitzigsten Situationen mit durchlebt. Mijnssen hat dafür ein Sänger:innen-Ensemble zur Verfügung, das in seiner Spielfreude kaum zu überbieten ist, geradezu artistisch in Küchenschränken herumklettert (Orlinski), aus dem Stand auf einen Küchenblock springt (Desandre) oder auch durch kleine Gesten auszudrücken weiß, was die Figuren gerade bewegt.
Vor allem aber wird großartige Musik aufgeboten. Jeder für sich und alle zusammen. Gesanglich allen voran Anna Bonitatibus, die der Agrippina ihre unglaublich flexible und ausdrucksstarke Sopranstimme leiht, um von tobenden Wutausbrüchen bis zu zartesten Liebesbeteuerungen oder hoch-dramatischen Zweifeln, die in der berühmten Arie „Pensieri voi mi tormentate“ gegen Ende des 2. Aktes bei ihr quasi verdihaft klingen, das gesamte Sopran-Klanguniversum aufzumachen. Ebenso überzeugend ihre Gegenspielerin Poppea, die junge Französin Lea Desandre, die neben ihren bemerkenswerten sportlichen und schauspielerischen Leistungen ihre stimmlichen voll ausspielte, unangestrengt in der Höhe brillierte, mit einer kraftvoll angenehmen Mittellage überzeugte und selbst in der Tiefe keine Probleme hatte. Counterstar Orlinski als Ottone hatte starke Konkurrenz in seinem Stimmfach durch Christophe Dumaux, der die virtuosen Koloraturen seiner Nerone-Partie mühelos hinlegte. Der gesamte Cast war stimmig und einander im besten Sinne ergänzend. Besonders beeindruckend das Spiel der auf Barockmusik spezialisierten Musikern von „La Scintilla“, die unter der Leitung von Harry Bickett kunstvoll, ergreifend und feinfühlig hinreißende Dialoge zwischen Stimmen und historischen Instrumenten kreierten und in jedem Moment durch teils überraschende Tempi den musikalischen Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Moment hielten.
Händel war 24 Jahre alt und befand sich auf einer mehrjährigen Studienreise durch Italien, als Vincenzo Grimani ihn in Neapel kennenlernte und ihn aufforderte, seinen Agrippina-Text zu vertonen, um ihn im familieneigenen Teatro San Giovanni Grisostomo (das spätere Teatro Malibran) in Venedig aufzuführen. Wie in der Barockzeit üblich, bediente sich Händel dafür neben den neu entstandenen Teilen sowohl eigener bereits existierender Stücke als auch der etwas veränderten anderer Komponisten. Damals gab es noch kein Copyright. Agrippina feierte in Venedig Triumphe, stellte den Durchbruch Händels als Opernkomponist dar und legte den Grundstein für seine weitere Erfolgs-Karriere in London.
Lea Desandre (Poppea) und Jakub Jósef Orliński (Ottone). Foto: Monika Rittershaus
Agrippina
Dramma per musica in drei Akten
Musik: Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Text: Vincenzo Grimani
Uraufführung 1709 in Venedig
Mitwirkende
Musikalische Leitung:
Harry Bicket
Inszenierung:
Jetske Mijnssen
Bühnenbild:
Ben Baur
Kostüme:
Hannah Clark
Lichtgestaltung:
Bernd Purkrabek
Video:
Kevin Graber
Dramaturgie:
Kathrin Brunner
Claudio:
Nahuel Di Pierro
Agrippina:
Anna Bonitatibus
Nerone:
Christophe Dumaux
Poppea:
Lea Desandre
Ottone:
Jakub Józef Orliński
Pallante:
José Coca Loza
Narciso:
Alois Mühlbacher
Lesbo:
Yannick Debus
Orchestra La Scintilla
Statistenverein am Opernhaus Zürich
Weitere Vorstellungen: 05., 07., 09., 11., 14., 18., 27., 30. März 2025
Erstellungsdatum: 06.03.2025