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Volker Wackerfuß über den ewigen Mambo-König Pérez Prado

Spitze Trompeten, tiefe Saxophone und „Ugh“

Volker Wackerfuß


Pérez Prado y Don Galaor - La Habana, 1954. wikimedia commons

Auf Kuba wurde in den 1930er Jahren der Mambo geboren. Die Verknüpfung unterschiedlicher Musikrichtungen ist längst in die Populärmusik eingesickert und auch in deutschen Hitparaden präsent. Diese Stücke lassen sich aber nur bedingt mit den Kompositionen von Dámaso Pérez Prado vergleichen, der als Urheber und „König des Mambo“ gilt. Volker Wackerfuß erinnert an den 1989 verstorbenen Musiker und ermuntert dazu, dessen vielfältiges Werk wieder zu entdecken.

 

Musikhistoriker verbinden den Musikstil des Mambo sofort mit dem Kubaner Pérez Prado (1916-1989). Während der zweiten Hälfte der 40er-Jahre, und dann insbesondere in den 50er- und frühen 60er-Jahren hat kein anderer Musiker, Komponist, Arrangeur und Bandleader wie er diese Musikrichtung geprägt.

Mambo entsteht auf Kuba in den 30er-Jahren, als Musik sowie als Tanz. Er basiert auf unterschiedlichen kubanischen Musikrichtungen, wie zum Beispiel dem Son und dem Danzón, sowie auf bestimmten Rhythmen aus Afrika die einst afrikanische Sklaven nach Kuba mitgebracht haben. Später kommen noch teilweise Einflüsse vom Jazz hinzu.

Prado erlernt bereits als Kind zunächst das Klavierspielen, etwas später die Orgel. In Havanna nimmt er Anfang der 40er-Jahre eine Stelle als Pianist und als Arrangeur beim damals angesagten „Orquesta Casino de la Playa“ an. Einige Jahre später gründet er bereits sein eigenes Orchester. Zu jener Zeit wird Mambo in Lateinamerika populär. Prado macht mit seinem eigenen Orchester eine Tournee durch Lateinamerika. Die Tour endet in Mexiko, er wird auch dort begeistert gefeiert. Letztlich wird er dort bleiben, bereits 1948 zieht er nach Mexiko um, Mexiko wird zu seiner neuen Wahlheimat bis zu seinem Tode im Jahre 1989. Er spezialisiert sich auf Mambo. Prado komponiert 1949 das Stück „Que Rico El Mambo“, und er nimmt es mit seinem Orchester auf. Auf der anderen Seite der Schallplatte befindet sich seine Komposition „Mambo No. 5“, mit dem typischen Orgelsound. 1950 erscheint jenes „Que Rico El Mambo“ auch in den USA unter dem veränderten und leicht eingängigen Titel „Mambo Jambo“ bei der US-Schallplattenfirma RCA. Es wird sofort ein Hit. Der schnelle Rhythmus kommt an. Es entsteht eine Mambo-Begeisterung. Prado geht 1951 mit seinem Orchester in den USA auf Tournee. Die Konzerte sind ausverkauft. In New York bekunden zahlreiche US-Jazzmusiker Interesse an seiner Art, Mambo zu spielen. Das Orchester von Prado ist auch zugleich das Populärste der gesamten Mambo-Musikszene, obgleich es viele andere bekannte Mambo-Bands gibt. Um nur einige an dieser Stelle zu erwähnen: Machito (1912-1984), Tito Puente (1923-2000), Tito Rodriguez (1923-1973), Pupi Campo (1920-2011) oder Noro Morales (1912-1964). Aber kein anderer Mambo-Vertreter kommt an ihn heran. Pérez Prado gilt als der Mambo-König.

Einige Jahre später macht er den Mambo auch in Europa (zum Beispiel tritt er in Belgien, im angesagten Badeort Ostende im August 1955 auf) und durch Auftritte in Japan (60er-Jahre) populär. Prado komponiert und nimmt 1958 das Stück „Patricia“ auf, ein Mambo-Stück mit vollem Sound, kräftigem Bläsersatz, sowie mit Orgel, – auch dieses Musikstück landet wieder in unterschiedlichen Länder-Hitparaden auf den vorderen Plätzen (zum Beispiel in Deutschland auf Platz 1, ebenso auf Platz 1 in den USA). „Patricia“ ist eines seiner erfolgreichsten Instrumentalstücke. Zwei Jahre später, im Jahre 1960, wird auch im Kult-Film „La Dolce Vita“ des italienischen Filmregisseurs Federico Fellini (1920-1993) der Titel „Patricia“ gespielt.


Orquesta de Pérez Prado – República Moroccana, 6. Februar 1954. wikimedia commons

 

Prado spielt und nimmt nicht nur eigene Kompositionen auf. Als Arrangeur nimmt er sich auch fremden Kompositionen an, die er entsprechend in Mambo-Musik umschreibt. Ein derartiges Stück ist beispielsweise „Cherry Pink and Apple Blossom White“ (komponiert von Louis Louiguy, 1916-1991). Die Interpretation von Prado ist im Jahre 1955 wieder ein Mambo-Hit, in Deutschland kommt er bis auf Platz 2 (in der deutschen Hitparade bleibt das Instrumentalstück insgesamt 10 Monate), in Großbritannien und in den USA erreicht dieser Mambo-Hit den Platz 1. Ein anderes nicht von ihm komponiertes Musikstück ist „Guaglione“, mit dieser Single kommt er im Jahre 1958 ebenfalls in die US-Hitparade. Bei diesem Stück wird die von ihm gespielte Orgel auch wieder eingesetzt, auffällig die zeitweise Spielweise des Stakkatos. Dieses Mambo-Stück spielt Prado etwas ruhiger, nicht so dynamisch, sehr schön – der spitze Trompetensatz und der tiefe Saxophonsatz, dazwischen, sozusagen verbindend, die Orgel. Bei dem von ihm komponierten und gespielten „San Remo“, ein schnelles, ein feuriges Stück, sind seine typischen Zwischenrufe wie „Ugh“ zu hören. Oft sind seine Mambo-Kompositionen durch die starke Betonung der Bläser charakterisiert. Die Bläser, vier- oder fünfstimmige Trompeten-Sektion und vierstimmiger Saxophonsatz, führen ein wechselseitiges Gespräch. Es ist eine Ruf-Antwort-Form (englisch Call and Response). Damit wird eine musikalische Spannung erzeugt. Dieses formbildende Element hat seinen Ursprung in der afro-kubanischen Musik der Sklaven.

Prado ist kreativ. Er arbeitet mit der US-Sängerin Eartha Kitt (1927-2008) zusammen, und im Jahre 1955 erscheint von beiden die Single „Freddy“ (A-Seite) und „Sweet and Gentle“ (B-Seite). Einige Jahre später arbeitet er mit der angesagten US-Sängerin Rosemary Clooney (1928-2002) zusammen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist die Langspielplatte mit dem Titel „A Touch of Tabasco“, die 1959 erscheint. Diese Langspielplatte enthält insgesamt 12 Stücke und stellt eine gelungene Zusammenarbeit dar, Ausdruck einer musikalischen Partnerschaft. Besonders hervorzuheben sind die Aufnahmen: „Corazon de Melon“, „In a little spanish town“, „Sway“ und „You do something to me” – es sind in der heutigen Zeit schlummernde Schätze, die es wieder zu entdecken gilt.

Anfang der 60er-Jahre entsteht der Twist als populäre Musik und zugleich als Tanz. Prado nimmt sich dieser flotten Musik an, und es gibt Twist-Versionen, natürlich in Mambo-Verbindung, beispielsweise von den bereits einige Jahre zuvor erfolgreichen Musikstücken „Cherry Pink and Apple Blossom“ sowie von „Patricia“. Im Jahre 1962 kommt von ihm die erfolgreiche, energiegeladene Langspielplatte „Now! Twist Goes Latin“ auf den Markt.

Pérez Prado arbeitet auch mit Jazz-Musikern zusammen. Bereits im Jahre 1954 spielt er in Hollywood das Album „Voodoo Suite Plus Six All-Time Greats“ mit dem Trompeter Shorty Rogers (1924-1994) ein. Die A-Seite enthält die mehrteilige „Voodoo Suite“. Diese stellt ein besonderes Hörerlebnis dar. Es ist teilweise avantgardistisch und stellenweise ein Eintauchen in die Vergangenheit afro-kubanischer Tradition. Aber auch für die Freunde des kubanischen Jazz eine Musik-Perle. Die B-Seite enthält Arrangements von bekannten Big-Band-Stücken, wie zum Beispiel: „In the Mood“ oder „Stomping at the Savoy“, in Mambo-Darbietung. Das Album kommt ein Jahr später auf den Markt, im Jahre 1955. Und, einige Jahre später, nimmt Prado erneut eine Langspielplatte mit Jazz-Musikern auf, darunter ist der US-Trompeter Doc Severinsen (1927). Diese Langspielplatte erscheint 1962 mit dem Titel „Exotic Suite of the Americas and six other Prado sound spectaculars“. Die siebenteilige „Exotic Suite“ spiegelt die Vielseitigkeit von Prado wider. Es sind erneut interessante und ungewöhnliche Stücke. Mit Feingefühl und mit vollem Orchester gelingt es ihm die kulturelle Identität Kubas und letztlich die von Lateinamerika  zum Ausdruck zu bringen. Es sollen hier nur zwei Stücke erwähnt werden, nämlich „Amoha“ (spannend, und die Frage kommt auf: Wie wird das Stück sich entwickeln?) sowie „Uamanna Africano“ (ein Eintauchen in den afro-kubanischen Kulturraum; mit vier Minuten Spielzeit ist es das längste Stück von dieser Langspielplatte). Vielleicht sind es schon sogar experimentelle Stücke. Hochinteressant der Kontrast zwischen „Uamanna Africano“ und dem darauffolgenden Musikstück „Blues in C Major“. Dann enthält die Langspielplatte noch sechs weitere Stücke, es sind Aufnahmen in dem charakteristischen Pérez-Prado-Sound. Von diesen sechs Stücken hat er selbst zwei komponiert, „Midnight in Jamaica“ (entspannend, eigentlich schon bei heutiger vorsichtiger Benutzung des Wortes „Easy listening music“, zugleich auch Assoziation mit dem damals beliebten US-Musiker und Orchesterleiter Billy Vaughn, 1919-1991) und „Jacqueline and Caroline“ (sehr harmonisch, weicher und sanfter Saxophon-Klang). Die anderen vier Stücke, nicht von ihm komponiert, aber wieder bestens von ihm arrangiert, lassen jeweils den mehrstimmigen Saxophonsatz lebensfroh und teilweise flott rüberkommen.

Im Jahre 1987 tritt Pérez Prado zum letzten Male in den USA auf. Zwei Jahre später, 1989 verstirbt er in Mexiko. Er hat zahlreiche Aufnahmen der Nachwelt hinterlassen. Seine lebensfrohe und lebendige Mambo-Musik kann auch in der heutigen Zeit einen in Euphorie versetzen. In vielen seiner frühen Mambo-Stücke existiert ein durchaus aufregender exotischer Klang. Und – seine Musik ist nicht nur zum Hören, sondern ebenso bestens zum Tanzen geeignet. Es gilt, Pérez Prado und sein vielfältiges Werk wieder zu entdecken.


Erstellungsdatum: 09.07.2026