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Bonaventure Soh Bejeng Ndikungs Eröffnungsrede zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises

Sprachen bewohnen

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung


Shortlist Internationalen Literaturpreis 2026

Anfang Juli wurde der Internationale Literaturpreis – Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen (ILP), den das Haus der Kulturen der Welt und die Stiftung Elementarteilchen gemeinsam vergeben, bereits zum achtzehnten Mal verliehen. Die Eröffnungsrede zum Fest der Shortlist und zur feierlichen Preisverleihung 2026 hielt Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Intendant und Chefkurator des Hauses der Kulturen der Welt. In seiner hier leicht gekürzten Rede denkt Ndikung über die subversive Kraft des Erzählens, das Leben zwischen Sprachen und die Übersetzung als schöpferischen Akt nach, der neue Zugänge zur Welt eröffnet.

 

Lassen Sie mich diesen Abend der Literaturen und Übersetzungen mit einem Gedicht der iranischen Lyrikerin Fatemeh Shams eröffnen. Es trägt den treffenden Titel „Übersetzung“ und wurde von Armen Davoudian aus dem Persischen ins Englische übertragen. Es vermag uns auf einen Abend einstimmen, an dem wir die Vielfalt literarischer Ausdrucksformen feiern und die Schönheit der Sprachen, die diese in sich tragen. Wir feiern die Art und Weise, wie Schriftsteller*innen die feinen Schattierungen ihrer Kulturen, die Klangfarben ihres Daseins und ihrer Gesellschaften und die besonderen Tonlagen ihrer Vorstellungswelten aus unterschiedlichen Weltgegenden in Literatur zu fassen vermögen.
Übersetzungen schenken uns das Privileg, diese vielgestalteten Welten zu erfahren – in wirkliche, in imaginierte und in jene Welten, die in einem quantischen Dazwischen zugleich wirklich und erdacht sind oder über beides hinausreichen.

 

Fatemeh Shams
Translation

Where there is no “we” we are 
sometimes lip to lip 
sometimes apart 
sometimes eye to eye 
sometimes tongue-tied 
lost in the vague geography of words 
where we find ourselves again
you, my voice
I, your heartbeat 
us, nomads of our mother tongue 
in another tongue

Übersetzung aus dem Persischen ins Englische: Armen Davoudian. Das Gedicht erschien in der Märzausgabe 2026 der Zeitschrift Poetry 

 

Diese Ausgabe des Internationalen Literaturpreises ist eine besondere. Ich kann förmlich hören, wie Sie alle denken: „Das sagt er doch jedes Mal!“ Und ja ich stimme zu. Doch offenbar gelingt es in jedem Jahr, das vorherige an Besonderheit noch zu übertreffen. Verzeihen Sie mir also meinen Hang zur Übertreibung. 
Dieses Jahr aber ist wirklich besonders besonders – oder, wie wir im Pidgin sagen: special soteyyyyy, so besonders, dass es besonderer kaum geht. Denn wir haben uns bemüht, das Format des Internationalen Literaturpreises ein wenig zu verändern: Ausgezeichnet und gefeiert wird nun nicht mehr allein das eine Buch, welches am Ende den Preis erhält. Wir würdigen in diesem Jahr die Arbeiten aller Autor*innen und Übersetzer*innen, die auf der Shortlist vertreten sind und die aus unterschiedlichen Weltgegenden angereist sind, um heute bei uns zu sein.

In meinen einleitenden Worten lasse ich mich von drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess leiten. Gespiegelt im Prisma anderer großer Schriftsteller*innen möchte ich über die Rolle der Schreibenden nachdenken, bevor ich mich dem eigentlichen Kern der Übersetzung zuwende. Schließlich würdigt dieser Preis Bücher, die nicht nur meisterhaft übersetzt, sondern auch literarisch von außerordentlicher Kraft sind.
Zuerst möchte ich den Blick auf Assaut contre la frontière [2026 bei Gallimard, Paris] lenken, das neueste Buch von Leïla Slimani. In ihrem Essay denkt die Autorin über die Aufgabe des Schreibens, über Fiktion und Wirklichkeit, über Dogmen und schließlich über die Frage nach der Wertigkeit. Sie schreibt:

„I have always thought that this is why tyrants and fanatics hate storytellers. What could be more subversive than asserting that the way things are might just as well not have been? Novelists are wary of those who elevate the chance circumstance of their birthplace into a supreme value. To the person who claims to be proud of being Russian or Portuguese, the novel serves as a reminder that they could just as easily have been Ghanaian or Malagasy—that there is no fundamental difference in nature between the two, merely contingency. An accident. In a sense, every story invites us to accept the essential relativity of human affairs; it is, therefore, incompatible with dogmatism and ideology. Fiction is at once a way of taking reality seriously and of experiencing its lack of necessity. Nothing is so sacred that it cannot be subverted, mocked, or reimagined. Indeed, the Arabic equivalent of the phrase "Once upon a time" is *Kan ma Kan*, which could be translated as „It was so, and it was not so." Ultimately, is the worst form of submission not the inability to imagine that things could be otherwise than they are? Books awaken in us a thirst for freedom and the absolute.  And it seems to me that reading and writing are acts of protest against the inadequacies of existence—a way of saying that we are not slaves to reality, that we need not simply endure it, and that another reality is possible.” (1)

In der Vielfalt der Formen, in denen sie ihre Geschichten entfalten, lassen die Bücher, die wir heute feiern, die subversive Kraft von Literaturen in all ihren Facetten hervortreten. Sie zeigen uns, dass die Kunst des Erzählens zu den grundlegenden Formen gehört, in denen menschliche Erfahrungen, Gedanken und Vorstellungen Ausdruck finden. Das Erzählen in all seinen Schattierungen und Nuancen, in allen Sprachen der Welt, in all seinen Gestalten, Formen und Klangfarben ist – oder sollte sein – ein elementares Bollwerk gegen Dogmatismus und identitäre Verengungen. 
In Slimanis Buch geht es jedoch eigentlich um die Beziehung der Schriftsteller*in zur Sprache, wenn man physisch oder mental zwischen verschiedenen Welten lebt – in ihrem Fall zwischen Marokko und Frankreich. Es ist eine Reflexion über den Verlust ihrer Muttersprache Arabisch, den Begriff der „Phantomsprache“, die damit verbundene Scham und das Schreiben in einer Adoptivsprache. 
In einer zweiten Annäherung möchte ich Sie dazu einladen, gemeinsam mit Yoko Tawada zu denken. Die Frage, wie man einer Sprache Raum in sich selbst gibt oder sich in einer Sprache ausdrückt, die nicht die eigene Muttersprache ist, betrifft die Mehrheit der Menschen auf der Welt. Die meistgesprochenen Sprachen – Englisch, Mandarin, Hindi, Spanisch, Arabisch und Französisch – werden zu einem erheblichen Teil von Menschen gesprochen, deren Muttersprache eine andere ist. Sie sind an diese „adoptierten“ Sprachen gebunden: aufgrund der kolonialen Vergangenheit, die bis in die Gegenwart fortwirkt, aufgrund der Durchsetzung einer Nationalsprache innerhalb des Konstrukts des Nationalstaats oder aus anderen Gründen.

Diese besondere Konstellation – die Spannung zwischen der ersten Sprache, der Muttersprache, und einer zweiten, adoptierten Sprache, in der das eigene Denken und Schreiben Gestalt annimmt – betrifft viele Autor*innen unserer Shortlist, aber auch viele Tausend Schreibende auf der ganzen Welt. Genau diese Spannung thematisiert Yoko Tawada in ihrem Buch Exophony: Voyages Outside the Mother Tongue.  [2025 bei New Directions Publishing, New York; Exophony erschien erstmals 2003 in Japan] Als exophone Schriftstellerin schreibt sie über Menschen, die zwischen Sprachen leben. Über Schreibende, die sprachliche Grenzlandschaften erkunden und wie Fische zwischen den Meeren der Sprachen schwimmen, anstatt sich in monosprachige Muster einzufügen. Über Schriftsteller*innen, die lieber Lücken erforschen, als Brücken zu bauen – Lücken, die als Nebenprodukt des Missverstehens oder der Fehlübersetzung entstehen.

In einer zweiten Sprache zu schreiben, selbst wenn man die eigene Muttersprache nicht vollständig beherrscht, bedeutet, in der Übersetzung zu leben. Es bedeutet, aus einer Sprache heraus zu schreiben, die das Unterbewusstsein bewohnt, die einen Raum einnimmt, der weit entfernt und doch zutiefst vertraut ist. Es bedeutet, den Vorgang des Übersetzens – ob absichtlich oder unwillkürlich – in den schöpferischen Akt selbst einzuschreiben.

Die dritte Annäherung führt uns zu David Diops Roman Frère d’âme, [2018, Éditions du Seuil; die deutsche Ausgabe Nachts ist unser Blut schwarz erschien 2019 bei Aufbau, Berlin], in dem sich dies beispielhaft zeigt. des Ersten Weltkriegs als Kanonenfutter der französischen Armee dient Der Roman folgt dem Bewusstseinsstrom Alfa Ndiayes, eines senegalesischen Tirailleurs, der auf den europäischen Schlachtfeldern. Seine Gedanken kreisen um das qualvolle, von Gewalt geprägte Dasein der Kolonialsoldaten“ und um Mademba Diop, der ihm viel mehr als ein Bruder ist. 
Die Leser*innen werden durch Alfa Ndiayes Gedankenstrom getragen, dessen Rhythmus und Sprachwelt seiner senegalesischen Muttersprache Wolof entstammen – doch geschrieben ist er auf Französisch. Rhythmus, Redewendungen, Tonfall und Temperament sind im Wolof verwurzelt, aber sie werden in ein französisches Gefäß gegossen: ein Akt ursprünglicher Übersetzung. Der Inhalt formt das Gefäß, und das Gefäß seinerseits formt den Inhalt.

Später vollzieht sich im Buch ein Wechsel: von dieser beinahe inneren Übersetzung aus der ersten in die zweite Sprache hin zu einer dritten Ebene des Übersetzens. Alfa benötigt nun einen Dolmetscher, um sich mit französischen Amtsträgern verständigen zu können. Dabei treten die gewaltigen Herausforderungen des Übersetzens hervor. Diop schreibt in Nachts ist unser Blut schwarz in der Übersetzung von Andreas Jandl:

„Übersetzen ist nie einfach. Übersetzen ist immer ein bisschen Verrat, ist Betrug, ist Schacher und Tauschhandel eines Satzes gegen einen anderen. Übersetzen ist eine der wenigen menschlichen Tätigkeiten, die einen zwingen, im Einzelnen zu lügen, um im Ganzen die Wahrheit zu sagen. Übersetzen heißt, das Risiko einzugehen, besser als die anderen zu verstehen, dass die Wahrheit eines Wortes keine einfache, sondern eine doppelte ist, wenn nicht dreifache, vierfach oder fünffache. Übersetzen heißt, sich von der Wahrheit Gottes zu entfernen, die, wie jeder weiß oder zu wissen glaubt, einzig ist.“

Diese Frage nach Übersetzung und Wahrheit führt mich zurück zu dieser Passage. Zu der Möglichkeit, durch Lüge eine umfassendere Wahrheit offenzulegen. Zu der Möglichkeit, Abstand von einer Wahrheit zu gewinnen, die man für unumstößlich hält. Zu der Einsicht, dass die Wahrheit eines Wortes vielfältig ist – ebenso vielfältig wie die Wahrheiten der verschiedenen Geschichten, die wir erzählen: die Wahrheiten darüber, wie wir sie erzählen und in welche Form wir sie gießen.

Deshalb liegt nicht mehr Wahrheit darin, eine Geschichte mit „Es war einmal“ zu beginnen, als sie mit dem arabischen Kan ma Kan zu eröffnen, mit dem türkischen bir varmış, bir yokmuş, mit dem kreolischen Tim Tim? Bwa Sèk! oder mit dem Nguemba-Ruf Nkwa Leh é? Leh é nkwah! – einladende Worte, die die Aufmerksamkeit des Publikums wecken und es dazu aufrufen, im Wechsel von Ruf und Antwort eine Erzählung voranzutreiben.

Die Schönheit der Übersetzung im Allgemeinen – und die Schönheit des Internationalen Literaturpreises im Besonderen – liegt darin, dass all diese unterschiedlichen Wahrheiten in ihren verschiedenen Facetten zu uns gelangen: auf Deutsch – mit all den Möglichkeiten, die diese Sprache eröffnet, und all den Grenzen, die sie setzt. In den Büchern, die auf der Shortlist stehen, trägt die Sprache Geschichten, Wissensformen und Daseinsweisen über äußere wie innere Räume und Zeiten hinweg. […] Ich wünsche Ihnen allen einen außergewöhnlichen, von Großzügigkeit erfüllten Abend in Gesellschaft großer Literatur. Mögen wir weiterhin die Schwellenräume zwischen den Sprachen bewohnen und ausdehnen. Mögen wir es schätzen lernen, uns in den unbestimmten Geografien der Wörter zu verlieren. Mögen wir lernen, einander Stimme zu sein und den Herzschlag der anderen zu spüren. Und mögen wir niemals verlernen, Nomade unserer Muttersprache in einer anderen Sprache zu sein – wie Fatemeh Shams es anklingen lässt.

 

Übersetzung der Rede aus dem Englischen: Cornelia Wilß/Redaktion Textor

 

(1) Übersetzt aus dem Französichen ins Englische von Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Hier das französische Originalzitat von Leïla Slimani: J'ai toujours pensé que c'est pour cela que les tyrans et les fanatiques détestent les raconteurs d'histoires. Qu'y a-t-il de plus subversif que d'affirmer que ce qui est aurait aussi bien pu ne pas être? Les romanciers se méfient de ceux qui transforment en valeur suprême la circonstance fortuite de leur lieu de naissance. À celui qui se dit fier d'être russe ou portugais, le roman rappelle qu'il aurait aussi pu être ghanéen ou malgache. Qu'il n'y a pas de différence de nature, fondamentale, entre les deux, juste une contingence. Un acci-dent. D'une certaine façon, tout récit nous invite à accepter la relativité essentielle des choses humaines et il est, de ce fait, incompatible avec les dogmatismes et les idéologies.La fiction, c'est à la fois une façon de prendre la réalité au sérieux et d'en expérimenter la non-nécessité. Rien n'est sacré au point de ne pouvoir être détourné, moqué, réenvi-sagé. D'ailleurs, l'équivalent arabe de la formule « Il était une fois » est « Kan ma Kan », qu'on pourrait traduire par « C'était ainsi, ce n'était pas ainsi ». Au fond, la pire soumission ne consiste-t-elle pas dans l'impossibilité d'imaginer que les choses puissent être autrement que ce qu'elles sont? Les livres nous donnent soif de liberté et d'absolu. Et il me semble que lire, écrire, c'est protester contre les insuffisances de l'existence, c'est dire que nous ne sommes pas les esclaves du réel, que nous n'avons pas à le subir, qu'une autre réalité est possible.

 

Der Internationale Literaturpreis 2026 ging an:

András Visky als Autor und
Timea Tankó als Übersetzerin
aus dem Ungarischen für den Roman
Die Aussiedlung
Suhrkamp Verlag 28.10.2025
ISBN 978-3-518-43245-7
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Nominiert waren auf der diesjährigen Shortlist die folgenden Romane:

Julia Cimafiejeva
Blutkreislauf
Aus dem Belarussischen von Tina Wünschmann
Berlin: Edition.fotoTAPETA, 2025

Safae el Khannoussi
Oroppa
Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
München: Carl Hanser Verlag, 2026

Stella Gaitano
Eddos Goldenes Lächeln
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2026

V. V. Ganeshananthan
Der brennende Garten
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Stuttgart: Tropen Verlag, 2025

Bahram Moradi
Das Gewicht der anderen

Aus dem Farsi von Sarah Rauchfuß
Göttingen: Wallstein Verlag, 2025

Erstellungsdatum: 31.08.2026