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Hörstück im öffentlichen Raum von Tobias Dusche in Stuttgart

Struktur Stammheim


Foto: Daniel Keller

Bald wird er abgerissen – der alte RAF-Gerichtssaal von 1975. Dort wurde Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Holger Meins und Jan-Carl Raspe der Prozess gemacht. Die turbulente, emotional aufgeladene Verhandlung wurde zur Legende und zu einem Schlüsselmoment bundesrepublikanischer Geschichte.

 

Die immensen gesellschaftspolitischen Auswirkungen des RAF-Prozesses von 1975 bis 1977 wirken bis heute nach. Das Verfahren betrat in vielerlei Hinsicht juristisches Neuland, viele der Entscheidungen waren durchaus umstritten, beispielsweise die im laufenden Verfahren eingeführten Änderungen der Strafprozessordnung. Gleichzeitig definierte Stammheim das „Format Terrorprozess“ – juristisch ebenso wie als materielle Inspiration für die Architektur von Gerichtssälen.

Diesen wenig bekannten Aspekt greift Tobias Dusche mit seinem Hörstück STRUKTUR STAMMHEIM auf. Der alte Gerichtssaal von 1975, eigens erstellt für die RAF-Prozesse, steht leer und wird in naher Zukunft abgerissen. 2019 löste ihn ein neues Sitzungsgebäude ab. Die Prozessgeschichte des alten Mehrzweckbaus prägte jedoch maßgeblich unsere heutigen Vorstellungen von Sicherheitsarchitektur, verwirklicht im neuen Oberlandesgericht Stuttgart. Zu dessen speziell auf Terrorprozesse zugeschnittenen Elementen gehören beispielsweise die Scheiben aus Sicherheitsglas, die der physischen Trennung von Angeklagten, den übrigen Prozessbeteiligten sowie der Öffentlichkeit dienen. Eine räumliche Konzeption, die wichtige ethische Fragen aufwirft: Inwieweit beeinflusst die Architektur, bewusst oder unbewusst, den Verlauf der Verhandlungen? Wie wird unsere Freiheit verwaltet und auf Basis welcher Konzepte? Wie verhält sich die vorgeschriebene Transparenz eines Gerichtsverfahrens zu der räumlichen Isolation der am Prozess beteiligten Gruppen?


Aufnahme Session. Tobias Dusche. Foto: Daniel Keller

Denkanstöße dazu liefert Tobias Dusches Installation: zum einen in Form eines Hörstücks aus gesprochener Sprache, Musik, Noise und Gesang, zum anderen in Form eines „HörKiosks“ auf dem Pariser Platz hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Der umgebaute Container, gestaltet von Peter Weigand/umschichten, bietet Platz für 12 Personen und ist mit einer Plexiglasfront ausgestattet. Der Container spielt damit auf die Situation im Gerichtssaal an: Er gewährt den Blick nach draußen. Gleichzeitig sind die Zuhörer*innen des einstündigen Hörstücks selbst von außen sichtbar. STRUKTUR STAMMHEIM wurde im Vorfeld aufgezeichnet. Die mitwirkenden Künstler*innen sind:


Impression. Live Präsentation. Foto: Daniel Keller

 

Tobias Dusche (Konzept, Text und Regie)
Tobias Dusche studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und Drehbuch an der Filmakademie in Ludwigsburg. Künstlerisch ist er ausgesprochen breit aufgestellt, als Autor, Filmemacher, Videogestalter und Bühnenkameramann, unter anderem in Projekten für die Wiener Staatsoper, die Staatsoper und das Schauspiel Stuttgart sowie das HAU Hebbel am Ufer, die Sophiensæle und Novoflot in Berlin. Er kollaborierte bereits mit Frank Castorf, René Pollesch, Rimini Protokoll, She She Pop, Jossi Wieler/Sergio Morabito und Kay Voges. Tobias Dusche lebt in Stuttgart.

Peter Weigand / umschichten Stuttgart (Architektur & Realisation HörKiosk)
Peter Weigand studierte Architektur & Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und gründete 2008 zusammen mit Lukasz Lendzinski das Kunstkollektiv umschichten, das an den Schnittstellen von Kunst, Architektur und Stadtentwicklung operiert. Die beteiligten Büros in Stuttgart, Hamburg und Berlin konzipieren und planen orts- und situationsspezifische internationale Projekte, unter anderem in Hamburg, Berlin, Bochum, Darmstadt, Warschau und Tel Aviv. Zu den Auftraggebern gehörten Institutionen wie das Kunstmuseum Stuttgart, die Stiftung Bauhaus Dessau oder die Wiener Festwochen.

Kammersänger Matthias Klink (Staatsoper Stuttgart)
Der international gefeierte Tenor war von 2006 bis 2010 schon einmal und ist seit der Spielzeit 2014/15 wieder Ensemblemitglied der Stuttgarter Oper. Gastauftritte führten ihn unter anderem an die Staatsoper Wien, die New Yorker Met, die Bayerische Staatsoper München, die Scala, zu den Salzburger Festspielen und zur Ruhr-Triennale. Für seine Rolle als Gustav von Aschenbach in der Stuttgarter Produktion von Benjamin Brittens Der Tod in Venedig wurde er 2017 von der Zeitschrift Opernwelt zum Sänger des Jahres gekürt und erhielt 2018 den Deutschen Theaterpreis DER FAUST.

Felix Strobel (Schauspiel Stuttgart)
Felix Strobel studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und wurde bereits während des Studiums fest ans Berliner Ensemble engagiert. In der Folge arbeitete er mit Regisseuren wie Leander Haußmann, Achim Freyer, Claus Peymann oder Robert Wilson, unter anderem am Wiener Burgtheater sowie am Theater der Jugend in Wien. Seit der Spielzeit 2018/19 ist Strobel Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart unter Leitung von Burkhard C. Kosminski. Darüber hinaus lehrt er seit 2026 als Gastdozent Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Orlando Schenk (Akademie für gesprochenes Wort)
Geboren in Großbritannien, studierte Orlando Schenk Geschichte und Musik an der University of Durham sowie Gesang an der Guildhall School of Music of Drama in London. Er kollaborierte mit Größen wie Peter Brook, Claudio Abbado, Daniel Harding oder Mark Elder und trat unter anderem auf in Aix-en-Provence, Tokio, New York, London und Mailand. Auf ein einzelnes Talent lässt er sich allerdings nicht beschränken. Parallel verfolgt er eine Karriere als Schauspieler und ist als Musical- und Theaterregisseur tätig. Seit 2018 ist Schenk auch Mitglied im Sprecherensemble der  Akademie für gesprochenes Wort.

Celina Rongen (Schauspiel Stuttgart)
Celia Rongen studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und war bereits während des Studiums an der Berliner Volksbühne, der Schaubühne Berlin und am Berliner Ensemble engagiert. Nach einer Station am Nationaltheater Mannheim wechselte sie mit „ihrem“ Intendanten Burkhard C. Kosminski zur Spielzeit 2018/19 ans Schauspiel Stuttgart.

Claudia Splitt
Claudia Splitt studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und Biografisches & Kreatives Schreiben an der ASH Berlin. Sie war Frontfrau der Band Madonna Hip Hop Massaker und bewegt sich als Sängerin und Performerin zwischen den Genres Theater, Film, Hörspiel und Musik. Unter ihren neuesten Projekten: Eva Meyer-Kellers Turn The P/Age (Sophiensæle Berlin) sowie AI Democracy von Till Müller-Klug & Nina Tecklenburg und High von She She Pop (beide HAU Hebbel am Ufer Berlin).

Frank Eberle (Klavier)
Der Stuttgarter Pianist, Komponist und Arrangeur studierte Jazzklavier am Hermann-Zilcher-Konservatorium Würzburg und der Musikhochschule Mannheim. Nach Stationen beim BundesJazzOrchester und Lehraufträgen an der Musikhochschule Mannheim und der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg konzentriert er sich heute auf seine internationale Karriere als freier Musiker, solistisch oder mit seiner Frank Eberle Band und dem Eberle Septett. Als weltweit aktiver Gastmusiker trat er unter anderem mit der SWR Big Band, Joo Kraus, Fola Dada, Mini Schulz, Bodek Janke, Charly Antolini oder Bruno Castellucci auf.

Daniel Kartmann (Perkussion)
Daniel Kartmann studierte klassisches Schlagzeug sowie Jazz- und Popularmusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Als Schlagzeuger, Pauker, Percussionist, Vibraphonist, Komponist, Sänger und Schauspieler ist er heute in den verschiedensten Genres unterwegs und spielt in zahlreichen Ensembles, darunter das Kartmann-Kollektiv, Ensemble Lapis Lazuli, The Great Boredom, Zeitsprung Consort, das Kammermusik-Ensemble Percorda, die Bands Tuyala, Portosol, Zakuska und Suedheim sowie die Orchester Il Gusto Barocco, Hofkapelle München, Il Capriccio und das Bayerische Kammerorchester.

STRUKTUR STAMMHEIM wird ermöglicht durch die Projektförderungen der Landeshauptstadt Stuttgart und des Landesverbands Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg (LaFT BW) e.V. Die Basis zur Entwicklung des Stücks legte eine Rechercheförderung des Kulturamts Stuttgart, Fachbereich Literatur, Philosophie.

 

 

HörKiosk der REFLEXIONSBUDE 

Ab Donnerstag, 15. Oktober
bis Sonntag, 15. November 2026
jeweils von Donnerstag bis Sonntag

auf dem Pariser Platz, Stuttgart
Preview mit Live-Elementen
Freitag, 9. Oktober um 19:30 Uhr
Akademie für gesprochenes Wort
Stuttgart

Erstellungsdatum: 26.08.2026