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Daniel Rotstein über Kai Witzlack-Makarevichs Buch „Havel fehlt uns“

Terrae incognitae

Daniel Rotstein


Die Karls-Universität, 1348 von Kaiser Karl IV. gegründet in Prag. Foto: Wikimedia Commons

Tschechien ist unser Nachbar und doch vielen Deutschen erstaunlich fremd. Zum Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse lohnt sich deshalb, über die Literatur das Land besser kennenzulernen. „Havel fehlt uns“ von Kai Witzlack-Makarevich wirft einen kundigen Blick auf die Geschichte, die Gesellschaft und die Selbstbilder des Landes. Daniel Rotstein hat es gelesen und sich mitnehmen lassen auf eine Reise, um dieses Land zu entdecken – eine Reise durch die tschechische Geschichte, von Kafka und Kundera über die deutsche Besatzung bis zu Babiš, Bier und Eishockey. 


Dass Tschechien für nicht in Grenznähe wohnende Deutsche eine terra incognita unter den Nachbarländern darstellt, kann inzwischen als Allgemeinplatz gelten, der während des diesjährigen Gastlandauftritts der Tschechischen Republik bei der Frankfurter Buchmesse sicher noch einige Male hervorgeholt wird. Daher bietet die erstmalige Kooperation der Messe mit dem Land von Kafka, Jaroslav Hašek und Milan Kundera eine gute Gelegenheit, diesen Zustand zumindest ein wenig zu korrigieren.

Als eine Art soft opening der Veranstaltungen diente bereits Mitte Juni der Abschluss des Frankfurter Lesefestes „Literaturm“ unter dem Titel „Brückenschlag über den Strom“ (gemeint war die Elbe). Hier stellte unter anderem der junge Shootingstar der Prager Literaturszene Marek Torčík seinen Debütroman „Was die Zeit nicht nimmt“ vor. In seiner schon mit Éduard Louis verglichenen Prosa schildert er eine entbehrungsreiche Jugend im industriell geprägten, grauen Osten des Landes, Welten entfernt von der Prager Postkartenkulisse. Im Panel erwähnte er eine Abhandlung über die tschechische Gesellschaft seines Freundes und Soziologen Daniel Prokop.

In „Slepé skvrny“, Blinde Flecken, beleuchtet Prokop die Klassenstruktur der tschechischen Gesellschaft, der darin zementierten Weitergabe von Armut und fehlenden Bildungschancen, die wiederum den Boden bereiten für populistische und fremdenfeindliche Politik. Hier sieht Prokop Parallelen zwischen dem Aufstieg von Donald Trump und Politikern wie Václav Klaus, Miloš Zeman und schließlich Andrej Babiš. Leider liegt das Buch bisher nur in der tschechischen Originalfassung vor. Wer sich im Vorfeld der Buchmesse auf Deutsch über die in der Gesellschaft unseres Nachbarlandes in den letzten Jahren vorherrschenden Diskurse informieren will, kommt um den Band „Havel fehlt uns: Tschechische Einblicke und Aussichten“ des Slawisten und Politikwissenschaftlers Kai Witzlack-Makarevich nicht herum. Obwohl das Buch bereits aus dem Jahr 2023 stammt, existiert keine aktuellere und umfassendere Bestandsaufnahme tschechischer Befindlichkeiten. Auch Daniel Prokops Werk wird rezipiert. Ganz allgemein macht es erstmals eine Fülle an Feuilletons in tschechischer Sprache einem deutschen Publikum zugänglich. 

In kurzen Essays, ursprünglich Blogeinträgen, deren Hintergrund jene Feuilleton-Texte bilden, behandelt Witzlack-Makarevich das Verhältnis der Tschechen zu praktisch sämtlichen in der öffentlichen Debatte der vergangenen Jahre behandelten Themen: Ihrem Bier, dem Volkssport Eishockey, den ethnischen Minderheiten der Roma und Vietnamesen, dem slowakischen Schwestervolk, ihrer gefährlichen Straßenverkehrskultur oder ihrem ambivalenten Blick auf die zwischen historischem Glanz und Disneyland-Verschnitt oszillierende Hauptstadt Prag. Durch das gesamte Werk zieht sich das Interesse des Sprachwissenschaftlers an linguistischen Merkwürdigkeiten (wie einige wörtlich aus dem Deutschen übersetzte Formulierungen, die Sprechern anderer slawischer Sprachen Kopfzerbrechen bereiten), aber es liegt ein deutlicher Fokus auf den zahlreichen und immer noch überraschend intensiv schwelenden Debatten zur tschechischen Geschichte.

Sie beginnen bei bis heute bestehenden Meinungsverschiedenheiten um die Schlacht am Weißen Berg von 1620, die einen zentralen Stellenwert in der tschechischen Nationalerzählung einnimmt. Nur ist es laut Witzlack-Makarevich äußerst fraglich, ob hier wirklich Tschechen gegen Deutsche kämpften, wie oft kolportiert, oder nicht vielmehr zwei bunt zusammengewürfelte Söldnerheere. Auch, ob sich die siegreichen Habsburger, für die folgenden 300 Jahre Herrscher über Böhmen und Mähren, wirklich als Agenten einer „Germanisierung“ verstanden, steht in Zweifel.

Noch ernsthaftere Streitpunkte bestehen um die Einordnung der tschechischen Reaktion auf die Besetzung durch Nazideutschland ab 1938: So wird noch immer darüber debattiert, ob die tschechische Exilführung um Edvard Beneš gut daran tat, das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren Reinhardt Heydrich zu unterstützen. Es war vorauszusehen, dass dies fürchterliche Vergeltungsaktionen nach sich ziehen würde, denen schließlich schätzungsweise 3000 Menschen zum Opfer fielen. Die Namen der hierbei ausgelöschten Dörfer Lidice und Ležáky sind heute in Tschechien zusammen mit Theresienstadt Chiffren für den Naziterror. Hitler hatte noch wesentlich umfangreichere Tötungswellen angeordnet, wurde aber von Staatssekretär Karl Hermann Frank mit dem Argument umgestimmt, dass Tschechien Deutschland recht reibungslos mit Rüstungsgütern versorgte, was durch den geplanten zehntausendfachen Mord in Gefahr geriete. Dies berührt die zentrale Konfliktlinie der jüngeren tschechischen Geschichte, die zwischen Kollaboration und Widerstand. So ist es heute noch Gegenstand der Debatte, ob sich die Tschechen mit ihrem erst am 5. Mai 1945 begonnen Prager Aufstand zu lange zu passiv zeigten, oder eine früher gestartete Auflehnung wie in Warschau ins Verderben geführt hätte. Der Vorwurf eines zu passiven Nationalcharakters begleitet laut Witzlack-Makarevich die Tschechen in der Auseinandersetzung mit sich selbst auch durch die Jahre der kommunistischen Diktatur, der zwiespältigen neunziger Jahre bis hinein in das heutige von Babiš und Petr Pavel regierte Land.

Dementsprechend bewegen sich fast alle der heute als zentrale Persönlichkeiten der tschechischen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte gesehenen Figuren in eben jenem Spannungsfeld. Ob es um Beneš geht, dessen Nachfolger während der deutschen Okkupation Emil Hácha, der je nach Sichtweise als Verräter oder Bewahrer des tschechischen Volkes gilt, oder die umstrittenen Beweggründe Milan Kunderas, auch nach dem Fall des Kommunismus nicht in sein Heimatland zurückzukehren; dem Autor geht es stets darum, die komplexen Graustufen in der moralischen Einordnung von Personen und Geschehnissen zu finden, die im politischen und gesellschaftlichen Diskurs meist unterschlagen werden. In diesem Sinne beleuchtet Witzlack-Makarevich auch den schwierigen Umgang der Tschechen mit der Geschichte von „Naši Němci“, „unseren Deutschen“, die seit dem 13. Jahrhundert auf Einladung der böhmischen Könige ins Land kamen und nach dem zweiten Weltkrieg zum großen Teil vertrieben wurden. 

Jene Differenzierungsfähigkeit sowie der unterhaltsame, bisweilen launige Ton, der dieses Mosaik aus Vignetten durchzieht, macht es einem leicht, dem Autor durch eine größtenteils unbekannte Kulturgeschichte zu folgen. Die schweren geschichtlichen Themen werden immer wieder aufgelockert mit amüsanten Beobachtungen wie zur allsommerlichen Beanspruchung der kroatischen Adriaküste durch tschechische Touristen als dem inoffiziellen Meereszugang ihres Landes, oder etwa zur Sprachgeschichte der Movierung weiblicher Familiennamen, wegen der unsere Ex-Kanzlerin in Tschechien als Angela Merkelová bekannt ist.

In dieser Art und Weise erhellt, beschleicht einen am Ende der Lektüre fast das Gefühl, Tschechien wieder aus der Liste der „Terrae incognitae“ streichen zu können.

 

 

Kai Witzlack-Makarevich
Havel fehlt uns
Tschechische Einblicke und Aussichten
456 S., broschiert
ISBN: 978-3-7329-0931-5
Frank & Timme, Berlin 2023

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Erstellungsdatum: 28.09.2026