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Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg

Die Installation eines überlebensgroßen Rhinozeros füllt den gesamten Kirchenraum und versperrt den Blick auf die romanische Architektur. Aus allen Himmelsrichtungen erklingt Musik. Der in Berlin lebende israelisch/deutsche Künstler Itamar Gov hat die gewaltige interdisziplinäre Installation für den mittelalterlichen Kirchenraum im Kunstmuseum Magdeburg geschaffen.
Spätestens seit dem berühmten Stich von Albrecht Dürer ist das Nashorn (Rhinozeros) als Sinnbild imperialer Macht eng mit Europa verbunden. Mit Horn und Panzerung zog das Relikt eines Urviechs die Blicke der Schaulustigen und mächtiger Potentaten auf sich. Doch der halbblinde Mehrtonner, dickhäutig und standsicher – von den Menschen fast ausgerottet – ist aufgrund seiner sensiblen Natur auch eine Gefahr für den Menschen.
Auf dieser Ambivalenz beruht die Installation des „Rhinozeros im Raum“, verbindet historische Ereignisse, philosophische Ideen und lokale Legenden und hinterfragt die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung. Aus einer raumfüllenden Mehrkanalkomposition von Bruno Delepelaire für acht Celli (Bruno Delepelaire und Moritz Huemer) und Gesang (Noa Beinart) hören wir klassische Melodien oder ein beruhigendes Wiegenlied heraus, erkennen Textzeilen aus Goethes Erlkönig und erhaschen Klänge aus dem hebräischen Hitragut von Paul Ben-Haim. Die beiden „Welten" von Erlkönig und Hitragut bilden eine Art Dialog, ein Gute-Nacht-Lied und ein gruseliges Märchen, was ständig zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror hin- und her wechselt. Vor dem Hintergrund eines in den 1950er Jahren entstandenen Theaterstücks von Eugène Ionescos, in dem die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand steht, und der Existenz der hebräischen Formulierung „sich zu rhinocerosieren”, um den Prozess zu beschreiben, durch den Individuen und Gesellschaften autoritären Strömungen folgen und gegenüber den gewalttätigen Auswirkungen solcher Entwicklungen gleichgültig werden, wird diese Installation zu einem Projekt, das sich mit Themen wie Mythos, Autoritarismus und demokratischer Resilienz auseinandersetzt. Traum und Alptraum breiten sich im Kirchenschiff aus und verbinden sich mit dem Untertitel der Installation, die mahnend an den Ausspruch die „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt als Ausdruck totalitärer Herrschaftssysteme erinnert. Itamar Gov, geboren 1989 in Tel Aviv, lebt seit 2010 in Berlin, studierte Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte in Bologna, Berlin und Paris. Gov hat seine Arbeiten in zahlreichen Institutionen auf der Welt präsentiert und war Artist-in-Residence unter anderem an der Cité internationale des arts, dem Nordic Artists' Centre, und 2025 der Casa Baldi Rom.

Die Altistin Noa Beinart wurde 1992 in Tel Aviv geboren, absolvierte ihr Gesangsstudium an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin, war u.a. Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper und Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und engagiert am Royal Opera House Covent Garden in London sowie bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen. Bruno Delepelaire, 1989 in Frankreich geboren, begann seine musikalische Ausbildung am Pariser Conservatoire. 2012 setzte er sein Studium in Berlin fort. Als vielfach ausgezeichneter Solist und Kammermusiker ist Delepelaire seit November 2013 Erster Solocellist der Berliner Philharmoniker. Als Solist trat er u.a. mit den Nizza Philharmonikern, dem Aalborg Symphonieorchester, den Berliner Barocksolisten sowie der Bayerischen Kammerphilharmonie auf.
Kunstmuseum Magdeburg
Kloster Unser Lieben Frauen
Regierungsstraße 4-6
39104 Magdeburg
27. Januar
bis 05 Juli 2026
Erstellungsdatum: 27.01.2026