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Riccarda Gleichaufs Roman „Aussichten einer Empfangsdame“

Transitort eines Ichs

Riccarda Gleichauf


Fernand Khnopff „I lock my door upon myself“ (1891), Neue Pinakothek München. Foto: Wikimedia Commons

Riccarda Gleichauf erzählt in ihrem Romandebüt „Aussichten einer Empfangsdame“ mit scharfem Blick und feiner Ironie von der Realität prekärer Beschäftigung in einer scheinbar modernen Arbeitswelt. Der Empfangstresen wird dabei zum Transitort eines Ichs, das zwischen Anpassung und innerem Widerstand schwankt – und zum literarischen Brennpunkt einer Gegenwart, in der Bildung, Arbeit und Identität immer öfter auseinanderdriften.

 

Eine Akademikerin landet am Empfang eines Unternehmens. Überqualifiziert, existenziell abhängig und gezwungen zu permanenter Freundlichkeit wird sie zur ersten Adresse für Besucher, Lieferanten und Vorgesetzte – und zugleich zur unsichtbaren Schaltstelle eines Systems, das nach außen von „flachen Hierarchien“ spricht.

Hinter dem Tresen beginnt eine stille Beobachtung der Arbeitswelt: Gespräche, die beiläufig Machtverhältnisse offenlegen, Kolleginnen und Kollegen, die Rollen spielen müssen, Strategien des Durchhaltens zwischen Mindestlohn, Selbstdisziplin und latenter Angst vor Austauschbarkeit. Während die Empfangsdame Termine organisiert, Ausweise verteilt und Telefongespräche weiterleitet, stellt sich immer dringlicher eine Frage: Was geschieht mit einem Menschen, dessen Fähigkeiten und Bildung im Berufsalltag keinen Platz mehr finden? – Hier ein Auszug aus dem Roman:

Ein neuer Morgen

Mehr essen? Wie sollte sie in ihrem Zustand mehr feste Nahrung die Speiseröhre hinunterbekommen? Seit Wochen ernährte sie sich von püriertem Gemüse und Obst. Das musste reichen. Völlig allein als Freelancerin in ihrem angemieteten Büro, Aufträge beschaffend, verlor sie sich mehr und mehr, wie eine verletzte Ameise im emsigen Haufen. Schnell würde sie von der Arbeiterin zum Nahrungsmittel werden, wenn sie sich nicht zusammenriss, mit unterwürfiger Stimme immer wieder bestätigte, dass sie dem Befehl der Auftraggeberin von Meat Folge leisten würde.
In der U-Bahn Richtung Frankfurt Main Hauptbahnhof saß Susanne nun, zurechtgemacht nach einer schlaflosen Nacht. Hektisch Nachrichten ins Smartphone tippend, bürotrockene Lippen vom Vortag im gepuderten Gesicht. Kleine Hautfetzen darauf, die verrieten, dass sie das Streitgespräch mit Silke, der Chefin von Meat, nicht kaltgelassen hatte.

Den Haaransatz würde sie demnächst aber auch wieder nachfärben müssen. Da schaute die Originalfarbe heraus, straßenköterblond wie sprödes Gras, das lange kein Wasser gesehen hatte. Unmöglich sah sie wieder aus, im Spiegelbild des U-Bahnfensters, ein kurzer Check nur – ein langer wäre nicht zu ertragen. Auf der Straße ruhte ihr Blick, der kein neidischer war, wie zufällig auf einer schwangeren Frau; einer, der die tiefe Traurigkeit darüber ausdrückte, dass sie auch das nicht sein konnte. Ihr schlichtweg die Fantasie fehlte, sich vorzustellen, dass da etwas in ihr heranwachsen und sich dann eines Tages von ihr entfremden würde. Ein Teil von ihr sich abwenden würde, um eigenständig, abgetrennt von ihren Empfindungen, zu leiden.

Die Bäume waren über Nacht kahl geworden. Vor wenigen Tagen noch klammerten sich unzählige gelbe Blätter an dürre Äste; hatten Widerstand geleistet, sich dagegen aufgelehnt, vom nächsten Sturm davongefegt zu werden. Die Empfangsdame schaute schlaftrunken hinaus auf den Parkplatz, auf die noch vereinzelt grünen Flächen, deren Farbe vom trüben Licht fast verschluckt wurde. Eine fast durchsichtig wirkende, schmale Frau mittleren Alters trat durch die Glastür, in energischem Tonfall telefonierte sie mit einem Kunden auf Englisch. Sie hielt einen To-Go-Becher in der anderen Hand, den sie auf dem Empfangstisch abstellte, das Gespräch sogleich beendete und die Empfangsdame ohne Luft zu holen ansprach:
„Diese Smoothies, die reinsten Vitaminbomben sind das, kennen Sie den neuen Laden dort unten am Ende der Straße? Nur vegane Produkte, Säfte, Suppen, Sandwichs.“ Hektisch nahm sie wie zur Bestätigung der Qualität ihres Getränkes einen weiteren Schluck, begann zu husten, drehte sich um und lief an ihren Arbeitsplatz.
Die Frau war neu hier, wohl die Vertreterin einer Firma, die sich einen Schreibtisch im Coworking Space von Meat ergattert hatte. Wahrscheinlich eine der Eintagsfliegen, bei denen es sich nicht lohnte, sich den Firmennamen zu merken. Keine Minute später allerdings öffnete sich die Türe erneut, hohe Schuhabsätze klackerten unbeirrbar auf den Empfang zu, und ebendiese Dame reichte ihr mit einem freundlichen Lächeln ein Werbegeschenk über den Tresen. Ein filziges, verfitztes Objekt, mit dem Smartphonedisplays gereinigt werden konnten. Auf dem Produkt stand in großen, schwarzen Buchstaben: APART.

Die Empfangsdame verschwieg der Unternehmerin höflich, dass sie kein Smartphone besaß, sondern immer noch sehr an ihrem alten Klapphandy hing und deswegen kein Putzhilfsmittel brauche. Sie schämte sich in diesem Moment ihrer Nostalgie und der Treue gewissen Dingen gegenüber, die ihr Sicherheit im Leben gaben, weil sie sich schon lange auf ihre dauerhafte Unterstützung verlassen konnte. Ihr Klapphandy brauchte keine regelmäßigen Sicherheitsupdates, um zu funktionieren, gab nicht einfach den Geist auf, weil es älter als fünf Jahre war. Die Sehnsucht nach Beständigkeit in der dinglichen Welt um sie herum überraschte sie an diesem grauen Novembermorgen hinterrücks, trieb ihr die Tränen in die Augen; ausgelöst durch eine unbekannte Frau, die in ihrer freundlichen Menschlichkeit etwas Mechanisches an sich hatte, das sie unwillkürlich frösteln ließ. Gerne hätte sie jetzt einen grünen, dickflüssigen Smoothie, um zumindest ihrem Körper etwas Wärme zu geben, so tun zu können, als sei sie zumindest heute unsterblich.

An den trippelnden, leichtfüßigen Schritten erkannte die Empfangsdame, ohne aufzublicken, dass sich Norbert dem Empfangstresen näherte. Laut flötete er ihren Namen, das angestrengte Lächeln wurde herzförmig und sein ganzes Gesicht begann zu strahlen.
In der letzten Zeit war er oft völlig in Gedanken an ihr vorbeigehuscht, hatte geradeso noch ein nicht wirklich interessiertes „Wie geht’s Ihnen?“ herausgebracht. Heute kommentierte er direkt den vor ihr liegenden Lyrikband von Ingeborg Bachmann. Strömung ist eines ihrer besten, erklärte er mit melancholischem Blick. Mit meinem Mörder Zeit bin ich allein, in Rausch und Bläue puppen wir uns ein, begann er die letzten Zeilen zu zitieren, sein Blick dabei erwartungsvoll auf ihrem Gesicht. Das Blut war ihm in den Kopf gestiegen. Bis in die ausgeprägte Stirn bahnte es sich seinen Weg und die Empfangsdame wusste, er würde versuchen, sich von der tiefen Essenz der eben gesprochenen Worte für den Rest des Tages zu ernähren.
„Schreiben Sie auch eigene Gedichte?“, fragte sie scheinbar unberührt. Sie war geschult darin, ihre Gefühle zurückzuhalten, auch wenn sie Norbert in dem Moment am liebsten in den Abstellraum gezerrt hätte, nur um ihm zu zeigen, dass es ab und zu nicht schadete, gerade in seinem Alter, sich in Rausch und Bläue einzupuppen. Zu zweit dem unerbittlichen Fortschreiten der Zeit Einhalt zu gebieten.

„Früher, früher, jaaaaaaaa. Vor dem Studium, währenddessen auch noch ab und an“. Aber dann hatte er seine Frau kennengelernt, die Arbeit in der Werbeagentur begonnen, Kinder gezeugt, grübelte er weiter. Das zweite Kind war Beziehungsflickwerk gewesen, das nicht gehalten hatte. Jetzt saß er allein mit den Jungs in seinem, immerhin, großen Haus. Die Kreativität verflüchtigte sich mit dem Erwachsenwerden. Spätestens mit dem ersten Smartphone war die Voraussetzung dafür – das Empfinden kreativer Langeweile – zerstört. Ständig piepte das Teil, forderte seine Aufmerksamkeit, und wenn er sie gerade nicht geben konnte, weil ihm die Kraft fehlte, plagte ihn das schlechte Gewissen, auf die soeben erhaltene Nachricht noch nicht geantwortet zu haben. Hastig fuhr er sich durch sein kurzes, graues Haar, stellte sich für einen Moment vor, wie es wäre, den Job hinzuschmeißen, denn: Seine Gedichte waren gut gewesen, ja, richtig gut.

Wie sie dasaß, diese merkwürdige Person, die ihre kostbare Zeit seelenruhig hier am Empfang absaß und wie nebenbei Sehnsüchte in ihm weckte, welche tief in ihm vergraben lagen. Sehnsüchte nach Möglichkeiten, die lange schon verpasst waren. Der Dichter-Zug war abgefahren und hatte ihn allein gelassen in diesem öden Büro-Sicherheitskokon, hatte nicht daran gedacht, die Geschwindigkeit zu verringern, damit er aufspringen konnte. Schon gar nicht hatte er in Erwägung gezogen, anzuhalten, damit er in aller Ruhe zusteigen konnte. Aber vielleicht kam noch was, wer wusste das schon? Eben. Beschwingt von dem Gedanken, es könne ja doch jederzeit eine plötzliche Wendung des Lebens eintreten, auch wenn er nichts dafür tat, bewegte er sich durch die Eingangstür. Sein Herzschlag beruhigte sich erst wieder, als er nach kurzer Fahrt mit seinem VW Golf die Eingangstür der KITA erreichte, vor der sein jüngerer Sohn schon auf ihn wartete.

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des NeuWerk Verlags.

 

 

 

Riccarda Gleichauf
Aussichten einer Empfangsdame
Roman
Seitenzahl 172
ISBN 978-3-910300-15-6
Verlag NeuWerk 2026

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Erstellungsdatum: 11.04.2026