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Christian Geelhaar, einstiger Direktor des Kunstmuseums Basel, schrieb, dass Le sacre du printemps von Strawinsky „sans intrigue“, ohne Handlung konzipiert wurde. Die „Frühlingsweihe“ wurde vom Kostümbildner Nikolaus Roerich mit Kopien alter russischer Gewänder ausgestattet, deren „Realismus“ in scharfem Gegensatz zur innovativen Musik stand und gerade deshalb als revolutionär empfunden wurde. Die Uraufführung im Théâtre des Champs Elysées, berichtet Rainer Erd, war ein Skandal.
Irgendwie hatte Igor Strawinsky (1882 – 1971) am 29. Mai 1913, ein wunderschöner Tag in Paris, das Gefühl, es werde etwas Unerwartetes geschehen. Lange hatte er an seiner neuen Komposition „Sacre du Printemps“ gearbeitet. Die Proben mit dem ukrainischen Choreografen/Tänzer Vaslav Nijinsky (1889 – 1959) und den Ballets Russes unter Sergei Djagilew (1872 – 1929) waren nicht immer einfach gewesen, aber schließlich war er zufrieden damit, wie nach langer Probenarbeit seine Musik in tänzerische Bewegung umgesetzt worden war. Für den Abend des 29. Mai 1913 war die Uraufführung seines neuen Stücks angesetzt.
1910 hatte er mit gerade einmal 28 Jahren an der Pariser Oper Garnier einen großen Erfolg mit dem „Feuervogel“ („L’Oiseau de feu“) gefeiert, der seinen internationalen Durchbruch markierte. Das Pariser Publikum war begeistert von der russischen Exotik, die in einer märchenhaften und farbenprächtigen Inszenierung dargeboten wurde. Ein Jahr später mit „Petruschka“ („Pétrouchka“) im Théâtre du Châtelet tanzte Vaslav Nijinsky die zum Leben erwachte Jahrmarktpuppe ebenfalls zur Begeisterung des Publikums. Wer allerdings bei dieser Aufführung genau zugehört hatte, konnte merken, dass Strawinsky unterwegs war, musikalische Experimente zu wagen. Schon während der Arbeit an „Petruschka“ hatte er sein nächstes Stück im Kopf, das von einem heidnischen Opfer handeln sollte.
In dem „Bilder aus dem heidnischen Russland“ untertitelten Stück „Sacre du Printemps“ ging es nicht um eine klassische Handlung oder eine Liebesgeschichte, sondern um die Darstellung eines heidnischen Rituals. Der erste Teil, „Die Anbetung der Erde“ („L’Adoration de la Terre“), handelte von der Erweckung der Natur im Frühling als einem explosiv-gewaltigen Prozess. Da versammeln sich verschiedene Stämme, die Spiele, rituelle Tänze und Wettkämpfe miteinander austragen. In Teil zwei, „Das Opfer“ („Le Sacrifice“), verändert sich die Stimmung ins Mystische und Unheimliche. Die Gemeinschaft verlangt ein Opfer, um die Götter des Frühlings gnädig zu stimmen. Während des Höhepunkts des Stücks, „Der Opfertanz“ („Danse sacrale“), muss eine auserwählte Person so lange ekstatisch tanzen, bis sie zu Tode erschöpft zusammenbricht. Ihr Tod soll die Rückkehr des Frühlings und das Überleben des Stammes garantieren.
Die großen Themen von „Sacre du Printemps“, die mächtige und fordernde Natur und der Gedanke, dass neues Leben nur durch den Tod eines anderen entstehen kann, stellten das Heidnische als Urkraft dar. Strawinsky hatte sich als orthodoxer Christ aber keineswegs dem Heidentum verschrieben. Es kam ihm vielmehr darauf an, sich künstlerisch mit den Wurzeln menschlicher Existenz auseinanderzusetzen. So war der Komponist voller Erwartungen auf die Uraufführung seines thematisch und musikalisch revolutionären Stücks, an dem er drei Jahre gearbeitet hatte.
Der Abend versprach auch noch aus einem anderen Grund etwas ganz Besonderes für ihn zu werden. Nach langen Planungen und Bauarbeiten war im April 1913 das Théâtre des Champs-Élysées im Art Deco-Stil eröffnet worden. Nachdem Paris viele Jahre lang in der Opéra Garnier und in der Opéra Comique eine klassische Aufführungsstätte besaß, war der Wunsch beim Pariser Publikum und seinen wohlhabenden Unterstützern aufgekommen, ein ganz neues, modernes Konzerthaus zu bauen. Als das Théâtre des Champs-Élysées, bis heute als Meilenstein der Architekturgeschichte gefeiert, am 31. März 1913 eröffnet wurde, hatte es auf dem Weg dahin eine Reihe von Skandalen, Rechtsstreitigkeiten und technologischen Neuerungen hinter sich gebracht.

Der Streit begann bereits in der Planungsphase. Der ursprünglich vorgesehene Architekt, Henry van de Velde (1863 – 1957), wurde wegen Schwierigkeiten mit dem Baugrund von der Baufirma Auguste Perret (1874 – 1954) verdrängt. Als das Gebäude schließlich fertig war, kam es zu einem Rechtsstreit darüber, wer der Urheber dieses Gebäudes ist. Zum Streit kam es auch, als das Gebäude von der Presse erstmals besichtigt wurde. In einer Zeit, in der Paris vom prunkvollen Stil der Beaux-Arts (wie der Opéra Garnier) geprägt war, wirkte die schlichte, fast karge Fassade aus Beton und Marmorplatten für viele schockierend modern. Kritiker verspotteten das Gebäude als „Zeppelin-Hangar“. Zudem war es das erste öffentliche Gebäude in Paris, das komplett aus Stahlbeton errichtet worden war und es wenig Erfahrungen mit dieser Art des Bauens gab. Die Herausforderung bestand darin, die riesige Kuppel und die weiten Säle ohne sichtbare Stützpfeiler zu realisieren, um die Sichtlinien zu optimieren – ein riskantes Unterfangen für die damalige Baustatik.
Am 29. Mai 1913, zur Uraufführung von Strawinskys Stück, hatte das Pariser Publikum schon eine Reihe von Diskussionen über das neue Gebäude hinter sich und blickte gespannt darauf, wie die erste Uraufführung eines Strawinsky-Stücks dort sein werde. Als der 38-jährige, damals noch wenig bekannte Dirigent Pierre Monteux (1875 – 1964) den Taktstock mit Blick auf den ersten Fagottisten hob und ihm den Einsatz für sein 40 sekundenlanges Solo gab, nach dem Flöten, Oboen, Englischhorn, Klarinetten und die weiteren Fagotte einsetzen, bevor das volle Holzbläserensemble den Klang auffüllt, hatte sich bereits ein leichtes Lachen und Spötteln im Saal breit gemacht. Die Töne, die das Publikum vernahm, waren zu ungewohnt. Gleichermaßen der Klang, nachdem alle Holzbläser zusammengefunden hatten, der weder einen Moll- noch einen Durakkord darstellte, sondern aus vielschichtigen Elementen bestand, bei denen mehrere Tonarten gleichzeitig präsent waren.

Der Dirigent, der die sich ausbreitende Unruhe wahrnahm, dirigierte unbeeindruckt weiter. Er wusste, dass die eigentliche Provokation erst in der dritten Minute kommen sollte, die in der Partitur „Les Augures printaniers“ („Vorboten des Frühlings“) hieß. Alle Streicher spielen dieselben Töne in massiven Abwärtsschlägen, so dass ein hämmernder Klang entsteht, der sich nicht mehr wie der eines klassischen Orchesters anhört, sondern wie von einer Rhythmusmaschine erzeugt, die menschliches Stampfen imitiert. Die zuckenden Bewegungen der Tänzer verstärkten visuell den akustischen Eindruck. Mit zunehmender Lautstärke des Orchesters nahmen die Zwischenrufe des Publikums zu. „Scandaleux“, „incroyable“, „ce n’est pas possible“ tönte es im großen Saal, der mit seinen knapp 2000 Plätzen restlos ausverkauft war. Pierre Monteux machte unbeeindruckt weiter. Er wusste, dass er noch gut eine halbe Stunde vor sich hatte, die er durchstehen musste, wenn die Uraufführung nicht abgebrochen werden sollte.
Weniger souverän trat Choreograf Vaslav Nijinsky auf. Als mit zunehmendem Lärm im Zuschauerraum, bei dem es auch zu ersten kleinen Handgreiflichkeiten kam, die Tänzer unsicher wurden, weil sie das Orchester nicht mehr exakt hören konnten, sprang Nijinsky an die Seitenrampe der Bühne und brüllte seinen Tänzern die Taktzahlen zu, damit sie synchron mit der Musik agieren konnten. Strawinsky, der hinter Nijinsky stand, hielt ihn am Rock fest, weil er befürchtete, dieser könne sich von der Bühne aus mit dem tobenden Publikum anlegen. So hatte sich Strawinsky seine Uraufführung wahrlich nicht vorgestellt.
Die Ereignisse überschlugen sich. Traditionalisten, deren Erwartungen restlos enttäuscht wurden, schrien nicht nur Anhänger moderner Musik (zu denen Maurice Ravel gehörte) an, sondern ließen sich auch zu körperlicher Gewalt verleiten. Eine feine Dame der Gesellschaft soll einem Nachbarn eine Ohrfeige gegeben haben. Männer tauschten in ihren Logen Visitenkarten aus, um den Streit später mit dem Degen weiterzuführen. Theaterdirektor Gabriel Astruc (1864 – 1938) versuchte, die Menge zu beruhigen, indem er das Licht im Saal abwechselnd an und ausschaltete, was das wild gewordene Publikum aber nicht sonderlich beeindruckte. Nur Dirigent Pierre Monteux blieb äußerlich gelassen, dirigierte das Stück ungerührt bis zum letzten Takt und begründe dies später damit, er habe die Anweisung gehabt, unter keinen Umständen aufzuhören.

Nachdem er das Stück mit dem Orchester gut zu Ende gebracht hatte, griff die zwischenzeitlich herbeigerufene Polizei ein und versuchte, die Ordnung im Saal wiederherzustellen. Es gelang ihr zwar, die physischen Auseinandersetzungen zu beenden, die verbalen Attacken allerdings waren damit nicht zu Ende. Die Bilanz des Abends: 27 verletzte Musikliebhaber. Es wird berichtet, dass Strawinsky, Nijinsky und Impresario/Geschäftsmann Diaghilev, der das Ganze in Szene gesetzt hatte, in dieser Nacht erschrocken, aber auch zufrieden mit einer Kutsche im Bois de Boulogne unterwegs waren. Diaghilev soll gemurmelt haben: „Genau das, was ich wollte“.
Für die Pariser Presse war der Abend ein großes Geschenk. Sie stürzte sich am nächsten Tag voller Begeisterung auf das Ereignis. Aus dem Titel des Stücks „Sacre du Printemps“ wurde „Le Massacre du Printemps“, eine Formulierung, die noch heute gerne von Dirigenten schmunzelnd gebraucht wird, wenn sie vor einem Konzert eine kleine Ansage machen. Die Meinungen in der Presse waren so gespalten wie im Publikum. Kritiker bezeichneten die Musik als „barbare“, „bruyant“ und „laide“, während Verteidiger, vor allem junge Künstler und Intellektuelle, sofort erkannten, dass sie an der Uraufführung eines Meilensteins der Musikgeschichte teilgenommen hatten. Maurice Ravel (1875 – 1937), der 1907 mit seinem Liederzyklus „Histoires naturelles“ ebenfalls einen Skandal herbeigeführt hatte, rief während der Aufführung erzürnten Kritikern „brillant“ entgegen. In den Pariser Salons war in den nächsten Tagen der Abend im Théâtre des Champs Élysées Gesprächsthema Nummer eins und Strawinsky über Nacht der berühmteste und berüchtigtste Komponist der Welt.
Die vielen öffentlichen Reaktionen auf den skandalösen Abend hatten zur Folge, dass in den nächsten Vorstellungen das Pariser Publikum weitaus gelassener gegenüber der neuen Musik auftrat. Als Dirigent Pierre Monteux das Werk ein Jahr später, am 05. April 1914, im Casino de Paris ohne Ballett aufführte, soll Strawinsky nach dem letzten Ton auf den Schultern des Publikums aus dem Saal getragen worden sein. Die Menschen hatten verstanden, dass das, was sie vor einem Jahr noch als Krach bezeichnet und ausgebuht hatten, der Beginn einer neuen musikalischen Ära war.
Wenig später, am 28. Juli 1914, genau einen Monat nach dem Attentat von Sarajevo auf den österreichisch – ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, erklärte Österreich – Ungarn Serbien den Krieg. Damit begann ein vierjähriges militärisches Gemetzel, an dessen Ende eine neue Ordnung in Europa stand. So war der größte Skandal der Musikgeschichte auch ein Vorbote dessen, was politisch in Europa passieren sollte.
Erstellungsdatum: 08.06.2026