MenuMENU

zurück

Martin O. Kochs Roman „Das Riff der verlorenen Fische“

Unsanfte Fantasie

Ewart Reder


Fischernetz. Foto: Pixabay

Wer auf den paradiesischen Philippinen eine Tauchschule eröffnen will, wird mit einem Problem konfrontiert, bei dem es um die Existenz geht. Wenn die Fischer von ihren Erträgen nicht mehr leben können, greifen sie zum Raubbau an den Fischen. Das ökologische Gleichgewicht geht verloren und damit den Tauchern das Unterwasserparadies. Ewart Reder hat Martin O. Kochs realistischen Roman gelesen und kritisch besprochen.

 

Nach wie vor ist die Frankfurter Buchmesse das größte, weil konzentrierteste Literaturevent in Deutschland. Vor allem international begegnet man hier einer beeindruckenden Zahl wichtiger Autor:innen. Ist auch noch der Ehrengast ein literarischer Exot, will heißen weit weg von Frankfurt am Main und dem deutschen Lesepublikum, dann weitet der Frankfurter Blick auf die Welt sich unweigerlich. Die Philippinen, das diesjährige Gastland, mussten nur hier sein, um sich interessant zu machen. Sie sind es. Sie werden viele Messebesucher noch auf Jahre hinaus beschäftigen.

Gut, dass es einen deutschsprachigen Roman gibt, mit dem man die ferne Inselwelt bereisen kann. Der Schweizer Martin O. Koch hat ihn geschrieben. Mitteleuropäische Leser:innen führt er behutsam in die fremde Kultur ein, indem er seinen Schweizer Protagonisten dorthin entsendet mit dem Plan, eine Tauchschule zu übernehmen. Zürcher Geschäftssinn und Abenteuerlust treffen auf märchenhafte Unterwasserwelten, eine beeindruckende Mentalität und – ja, vom ersten Moment an auch das – ein Skandalon krasser Armut. Was dem europäischen Aussteiger in der Fremde widerfährt, was dem exotischen Küstenbiotop von verschiedenen Seiten droht, alles hat zu tun mit sozialer Ungleichheit im Weltmaßstab. Indem der Roman davor seine Taucherbrille nicht verschließt, wird er zum Pionier eines Problembewusstseins, das sich längst als planetarisch begreifen muss. Zugleich setzt er um, was die philippinische Senatorin Loren Legarda bei Eröffnung der Buchmesse als Literaturprogramm ihres Landes vorstellte. „Fantasie beseelt die Luft“, das offizielle Motto des Gastlandauftritts, kommentierte Legarda so: „Fantasie kann bedrohlich, ja, sie darf nicht sanft sein. Ihr Feuer erhellt dunkle Ecken, in denen sich Ungerechtigkeit verbirgt.“

Ein „Prolog“ des Romans verrät, dass die Handlung mörderische Verwicklungen beinhalten wird. Dann wird der Erzählmotor zunächst gedrosselt. Mit dem Protagonisten – spitznamens Polo, nach dem Weltreisenden Marco Polo – trifft man auf einer der 7641 Inseln ein, aus denen die Philippinen bestehen. Man erlebt die geschäftlichen Anfänge der kleinen Tauchschule, die Polo übernimmt, lernt nebenbei Land und Leute kennen und kommt Letzteren unmerklich näher, bis man erkennen muss: Sie leben von der Hand in den Mund, können vom Ertrag ihrer Fischerei keine ungeplante Arztrechnung bezahlen, sind fürs Überleben gezwungen, Raubbau an den Fischen und den sie beherbergenden Korallenriffen zu treiben. Dass sie so ihre Existenzgrundlage zerstören und dass eine Tauchschule von derselben Ressource lebt, verdeutlicht der Roman in einem multiperspektivischen Verfahren, wechselweise von Polo und dem Fischer Ruben erzählend. Sind Konflikte da schon programmiert, wird die Angelegenheit noch komplizierter durch Aktivitäten einer islamistischen Terrormiliz.

Man kann den Eindruck haben, als mache Martin O. Koch Anleihen bei einem Roman von Juli Zeh, einem ihrer besten: „Nullzeit“. Das multiperspektivische Erzählen ist da ebenso zu finden wie Kochs vordergründiges Hauptthema, das Tauchen. Bewegungen durch die Unterwasserwelt fördern in beiden Texten die Spannung und reduzieren Konflikte zwischen Figuren auf archaische Grundmuster. „Unter Wasser“, heißt es bei Zeh, „waren die Beziehungen einfach, Bedürfnisse eindeutig und Reaktionen radikal. Wer zehn Meter in die Tiefe tauchte, reiste zugleich zehn Millionen Jahre in der Evolutionsgeschichte zurück – oder an den Anfang der eigenen Biographie. Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm. Ohne Sprache keine Begriffe. Ohne Begriffe keine Begründungen, ohne Begründungen kein Krieg. Ohne Krieg keine Angst. Nicht einmal die Fische fürchteten uns.“ In beiden Romanen wird das Idyll bald bedroht durch abgründige Verhaltensweisen der Beteiligten, bei Koch zusätzlich durch deren Interessen, definiert von einem kurzsichtigen Blick auf die Folgen des eigenen Tuns. Dass der Autor am Ende die Tragweite, auch Tragik des Geschehens vollständig in den Blick nehme, darf bezweifelt werden. Wie die bitterarme Bevölkerung der Insel überleben soll, wenn sie erst von einem Naturschutzgebiet umgeben ist – Ziel von Polo und seiner aktivistischen Verbündeten Eileen – erschließt sich nicht. Und die politischen Verhältnisse in dem Spätentwicklerland Philippinen, wo der Umweltschutz nur subsidiäre Kompetenzen hat, wenn ‚wichtigere‘ Ministerien sich für unzuständig erklären, bleiben ungenannt.

Das muss allerdings kein Webfehler des Textes sein, der die Lesenden schrittweise und en passant in die Umweltproblematik einführt, sie als mündig Mitdenkende braucht und gut daran tut, keine fertigen ‚Lösungen‘ anzubieten. Stattdessen schildert Koch anschaulich, wie die Kulturen der Easterners und Westerners aufeinandertreffen. Den Lesenden und sich selbst werden beide Seiten dadurch verständlicher. Auch Reflexionen sind eingestreut, die zum Nachdenken anregen, wie diese Erklärung aus dem Mund der Filipina Eileen: „Die Familie im weiteren Sinne, das Beziehungsnetz, steht in der philippinischen Kultur an oberster Stelle, und niemand würde etwas gegen die Interessen eines Verwandten oder engen Bekannten unternehmen. Deshalb wird hier auch kaum ein Delinquent verpfiffen. Die Leute halten zusammen, wie Pech und Schwefel, was ja auch seine guten Seiten hat. Bloß hat das Landesgesetz wenig Chancen gegen dieses historisch gewachsene Netz von gegenseitiger Begünstigung.“

Fazit: Wer einen spannenden, ökologisch unbedenklichen und zugleich hoch umweltbewussten Direktflug nach den Philippinen sucht, sollte dringend bei Martin O. Koch buchen.

 

 

Martin O. Koch
Das Riff der verlorenen Fische
Roman
235 S., geb.
ISBN: 978-3-86638-471-2
axel dielmann – Verlag, Frankfurt am Main 2025
  
Bestellen

Erstellungsdatum: 13.02.2026