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Norbert Rojan über die Wandlung des Henry Jaeger

Varianten einer Biografie

Norbert Rojan


Henry Jaeger. Foto: Mickey Bohnacker

Es hat sicher mit ihrer gefährlich exzentrischen Erfahrung zu tun, dass Autoren mit krimineller Vergangenheit eine besondere Anziehungskraft ausstrahlen. Hinzu kommt die Selbstermächtigung: Im Gefängnis sich schreibend aus dem „Milieu“ zu entfernen, gilt als starke emanzipatorische Leistung. Wenn die Bücher auch noch gut geschrieben sind und darüber hinaus die Neugier auf ruchlose Informationen versprechen, mag der Erfolg mit Händen zu greifen sein. Aber auch die Literatur der Gesetzlosen hat ihre Konjunktur. Der Schriftsteller Henry Jaeger ist durch Höhen und Tiefen gegangen, und Norbert Rojan hat seine Geschichte notiert.

 

Henry Jaeger, Scrittore, steht auf dem grauen Granitstein. Das ist falsch. Der, der hier auf dem Friedhof von Ascona begraben liegt, hieß Karl-Heinz Jäger, niemals Henry. Und auch das „ae“ in seinem Nachnamen hat er sich erst später zugelegt. Es schien ihm schöner, eleganter, einprägsamer und fast wie ein Pseudonym.

Eine emaillierte Fotografie auf dem grauen Findling zeigt das Konterfei eines Herren im gesetzten Alter, dem der Betrachter sofort den Beruf des Schriftstellers abnimmt. Das ist Henry Jaeger, Bestsellerautor und Verfasser von Romanen, die es bis auf die Leinwand brachten. Karl-Heinz Jäger war ein anderer. Ihm war nicht in die Wiege gelegt, einmal Autor von mehr als zwanzig Büchern zu werden. Ihn hat es auch in jungen Jahren nicht zur Kunst hingezogen, obwohl er das später, als er Henry war, gerne behauptete. Nein, er musste, 1927 geboren, wie viele aus seiner Generation in den Krieg. Von der Schulbank per Erlass in den Tod. Zunächst als Flakhelfer an der Heimatfront, später, kurz vor Ende, als Kanonenfutter gegen die anrückenden Alliierten nach Westen. Ihm und allen anderen stellte sich gar nicht die Möglichkeit des Exils. Einzig Fahnenflucht wäre ein Ausweg gewesen, ein Weg, der in der sofortigen Liquidierung enden konnte. Diese Kinder wurden von ihren fanatisch verblendeten Vätern in das unersättliche Mahlwerk des Krieges geschickt. Ihr Tod wurde als Opfer an Nation und Führer geradezu erwartet. Heute mutet es, wie so vieles in jener Zeit, wie ein heidnischer Kult gegenüber gnadenlosen Göttern an. Seine Kriegserlebnisse hat Jaeger später einmal angedeutet, indem er beschreibt, wie sie nur an den Schulterklappen des vor ihnen aufschlagenden Fleischklumpens erkennen konnten, dass dies der Korporal ihres Zuges gewesen war.

Karl-Heinz Jäger hatte Glück und überlebte. Traumatisiert kehrte er in seine zerstörte Heimatstadt Frankfurt am Main zurück. Das ihm im Krieg verliehene Notabitur war nichts mehr wert. Später gibt er auch an, dass er als renitenter Schüler zur Strafe und ohne Abschluss in den Volkssturm versetzt wurde. Dies ist nur eine von vielen Varianten seiner Biografie, die er selbst erfand. Sicher ist, dass ihm ein angestrebtes Studium verweigert wurde und er sich zunächst als Aushilfe und Tagelöhner verdingen musste. Es gelingt ihm, eine Anstellung bei der US Army zu finden. Als Laborassistent, diese Berufsbezeichnung trägt Jäger viele Jahre, bringt er sich und seine Mutter durch die Nachkriegszeit.

Erste Schwarzmarktgeschäfte mit Penicillin bescheren ihm ein Vermögen in Form von Zigaretten, der eigentlichen Währung in der Schattenwirtschaft. Es geht verloren, wie auch seine erste Verlobung zerbricht. Jäger fühlt sich, von der jetzt demokratisch gewählten Obrigkeit, erneut betrogen. Mehr und mehr gerät er auf die schiefe Bahn. Noch sind es kleine Vergehen. Es folgen erste Festnahmen und kurzfristige Inhaftierungen. Karl-Heinz lernt schnell die Lücken in der Nachkriegsordnung zu nutzen. Mit knapp fünfundzwanzig Jahren ist er der Kopf einer Räuberbande, die Der Spiegel einmal „die klügste und raffinierteste der jungen Bundesrepublik“ nennen wird. Karl-Heinz Jäger ist, wenn nicht der König, so doch einer der Prinzen der Unterwelt. Er ist gewieft, vorausschauend und hartnäckig. Will er etwas haben, ob Beute oder Frauen, kann ihn nichts davon abbringen. Die Eiche wird er in seinen Kreisen genannt.

Einige Jahre geht es gut. Ihre Raubzüge werden von Mal zu Mal dreister. Sie suchen sich lohnende Ziele in den verschiedenen Sektoren. Die Polizei ist schlecht ausgerüstet und nicht vernetzt. Mit gestohlenen, schnellen Autos fährt ihnen die „Jäger-Bande“ einfach davon. Fingierte Alibis und gekaufte Zeugen lassen die Staatsanwaltschaft, trotz bereits bestehendem Verdacht, immer wieder ins Leere laufen. Jäger und seine Komplizen verjubeln das Geld in Bars, Bordellen und beim Glücksspiel. Es muss immer mehr und in immer kürzeren Abständen herangeschafft werden. Sie überfallen Pelzhändler und Juweliere, nicht selten am helllichten Tage. Eine Maxime gilt dabei von Anfang an: Niemals Gewalt gegen Personen einzusetzen. Das war Jägers Schwur auf Grund seiner Kriegserlebnisse.

Mitte der 1950er Jahre ist dann Schluss. Ihr letztes großes Ding, ein Banküberfall, der ihnen das Kapital für eine bürgerliche Existenz bescheren sollte, geht schief. Zwölf Jahre Zuchthaus, ein Vielfaches dessen, was ein Täter aus dem Dritten Reich damals zu erwarten hatte, werden Karl-Heinz Jäger aufgebrummt. Ein weiteres Mal fühlt er sich von der Gesellschaft betrogen. Es galt noch das Strafrecht von 1935. Dieses zielte darauf ab, den Verurteilten zu zerbrechen, seine Persönlichkeit zu zerstören. Zuchthaus hieß Rede- und Schreibverbot, Schweigehof, Einzelhaft und nicht selten körperliche Gewalt durch die Aufseher, die ihren Beruf bereits zu anderen Zeiten ausgeübt hatten.

Hinter dicken Mauern, in einer kleinen, kargen Zelle, wird aus Karl-Heinz Jäger, Henry Jaeger. Um dem drohenden Irrsinn zu entgehen, bittet Jäger den Anstaltsgeistlichen heimlich um einen Bleistiftstummel. Auf das dünne, braune Toilettenpapier, etwas anderes hat er nicht, schreibt er erste Entwürfe und Szenen eines Romans. Die eng beschriebenen Blätter steckt er wieder dem Pfarrer zu, der sie auf der Schreibmaschine transkribiert. So entsteht heimlich, ohne Wissen der Anstaltsleitung, das erste Buch Henry Jaegers, „Die Festung“. Es erscheint 1962 und wird ein Riesenerfolg. Kurze Zeit später wird es mit Martin Held und Hildegard Knef in den Hauptrollen verfilmt. Henry Jaeger darf nun offiziell schreiben. Im Gefängnis entstehen weitere Romane, die ebenfalls zu Bestsellern werden. 1964 wird er begnadigt und unter Auflagen aus der Haft entlassen.

Erich Maria Remarque, den Jaeger während eines Verlagsabends auf der Frankfurter Buchmesse kennen lernte, schwärmt ihm von Ascona vor. Dies sei der richtige Ort für einen Künstler, vor allem für Jemanden, mit seiner Vergangenheit. Er würde sehen, dies ist das Paradies auf Erden, wo er auch andere Autoren treffen und sich austauschen könnte. Es sei das ideale Umfeld für eine geschundene Seele, die nach Erholung und Inspiration dürste. Henry Jaeger lebt zunächst sporadisch, ab 1968, mit dem Ende seiner Bewährung, fest in Ascona. Er zieht mit seiner Frau Elke, die beiden hatten ein Jahr zuvor geheiratet, in die Casa Elisabetta im Sentiero Crocetta. Für Jaeger ist es die verspätete Emigration aus einem Land, das ihn seiner Jugend und einem Großteil seines bisherigen Lebens beraubt hatte. Er wird bis zu seinem Tod in der Schweiz bleiben.

Die Wandlung zum Schriftsteller, zum Künstler, ist nun endgültig vollzogen. Ein zwischenzeitlicher Absprung in den Journalismus bei der Frankfurter Rundschau und beim Stern haben sich zerschlagen. Der Erfolg als Autor bleibt Henry Jaeger in den ersten Jahren treu. Seine Bücher, die sich mit den Randfiguren der Wirtschaftswunderzeit beschäftigen, werden von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. Sein scheinbar luxuriöses Leben am Lago Maggiore bringen allerdings erste Risse in diese Beliebtheit. Plötzlich ist er ein Playboy, ein Mitglied der Hautevolee, der Schickeria. Es erscheinen Reportagen über ihn, die den ehemaligen Gangster als wohlhabenden Lebemann zeigen.

Wie um das Gegenteil zu beweisen, schreibt Jaeger ein Buch über die feine Gesellschaft von Ascona. „Der Club“, so der Titel, ist Fiktion und Parodie eines ausschweifenden Lebens innerhalb der Künstlerkolonie, in diesem scheinbaren Paradies. Alle berühmten Zeitgenossen treten darin auf, manchmal nur mit dezent geänderten Namen. Die schlichte Handlung übermalt oftmals das eigentliche Hauptthema des Buches, nämlich den Zusammenhang von Kunst und Geld, oder deren Abhängigkeit voneinander. Es zeigt Schriftsteller, Maler, Komponisten, die wie Narren vom Geldadel gehalten werden und sich diesem anbiedern. Umgekehrt beschreibt es die Leere im Leben der Besitzenden, deren materielle Welt ohne wirklichen Sinn und ohne weiteren Zweck erscheint, als ihrem Eigentum zu dienen. Das Buch wird ein Misserfolg, der erste im Schaffen Henry Jaegers. Es gibt üble Verrisse in den Feuilletons, vor allem jedoch viel Schweigen. Die Presse akzeptiert ein solches Thema von ihm nicht. Sein Metier sind Räuber, Huren und die schummrige Halbwelt in verkommenen Hinterhöfen. Er besitzt keinen Titel, der ihm erlaubt, über Kultur zu philosophieren.

Doch Henry Jaeger muss auch leben, braucht Geld, für sich und seine Familie. Inzwischen war sein Sohn Marcus zur Welt gekommen. Die Honorare der ersten Jahre sind aufgezehrt. Jaeger musste auch Forderungen von ehemaligen Opfern seiner Bande bedienen. Er beginnt Fortsetzungsromane für Zeitschriften zu schreiben, seichter Lesestoff für ein gelangweiltes Publikum. Die politischen Umwälzungen in Deutschland jener Zeit bleiben ihm fremd. Die Rebellion gegen die Obrigkeit bis hin zum gewaltsamen Terror wäre vielleicht sein Stoff gewesen. Er aber lebt distanziert und unbeteiligt in der Schweiz. Die Kritik bricht vollends mit ihm. Der einst so hochgelobte Autor, das Naturtalent, der so glaubhaft und authentisch erzählen konnte, wird nun gänzlich ignoriert. Es wird ihm der Stempel des U-Autors verpasst, des Unterhaltungsschriftstellers. Was keiner weiß, was niemand wissen durfte, ist, dass Jaeger einen Schlaganfall erlitt, der ihm komplett die Sprache raubte. Über Monate ist er nicht in der Lage, sich zu verständigen, geschweige denn zu schreiben. Zurückgezogen lehrt ihn seine Frau Elke wieder das ABC. Mit Fibeln und Spielen muss er erneut die Sprache erlernen. Die Ärzte sagen, dass er nie wieder ein Buch verfassen könne. Doch sie kennen ihn nicht. Es ist noch genügend des ehemaligen Karl-Heinz Jäger, der Eiche, in ihm. Mit unendlicher Mühe, mit großer Qual, schonungslos gegen sich und seine Frau, erlangt er sein Handwerkszeug zurück. Er diktiert erste kleinere Geschichten, dann Erzählungen, schließlich wieder einen ganzen Roman. Die Kritik schweigt, übergeht ihn, erkennt seine Leistung nicht an.

Henry Jaeger ist tief gekränkt. Allen um ihn herum gibt er die Schuld. Die Rezensenten, die einfach zu dumm sind, um ihn zu verstehen. Die Leser, die sich kein eigenes Urteil zutrauen. Seine Frau, die seine Sätze nicht in seinem Sinne niederschrieb. Er trinkt noch mehr als zuvor, bleibt nächtelang weg, wird aggressiv und handgreiflich. Nach manch überstandenen Krisen zerbricht die Ehe endgültig.

Obwohl ihm Ascona kein Glück brachte, und ein Leben an einem anderen Ort wesentlich günstiger wäre, bleibt er im Tessin. Dabei verschlechtern sich seine Lebensumstände von Jahr zu Jahr. In einer Art später Rückbesinnung, und aus mittlerweile wirtschaftlich prekären Verhältnissen heraus, widmet sich Jaeger nochmals einem sozial brisanten Thema. Er schreibt über die düsteren Lebensperspektiven der Kohlearbeiter im Ruhrgebiet. Ein letztes Mal schimmert, dank der Gewerkschaften, ein Abglanz des einstigen Erfolges auf. Das Buch wird sogar verfilmt. Doch es ist zu spät. Die Einnahmen daraus waren längst ausgegeben. Über Jahre hatte sich Jaeger von überall Geld geliehen und mit dem Versprechen auf den nächsten Bestseller einen Schuldenberg angehäuft, den er nicht mehr abtragen kann. Längst musste er das Haus mit Blick auf den See und die Promenade verlassen. Er zieht in immer kleinere Wohnungen, immer weiter weg vom Lago. Am Ende lebte er schwer krank und völlig mittellos in einem Hospiz in Locarno. Er stirbt am 7. Februar 2000. Die Gemeinde Ascona erweist ihm die letzte Ehre und stiftet ihm ein Grab auf dem Friedhof.

 

 

Die 18. Ausgabe von Frankfurt liest ein Buch:
Henry Jaeger „Jakob auf der Leiter“
Montag, 19. April, bis Sonntag, 2. Mai 2027

Frankfurt liest ein Buch

Henry Jaeger
Jakob auf der Leiter
Roman
Neuausgabe mit einem Geleitwort von Doris Lerche und einem Nachwort von Jakob Stein
B3-Verlag
Hardcover, 334 Seiten
ISBN 978-3-943758-17-7, EUR 24,90
Erscheinungstermin: 20. November 2026

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Erstellungsdatum: 21.10.2026