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Deutsch-Rapper Fler beklagt seine Isolation

„Vibeshift“ im Deutschrap?

Claus Leggewie


Fler Maskulin. Foto: Memo Filiz. wikimedia commons

Die Rapper, deren reaktionäres Reizvokabular zum geschäftsüblichen Rollenspiel gehören, geraten zwischen die Fronten, wenn sie die Konsequenzen rechtsradikaler Ideologie unterschätzen. Ist doch alles nur Show? Beileibe nicht. Patrick Losenský, Künstlername Fler, hat der FAZ ein „cooles“ Interview gegeben, das Männlichkeit und Ausländerfeindlichkeit thematisiert. Claus Leggewie kommentiert.

 

Der Deutsch-Rapper Fler alias Patrick Losenský ist seit 2000 erfolgreich im Geschäft. Doch schon 2013 beklagte der mehrfach vorbestrafte, nun langsam auf die 50 zugehende Berliner sein Schicksal, als er wegen seines Albums „Neue Deutsche Welle“ in Verdacht geraten war, ein „Nazi“ zu sein. Für solche Etikettierungen reichen Refrains wie: „Oooh! Hier kommt die neue deutsche Welle. Schrei: Oh, mein Gott. Der coolste Deutsche den ich kenne. Oooh! Ich bin jetzt der Star für's Volk. Denn ich komm' in den Club und trag schwarz, rot, gold.“ Das ist nur handelsübliche Aufschneiderei, die Fler allerdings in einer mehr als üblichen Zahl von „beefs“ mit so gut wie jedem anderen Konkurrenten und auch im eigenen, „Maskulin“ genannten Laden austrug. Die Verzweigungen – mit wem (Bushido/Sido et al.), dann gegen wen (Bushido/Sido et al.) – seiner streitsüchtigen Karriere sind kaum noch zu überblicken.

In einem Interview mit Sebastian Eder (FAZ 5.2. 2026) hat er seine, wie er es wohl sieht, Exilierung nach Zypern zu begründen versucht. Eher trivial klagt er über die hohe Steuerlast hierzulande, dann wird er substantieller: Die Deutschen mögen sich und ihr Land nicht, sie „haben das Leiden zu ihrer Identität gemacht, das Intellektuelle, das Belehrende. Aber ein cooles, dominantes Verhalten ist keine deutsche Identität mehr.“ Krass und cool zu sein, beansprucht Fler für sich, aber auch da stehen ihm Leute im Weg: „Der Zug ist abgefahren, weil 99 Prozent der neuen Rapper junge Männer und Mädels mit Migrationshintergrund sind. Denen spielt in die Karten, dass sie weiter die Coolen sind. Die nehmen die Rollen der Unterdrückten an, der Jungs und Mädels von der Straße, die sich hochkämpfen“.

Also: drohender Markteinbruch für einen weißen Rapper aus Berlin-Süd? Fler bezeugt ein interessantes Phänomen: „Ich habe selbst zu 80 Prozent Freunde mit Migrationshintergrund… Alle meine Ausländerfreunde sind rechter als ich… Die AfD ist die einzige Partei, bei der alle meine Freunde sagen, was die Wahrheit ist. Die wählen die alle. Und meine älteren türkischen Freunde gehen zu jedem im Viertel und sagen: Ihr wählt AfD.“ (Was sich mit empirischen Studien deckt.) Auf Rückfrage, warum Migranten eine erklärte Anti-Migrations-Partei wählen können, unterscheidet Fler zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen, genau wie seine türkischen Ausländerfreunde: „Wie kann es sein, dass jetzt Syrer und Afghanen in unser Land kommen, sich danebenbenehmen, sich nicht integrieren, nicht arbeiten, kriminell werden und sich asozial verhalten? Da würden die viel radikaler vorgehen und äußern das auch viel radikaler als jeder Deutsche“. Wer dachte, schlechtes Benehmen und kriminelle Pose sei das Markenzeichen des Gangsta-Rap, wird hier belehrt, dass Rapper auch nur ganz normale Spießer sind.

So richtig dazu gehört Fler aber auch nicht. Den AfD-Leuten bescheinigt der Neu-Zypriote, der per Podcast Verbindung in die alte Heimat hält, sie würden die „Realität richtig beschreiben“ und „den Menschen gerade das Gefühl (geben), dass man endlich aussprechen darf, was los ist.“ Er regt sich weniger über Clan-Strukturen auf als über das „kleinkriminelle Leben“ hierzulande. „Das große Problem ist, dass Deutschland Flüchtlinge reinlässt ohne Grenzkontrollen. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass hier die Post abgeht.“ Ob die AfD Lösungen hat, weiß er nicht, aber sie habe endlich die Schweigespirale durchbrochen.

Der Hauptantrieb eines Rappers ist aber ohnehin nicht Politik, sondern die in Beefs und Battles ausgetragene „Competition“, wer der Coolste ist. Und doch wieder: „Ich kämpfe alleine, aber die anderen kämpfen nicht allein. Damit habe ich nebenbei gezeigt, dass Deutsche anderen Deutschen nicht helfen. Die haben das Zepter schon abgegeben.“ Fler will sich von der AfD nicht benutzen lassen wie sein Kollege Kollegah, der als Felix Blume deutsch-national geworden ist. Der Grund: „Ich habe noch keine coolen AfD-Politiker gesehen.“ Aber ja zur AfD, wenn sie cooler auftritt? Die Phalanx der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ wird ihn da noch nicht zufriedenstellen.

Was lehrt dieses Interview? Das Rapper-Leben scheint hart zu sein. Interessanter sind die Gelegenheitsfenster für autoritäre Politik. Der Fetisch Maskulinität deckt sich mit entsprechenden Einlassungen Rechtsradikaler, exemplarisch der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah – „dann klappt es mit der Freundin“. Das Gros der deutschen Rapper will mit der AfD nichts zu schaffen haben, lehnt sie ab oder tritt offen gegen sie auf. Der einschlägige Chris Ares hat sich zurückgezogen, und Rechtsrock und Rap vertragen sich nicht wirklich. Fündig wird die AfD unterdessen eher bei Flers türkischen Ausländerfreunden, die als typische Reaktion der zweiten oder dritten Einwanderergeneration auf später Gekommene, hier vor allem Flüchtlinge, herabsehen und sich zugutehalten, im Unterschied zu diesen hart gearbeitet, Steuern gezahlt und Vermögen gebildet zu haben. Und generell bestätigt Fler die Mär, man dürfe „in diesem Land“ nicht mehr sagen, und wie, unbemerkt von schlappschwänzigen Eliten, „hier die Post abgeht“. Dass man fast alles sagen darf und Anzeigen wegen Beleidigung, Volksverhetzung und Diskriminierung aussitzen kann, demonstrieren freilich die Botschaften vieler Rap-Songs, deren Monotonie unterdessen von interessanteren Interpreten und Interpretinnen der Szene korrigiert wird.

 

 

Erstellungsdatum: 28.02.2026