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Ewart Reder über Armin T. Wegners „Fünf Finger über Dir“

Voll Unruhe will ich sein

Ewart Reder


Propagandaplakat zum sowjetischen 1. Mai 1929. Foto: Viktor Deni. wikimedia commons

Diktaturen existieren auf der Grundlage von Gewalt. Und zumeist wird diesem Volk, vorgeblich zum Wohle und im Namen des Volkes, Gewalt angetan. Die Frage nach der Vermeidung und der Notwendigkeit von Gewalt wird in den „Aufzeichnungen einer Reise durch Rußland, den Kaukasus und Persien 1927/28“ reflektiert, die jetzt als „Bekenntnisse eines Menschen in dieser Zeit“ neu aufgelegt werden: „Fünf Finger über Dir“ von Armin T. Wegner. Ewart Reder hat sie gelesen.

 

Russland ist aktuell nicht so das Reiseland für Deutsche. Ehrlicher Weise war das nie anders in den letzten hundert Jahren. Trotzdem fuhren Schreibende immer wieder hin, aus verschiedenen Gründen und mit verschiedensten Absichten. Eins der Bücher, die während solcher Reisen entstanden, wird demnächst hundert Jahre alt und sollte wiedergelesen werden. Verdient haben das alle Bücher seines Autors: Armin T. Wegner, schon zu Lebzeiten zwei Mal vergessen und wiederentdeckt. Heute nur noch ersteres.

Seine Reise durch die Sowjetunion (mit kurzen Appendices über deren südliche Grenze) folgt einem Muster, das die kommunistische Führung damals planvoll erzeugte: Westliche Schriftsteller bereisen das revolutionäre Land, lassen sich beeindrucken – und das Land anschließend in hellem Licht erscheinen vor westlichem Publikum. Manch ein Kollege hat das Muster umgesetzt, Wegner nicht. Obwohl er seine Reise als eigene Wandlung vom pazifistischen Anarchisten zum Kommunisten erzählt, ist die Kritik an den vorgefundenen Verhältnissen hart und unbestechlich. Er sieht die Diktatur, die politische Verfolgung, sieht das neue Spießbürgertum, die neue „puritanische“ Moral, die ungelösten Wirtschaftsprobleme, den Antisemitismus – und ‚bekehrt‘ sich trotzdem zum Kommunismus. Warum?

Vereinfacht kann man sagen: Weil er Erfolg hat. Weil ihm gelungen ist, was weder den diversen Reformunternehmungen noch dem revolutionären Anarchismus glückte: die Macht der Besitzeliten und ihres Staates zu beenden. Mit diesem Urteil verbindet sich eine Betrachtungsweise, die heute fremdartig wirkt: ein leidenschaftliches Hingezogensein zu den unterdrückten Klassen, zu den ‚einfachen Leuten‘, zum ‚Volk‘. Dessen Leben wird als geheimnisvoller Gegenentwurf zum Individualismus der westlichen Bourgeoisie gesehen. Auch wenn Idealisierung den Blick trübt, ist das ein Ansatz, den vor allem der französische Poststrukturalismus abgeräumt hat, ohne ihn ersetzen zu können. Das, was die Unterklassen an Autonomie gegenüber den wechselnden Eliten verteidigen konnten, erfährt bei Wegner eine Wertschätzung, die außer gerecht vor allem historisch wahr ist. Die Geschichte war nie nur die der Sieger, hätte als solche zu keinem Zeitpunkt funktioniert, sondern wurde immer grundiert von den Energien, Erfahrungen und auch Kämpfen, mit denen die Masse ihren Alltag bestritten und mitunter verändert hat.

Wegners innerer Konflikt kreist um die Frage, ob für die Befreiung der Massen Gewalt eingesetzt werden darf, eingesetzt werden kann, ohne das Anliegen damit zu delegitimieren. Unter dem Eindruck des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels in der Sowjetunion entscheidet er sich knapp dafür. Nicht der „wissenschaftliche Materialismus“ der Marxisten bringt ihn dazu, sondern eine gefühlsmäßige Loyalität zu den Ohnmächtigen, die im Geschichtsprozess zu Objekten gemacht wurden und wenig Spielraum haben, sich aus ihrer Rolle zu befreien. Womit neben den Gefahren eines solchen Standpunkts zugleich die größte Stärke, die liebenswerteste Eigenschaft Wegnerscher Prosa berührt ist: ihre Gefühlstiefe, eine immerwährende Begeisterungsbereitschaft, ein Sinn für das verbindend Menschliche. Mit dieser Einstellung war Wegner zehn Jahre zuvor einer der wichtigsten Chronisten des Völkermords an den Armeniern geworden. Hier hält er aufgrund dieser Einstellung eine knifflige Balance zwischen nüchternem Blick und utopischem Glauben an das Menschenmögliche. Man mag es Ideologie nennen, wenn die KP ihre Zwangsgefolgschaft zu einer internationalen Perspektive erzog; andererseits ist es globaler Realismus, anzuerkennen, dass die Menschen überall auf der Welt die gleichen Interessen und Bedürfnisse haben. Sodass der Gruß der jungen Pioniere, fünf ausgestreckte Finger über der Stirn, Wegners Buch mit dem Titel zugleich den gedanklichen Horizont gab: „Fünf Finger hat meine Hand, / fünf Weltteile die Erde – / und ihr Wohl steht mir höher als ich.“

Das Beste an dem Buch sind die Fragen: „Ist die Liebe zum Einzelnen und die zur Gemeinschaft denn notwendig ein Widerspruch? Kann man nicht sich lieben und die Welt?“ Nichts von beidem könne man, erklärt uns die Philosophie seit fünfzig Jahren. Aber dazu muss man Schriftsteller wie Armin T. Wegner gründlich vergessen haben. Sonst sieht man den Konflikt wieder vor sich, fühlt die antagonistischen Kräfte und auch die Lösungshoffnungen. Man erlebt mit, wie die Liebe – hier die zu der jungen Komsomolzin Nadeschda – den Autor so tief erwischt, so gründlich verwandelt, dass die letzten Menschheitsfragen ungerufen mit auf dem Plan stehen und Behandlung verlangen: „Denn jede Liebe ist auch schon der Tod und der Beginn unseres Untergangs, die Selbstaufgabe unseres Ich für ein künftiges Leben.“

Ein wichtiger Teil des Berichts sind Briefe, die Wegner während seiner Reise schreibt, unter anderem an Romain Rolland, seinen bislang unangefochtenen Mentor in Sachen gewaltlose Befreiung. Da geht es zuletzt um die Frage, inwieweit revolutionäre Gewalt überhaupt ein Gegenstand der Reflexion, ein Problem mit einer argumentativ überzeugenden Lösung sein kann. Wegner sieht sie nun als Patentwerkzeug für den gordischen Knoten der Unterdrückung. So gründlich deren Abschaffung gedanklich vorbereitet werden muss, so selbstkritisch man dabei vorgehen soll, irgendwann, so Wegner, kommt der Punkt, an dem die Tat allein übrig bleibt, will man nicht aufgeben und sich mit der Rolle des beautiful loser zufrieden geben. Wie gefährlich der Gedanke ist, liegt auf der Hand; so gefährlich wie das Leben. Mir fallen Uki Jaroschek-Klarmann, ihr Adam-Institut für Demokratie und Frieden in Jerusalem und ihre Methodik des Betsavta (Gemeinsam) ein. Auch diese Leute, die Gewaltlosigkeit zum obersten Prinzip der Konfliktlösung erheben, lehren, dass bestimmte Probleme bei genauer Analyse als Dilemmata, als gedanklich unlösbar anzusehen seien. Und dass dann nur noch die Entscheidung bleibe für einen der möglichen Lösungswege, und zwar mit aller Konsequenz bis zum Ende.

Ja, „Fünf Finger über Dir“ ist ein erhebendes Buch, beinahe erbaulich, auf jeden Fall heilsam anachronistisch und wegweisend in eine hoffentlich ganz andere Zukunft. Das Reisen mag ein Erlebnismodus sein, den es dafür wiederzuentdecken gilt – nicht zu verwechseln mit dem planmäßigen Abspulen einer geographischen Phantasie, das man heute als „Reise“ verkauft an Doofe, die es exekutieren, um vor noch Döferen damit angeben zu können. Nee, es handelt sich um ein Tun, das heimlich, still und leise die Definition des Seins verändert:

„Endlich wieder unterwegs – noch ehe ich die Augen für immer schließe, werde ich das wunderbare Rauschen der Räder unter mir spüren, das schaukelnde Wiegen der Arme, mit dem einst die Mutter mich in das Leben trug. Bewegung! Bewegung! Was immer dahinter sich öffnet, wie gleichgültig im Grunde. Nur voll Unruhe will ich sein!“

Armin T. Wegner
Fünf Finger über Dir
Bekenntnisse eines Menschen in dieser Zeit 
Hrsg. und mit einem Nachwort von Michael A. Obst und Christoph Haacker
320 S., geb.
ISBN: 978-3-8353-1894-6
Wallstein Verlag, Göttingen 1931/2027 
 
Ab 2027
 
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Antiquarisch:
 
Armin T. Wegner
Fünf Finger über Dir
Aufzeichnungen einer Reise durch Rußland, den Kaukasus und Persien 1927/28,
372 S., brosch.
ISBN: 978-3872941374
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1979

Erstellungsdatum: 09.09.2026