Selten wird die Tatsache, dass sich die reale wie metaphysische Welt aus unzähligen Fragmenten zusammensetzt, so klar widergespiegelt, wie in Aribert Reimanns letzter vollendeter Oper „L`invisible“ (das Unsichtbare). Einzelne Teile für sich betrachtet, hätten weder Bedeutung noch Überzeugungskraft. Erst durch das Zusammensetzen entsteht ein faszinierendes Gesamtbild immerwährender Transformation, zu der der Tod genauso wie das Leben gehört. In der Erstaufführung der Oper Frankfurt wird es, meint Andrea Richter, sinnlich erfahrbar gemacht.
In dieser musikalischen Trilogie passiert im Sinne von Plots eigentlich nicht viel und die einzelnen Teile haben auch nicht wirklich etwas miteinander zu tun, außer der Tatsache, dass es immer um den Tod geht. Im ersten Teil wird er nicht erwartet, im zweiten Teil ist er der Ausgangspunkt und im dritten Teil kämpft man gegen ihn an. Das geschieht jeweils durch Gespräche. Und wie Gespräche nun einmal sind, verlaufen sie nicht linear vorhersehbar ab, sondern setzen sich aus Gedanken, mal abstrakter, mal konkreter Natur, Gefühlen und Wahrnehmungen unterschiedlichster Art zusammen. Genau in diesem Sinn hat Aribert Reimann seine Komposition und das Libretto angelegt: viele kleine Sequenzen, die sogar in der Instrumentalisierung ihren Ausdruck findet. Im dritten Teil kommt es zwar zu einer Vereinigung aller Instrumente und der großen Arie der Ygraine, ihrerseits ebenfalls von großen Unterschiedlichkeiten geprägt und mit einem Sprechdialog mit Tintagiles endend, dennoch bleibt der fragmentarische Charakter erhalten. Mit einer Ausnahme: die Zwischenspiele respektive -gesänge der überirdischen Counter-Wesen mit (ziemlich) zusammenhängenden Madrigalen. Die dem Leben abgeschaute Heterogenität könnte das Publikum verzweifeln lassen, wenn es Reimann nicht gelungen wäre, die Einzelteile so zusammenzustellen, dass ein Ganzes daraus entsteht. Durch die präzise musikalische Leitung, die kluge Regie und vor allem durch die fantasievolle und imponierend große, naturalistische Bühnengestaltung sowie durch ein großartiges Ensemble wird in der Frankfurter Produktion das Einzelne zum fühl- und erlebbaren Ganzen.
Ein Junge steht allein in grellem Scheinwerferlicht im großen Schwarz der Bühne. Kaum hörbare dunkle, auf Saiten klopfende Streicher, als er seine Jacke auszieht, sie zusammenknüllt und festhält. Eine Frau kommt und führt ihn fort. Zu kurzen Streichersequenzen, in die sich langsam auch hohe Töne einfügen, belebt sich die Bühne. Ein reichgedeckter Tisch wird hereingetragen, ein Kinderbettchen aufgestellt, die Frau (Mutter) von einer Krankenschwester in einen Rollstuhl gesetzt und vor eine Staffelei geschoben, wo sie beginnt ein Bild zu malen. Das des Todes, der eine Krone tragen und das Thema der gesamten Oper bestimmen wird. Mitglieder einer Familie versammeln sich um den Tisch. Ein alter, blinder Mann ertastet sich mit einem Blindenstock den Weg. „Viens ici, grandpère“ („Komm hierher, Großvater“) erhebt Enkelin Ursule als Erste die Sopran-Stimme und hilft dem Alten, seinen Platz zu finden. Man unterhält sich über die im Kindbett mit dem Tod ringende Mutter, doch die Krankenschwester beruhigt die Gesellschaft. Auch das Neugeborene liegt Tage nach der Geburt regungslos „wie eine Wachspuppe“ im Bettchen. Trotzdem wiegt man sich in der Sicherheit, dass alles gut werden wird. Das Gespräch kreist um eine Verwandte, die kommen soll, aber nicht erscheint. Nur der blinde Großvater bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Dass jemand da ist, den niemand sieht. „Wer sitzt da, da in unserer Mitte?“, die Streichersequenzen werden lauter und heftiger. „Wer ist vom Tisch aufgestanden?“ „Niemand“ lautet die Antwort der Sehenden. Sie irren: es ist „L´intruse“ (der Eindringling): der Tod. Aus dem Schnürboden senkt sich langsam ein riesiges dunkles Wurzelgewirr herab. Die malende Mutter bricht tot zusammen, das Neugeborene tut mit einem ohrenbetäubend lauten Holzbläser-Akkord seinen ersten Schrei. Leben und Tod, Anfang und Ende in derselben Sekunde und der Übergang zum zweiten Teil der Trilogie, „L`interieur“ (das Innere).
Im Bühnenraum schweben nun mehrere Inseln voller Gräser, Blumen und Bäumen, unter ihnen Wurzelwerk bis zum Boden. Naturidylle pur. Auf der Hauptinsel eine picknickende Familie, die nicht bemerkt, dass ihre älteste Tochter sich im Wasser ertränkt hat. Am Ufer erzählt ein Fremder einem Alten in einer berührenden Tenor-Arie, wie er sie gefunden und die Leiche herausgezogen hat. Sie überlegen wie sie der Familie den Tod des Kindes überbringen sollen, gerade jetzt, wo sie so glücklich auf der Insel ist. Doch Dorfbewohner haben die Tote bereits abgeholt. Die beiden Enkelinnen des Alten, Marthe und Marie, drängen ihn, die Familie endlich zu informieren und er geht zu ihnen. Währenddessen wurde auf dem früheren Esstisch die Leiche aufgebahrt. Drei Countertenöre schmücken sie mit Blumen zu sphärischem Gesang unter Harfenbegleitung.
Paukenschläge kündigen den Beginn des dritten Teils „La mort de Tintagiles“ (der Tod von Tintagiles) an. Dann Blechbläser und nach und nach erklingen (teilweise verfremdet) alle Instrumente des Orchesters. Die Inseln sind nach oben gezogen, das Labyrinth des riesigen, dunklen Wurzelwerks dominiert die Bühne. Am Rand der Hauptinsel in schwindelerregender Höhe verspricht Ygraine ihrem kleinen Bruder Tintagiles in einer langen, teils lyrischen teils von Koloraturansätzen und großen Intervallen geprägten Arie, ihn vor der Großmutter zu beschützen. Diese will den kleinen Thronanwärter töten, um die Macht für sich zu behalten. Gemeinsam mit ihrer Schwester Bellangère und dem Freund Aglovale leisten sie der (unsichtbaren) Herrscherin (der Tod ist im Französischen weiblich = la mort!) und ihren Countertenor-Dienern Widerstand. Die Wurzelwelt wird zur Kampfzone gegen die Mächte der Unterwelt, Nebelschwaden, Blitze und Donner, filmreife Apokalypse zu brüllenden, schreienden, quietschenden Instrumenten. Gruselfaktor Zehn.
Aribert Reimann verstarb vor ziemlich genau einem Jahr im März 2024, bevor er die Arbeit an seiner zehnten Oper „Das Bildnis des Dorian Gray“ vollenden konnte. Das Thema Tod begleitete ihn seit seiner Kindheit, als 1944 sein älterer Bruder in der Heimatstadt Berlin bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Ihm widmete er „L`invisible“. Den Stoff für diese aus drei Teilen bestehende Oper in einem Akt fand Reimann in drei Kurzdramen L´intruse (der Eindringling), L`interieur (das Innere) und La mort des Tintagiles (der Tod von Tintagiles) des Belgiers Maurice Maeterlinck aus dessen Feder u.a. auch das von Claude Debussy vertonte Drama Pélleas und Mélisande stammt. Reimann verklammert die drei unabhängigen Stücke durch das Thema Tod, bewahrt ihre Selbstständigkeit aber durch die sehr unterschiedliche Instrumentierung: Im ersten Teil nur Streicher, im zweiten nur Holzbläser und erst im dritten Teil das volle Orchester. In der Frankfurter Inszenierung geht die Verklammerung noch weiter: die Sänger:innen, übernehmen die Partien ihrer Stimmfächer in allen Teilen der Oper genauso wie die Schauspieler:innen und Statist:innen. Enorm viel Stoff zum Nachdenken und Interpretieren!
Foto: Monika Rittershaus
L’invisible
Trilogie lyrique
Musik: Aribert Reimann 1936—2024
Text: vom Komponisten nach Maurice Maeterlinck
Uraufführung 2017, Deutsche Oper, Berlin
Musikalische Leitung: Titus Engel
Inszenierung: Daniela Löffner
Bühnenbild: Fabian Wendling
Kostüme: Daniela Selig
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Maximilian Enderle
Großvater/ Alter/Aglovale:
Erik van Heyningen
Vater: Sebastian Geyer
Onkel/ Fremder:
Gerard Schneider
Ursule/ Marie/Ygraine:
Irina Simmes
Schwestern/Tote im Wasser:
Kaya Draganovic / Greta Simon
Dienerin: Cláudia Ribas
Mutter: Viola Pobitschka
Krankenschwester/Marthe/ Bellangère:
Karolina Makuła
Kind/ Bruder/Tintagiles:
Victor Böhme
Diener der Königin:
Iurii Iushkevich / Tobias Hechler/ Dmitry Egorov
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Weitere Vorstellungen: 5., 13., 16., 18., 26. April und 2. Mai 2025
Oper Frankfurt
Erstellungsdatum: 01.04.2025