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Rainer Erd über Stefan Müller-Doohms Buch „Frankfurt als geistige Lebensform“

„Geistige Lebensform“ ist zwar, wie so vieles in Frankfurt, eine selbstironische Bezeichnung der kleinen Großstadt, aber sie deutet an, was dort einige Jahrzehnte zu erleben war: reger Austausch der Einsichten zu Politik und Kultur sowie Offenheit für, Furchtlosigkeit, manchmal auch Respektlosigkeit gegenüber der Theorie und eine enorme Produktivität auf allen Ebenen. Einer der Biografen der Wissenschafts- und Literaturzentrale, der 80 Jahre gewordene Stefan Müller Doohm, hat in seinen Erinnerungen und Essays Persönliches eingebracht. Rainer Erd schreibt von seinem Lesevergnügen.
Gut, dass der Leiter der Sendereihe des Hessischen Rundfunks „Bildungsfragen der Gegenwart“ Stefan Müller riet, seinen Allerweltsnamen mit einem Zusatz zu versehen, weil es bei journalistischer Arbeit auf die Prägnanz und Erkennbarkeit eines Namens ankomme. Stefan Müller ist dem Rat gefolgt und heißt seitdem Stefan Müller-Doohm. Er hat sich „erst selbst seinen Namen gegeben, um sich danach einen solchen zu machen, konstatiert Laudator Wolfgang Schopf zum 80. Geburtstag von Müller-Doohm treffend.
Seitdem sind von ihm zwei dicke Biografien im Suhrkamp Verlag über Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas erschienen, in viele Sprachen übersetzt, und in anderen Büchern hat er die Frankfurter Wissenschaftsszene nach dem 2. Weltkrieg ausgeleuchtet. Wer sich heute mit Kritischer Theorie und der Kritik daran beschäftigt, kommt an Stefan Müller-Doohms Werk nicht vorbei.
Dabei hatte seine intellektuelle Entwicklung zunächst nicht ahnen lassen, dass er eines Tages einer der großen Autoren der beiden einflussreichen Frankfurter Philosophen der Nachkriegsgeschichte werden würde. Denn den jungen Müller-Doohm, 1942 in Frankfurt gegenüber dem Eisernen Steg auf der Sachenhäuser Seite geboren, zog es zunächst nach dem Studium zu der Tätigkeit, die er im Haus seines Vaters beobachtet hatte. Vater Müller betrieb in Frankfurt den kleinen Siegel-Verlag, der in seiner Taschenbuchreihe „Die Kleinode“ im Reclam-Format Klassiker von Goethe, Heine, Nitzsche, Brentano, Büchner, Hölderlin und Kleist, wirtschaftlich durchaus erfolgreich, herausbrachte. Lektor Victor Otto Stomps, der den Verlag inhaltlich betreute, ist bis heute für Müller-Doohm eine vorbildliche Person geblieben, der ein „obsessives Interesse an zeitgenössischer Literatur“ hatte und später ebenfalls einen kleinen Verlag, die Eremitenpresse, gründete.
Müller-Doohm verbrachte angesichts der für ihn anregenden Erfahrungen die ersten Jahre seines Berufslebens ebenfalls als Lektor, beim Frankfurter Wissenschaftsverlag Fischer-Athenäum. Als Anfang der Siebzigerjahre in der kleinen norddeutschen Stadt Oldenburg eine neue Universität eröffnet wurde, die sich das Reformprogramm einer einphasigen Lehrerausbildung auf das Programm geschrieben hatte, erschallte der Ruf nach einer jungen, unorthodoxen Professorenschaft durch die Bundesrepublik. Und viele zogen in die Stadt, die bislang keine Erfahrungen mit einem universitären Milieu gemacht hatte.
Auch Müller-Doohm ging in die Fremde, die zwar im Vergleich zu Frankfurt keine breiten kulturellen Angebote versprach, aber intellektuelle Handlungsmöglichkeiten, die traditionelle Universitäten nicht gleichermaßen boten. Als Leser der Schriften von Müller-Doohm kann man nur froh sein, dass er diesen Schritt in die Provinz tat, der vielen zunächst nicht leichtfiel. Überliefert sind Geschichten, dass Frankfurter in Oldenburg allein deshalb kurzfristig in ihre Heimat fuhren, um mit mehreren Kisten Apfelwein in die norddeutsche Provinz zurückzukehren, mit der sie dann alle „Emigranten“ versorgten.
Aber auch ein Heimweh nach vertrauten Stätten relativiert sich, wenn die neue Örtlichkeit Herausforderungen bietet, die es vergleichbar in der „Heimat“ nicht gegeben hatte. Müller-Doohm ist dafür der beste Beweis. Nicht nur hat er in seiner Oldenburger Zeit die erwähnten Großwerke geschrieben und mit Erfolg durch den Suhrkamp Verlag an eine interessierte Leserschaft gebracht. Er hat auch eine Reihe von Vorträgen und Essays verfasst, die zwar um die ihn interessierenden Themen kreisen, aber Aspekte behandelt, die in den Büchern nicht oder nur am Rande vorkommen.
Ein paar Jahre haben diese Schriften „nur“ in Zeitungen oder auf Vernissagen und anderen Veranstaltungen eine Leser- und Zuhörerschaft gefunden. Dem bücherverliebten Publikum blieben sie zumeist verborgen. Das hat der rührige Göttinger Wallstein Verlag jetzt geändert. Im Juni erschienen und mit einem vom Grafik-Team des Verlags erstellten, an Max Beckmanns berühmtem Bild „Der Eiserne Steg“ (1922) angelegtem Cover versehen, vereinigt der Band Texte von Müller-Doohm, die aus den erwähnten Zusammenhängen stammen.
Das Cover ist mehr als ein schöner Einfall des Verlags, haben doch das Bild von Max Beckmann und der Autor eine lange gemeinsame Geschichte. Gegenüber vom Frankfurter Eisernen Steg groß geworden, konnte Müller-Doohm vom Balkon der Wohnung auf die durch die Brücke geschaffene Verbindung der Stadt mit dem Stadtteil Sachenhausen von klein auf sehen. Wenngleich die Familie vor den großen alliierten Luftangriffen auf Frankfurt 1943 die Stadt verließ und in den Vordertaunus evakuiert wurde, erinnert sich Müller-Doohm gut an die Jahre seit ihrer Rückkehr 1946 an die zunächst zerstörte, dann wieder aufgebaute Brücke.
Der Eindruck war so prägend, dass er sich in einem Essay mit dem Bau der Brücke im 19. Jahrhundert und vor allem mit Beckmanns Bild intensiv auseinandersetzt. Dass Beckmann zur Zeit der Entstehung des Werks ganz in der Nähe des Autors sein Atelier hatte, war ein weiterer Anlass für die Beschäftigung. Vom Eisernen Steg aus begann Müller-Doohm sein Leben zu führen. Er blieb nach dem Fortgang aus Frankfurt sein Sehnsuchtsort.
Der Text über den Eisernen Steg ist neben einem Gespräch mit Matthias Bormuth, dem Leiter des Karl-Jaspers-Haus in Oldenburg, der persönlichste Beitrag in der Sammlung. Die anderen kreisen vornehmlich um die Person von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas sowie ihre Werke. Der große Buchgestalter Willy Fleckhaus, der das Erscheinungsbild des Suhrkamp Verlags wie kein anderer prägte, ist Gegenstand von Überlegungen am Bespiel des Bucheinbands von Adornos Minima Moralia, sein mit über 50.000 Exemplaren meist verkauftes Buch. Das keineswegs konfliktfreie Verhältnis von Adorno zu Thomas Mann anlässlich der Entstehung des Doktor Faustus gibt einen Einblick in das Konkurrenzverhalten renommierter Autoren.
Zu diesem Thema gehört auch die konfliktbeladene Beziehung von Max Horkheimer und seinem späteren Lehrstuhl-Nachfolger Jürgen Habermas. Wer diese Geschichte sowie die ersten intellektuellen Schritte von Habermas ab seinem 26. Lebensjahr noch einmal lesen will, findet reichlich Material in dem Beitrag „Von der Provinz in die Metropole am Main“. Für das Verständnis seines Werkes bedeutend ist die von Habermas erzählte Geschichte wiederholter Operationen wegen einer angeborenen Hasenscharte, die seinen intellektuellen Weg, in dem sprachliche Kommunikationen einen bedeutenden Stellenwert einnimmt, wesentlich geprägt haben. Der Beitrag umfasst eine große Lebensspanne von Habermas bis kurz vor seinem Tode im März diesen Jahres. Müller-Doohm und Habermas teilten viele Jahre Gedanken, die in ihren Publikationen Niederschlag fanden.
So ist das im Gegensatz zu Müller-Doohms üblicherweise dickleibigen Büchern schmale Bändchen von 191 Seiten eine Sammlung von Texten, aus denen einmal ein Müller-Doohm-Biograf auch dann vieles lernen kann, wenn der Autor nicht von sich erzählt, sondern sich mit seinen beiden Haupt-Herausforderern Adorno und Habermas beschäftigt. Ein Lesevergnügen ist der Band wegen der verführerisch einschmeichelnden Sprache des Autors allemal.

Frankfurt als geistige Lebensform
Erinnerungen und Essays
Stefan Müller-Doohm
192 Seiten
ISBN-10 : 3835360752
ISBN-13 : 978-3835360754
Wallstein Verlag 2026
Erstellungsdatum: 07.07.2026