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Volker Wackerfuß über Trachten als Ausdruck von Kulturgeschichte

Für den, der mit der Mode geht, gehört die Tracht ins Museum. Wenn man von einigen Regionen wie Oberbayern absieht, wo man die Traditionsgesinnung am Leibe trägt, ist das sicher auch so. Trachten mögen individuell ausgestaltet sein und zu bestimmten Anlässen angelegt werden – sie bewahren einen Entwicklungsstand der Bekleidung, der vor mehr als 200 Jahren nicht weiter auffiel. Niemand aber erwartet, dass die pittoresken, Stand und Vermögen repräsentierenden Kostüme in einen zeitgenössischen Alltag integriert werden könnten. Es sei denn, um sich von allem andern zu distanzieren. Volker Wackerfuß über Trachten und ihr Vorkommen.
In der heutigen Zeit der anhaltenden Globalisierung scheint Tracht den Charakter des Langweiligen und des Muffigen aufzuweisen. Einerseits wird oberflächlich unter Tracht die Bekleidung einer längst vergangenen Zeit verstanden, andererseits wird vorschnell Tracht einseitig mit der Kleidung des Alpenraumes, insbesondere mit dem Dirndlkleid und der Lederhose, in Kontext gesetzt.
Der Begriff Tracht leitet sich vom althochdeutschen Wort „traht(a)“ ab und bezeichnet „das, was getragen wird“, oder „die Art, wie es getragen wird“. Ungefähr bis zum Mittelalter gibt es kaum bedeutsame Unterschiede bei der Kleidung der Frauen und der Männer. Langsam entwickelt sich die Kleidung für beide Geschlechter auseinander. Zudem, eine ländliche Kleidung oder bäuerliche Kleidung, wie beispielsweise die auch heute noch bekannte Schwälmer Tracht (Schwalm, Gebiet zwischen Kassel und Marburg), existiert noch gar nicht. Im Mittelalter gibt es keine ländlichen Trachten, denn in Stadt und Land ist man gleich gekleidet. Zu jener Zeit besteht der Unterschied nicht durch den Zuschnitt, sondern nur durch das Material. Wesentliche Unterschiede treten auf, als die Städte bedeutender werden, der bürgerliche Stand anwächst, die Verschärfung der sozialen Abstufung zunimmt und auch der Einfluss der französischen, spanischen und italienischen Kleidungsformen in den Städten sich nachhaltiger auswirkt als in den Dörfern.
Zu jener Zeit stellt die bäuerliche Bevölkerung ihre Kleidung oft selbst her oder lässt sie teilweise durch Handwerker im Dorfe herstellen. Dem aufkommenden und anhaltenden schnellen Wechsel der Bekleidungsmoden in den Städten kommt die ländliche Bevölkerung nicht nach. Denn ihre Kleidung soll sich den eigenen Bedürfnissen anpassen. Diese ergeben sich aus den Bedingungen der zu verrichtenden Arbeiten, aus den Klimaverhältnissen und den Umständen der Landschaft. Erste bäuerliche Trachten entstehen im Laufe des 16. Jahrhunderts. Durch die Kleinstaatenbildung im Deutschen Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg verstärken sich die regionalen Unterschiede in der Tracht immerfort. Und der Bürger ist ständig bestrebt, sich durch die Kleidung vom (einfachen) Bauern abzuheben.

Ohne Zweifel weist letztlich die Tracht eine standardisierte Form von Bekleidung auf, die sich dem ständigen Wechsel von Mode und den damit immer wieder unterschiedlichen Schnitttechniken entzieht. Die damalige Mode und auch die heutige Mode sind eben nicht bezogen auf eine bestimmte Region, sie sind überregional. Mode kennt keine Grenzen. Bereits zu Beginn der Neuzeit zeichnet sich die städtisch-bürgerliche Mode langsam, aber dennoch zunehmend durch die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeitsstruktur der Person aus. Mit Mode wird die eigene Person in Szene gesetzt, und zugleich dient die Mode dem Ausdruck der Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Stand. Mit Mode grenzt sich das damalige entstehende und ausweitende Bürgertum ständisch ab.
Der bäuerliche Stand in seiner breiten Gesamtheit hat auch nicht die geldlichen Mittel für den schnell stattfindenden Modewechsel. In den Städten entsteht das Schneiderhandwerk, und eine Zunahme der Verfeinerung der Schnitte ist zu beobachten. Die Kleidung wird vielfältiger, und neue (oft kostbare) Stoffe werden aus dem arabischen Raum für Adel und Bürger eingeführt. Bei der ländlichen Bevölkerung dagegen erfolgt die Herstellung der Kleidung weiterhin beim Bauernstand selbst. Die Zubereitung des Flachses, das Spinnen, das Weben, das Färben des Stoffes und das Nähen der Kleider, – all diese Tätigkeiten ereignen sich oft am Wohnort beziehungsweise gar im eigenen Haus. Selbstgemachtes ist daher auch mit Gefühlswerten verbunden. Das Bewusstsein von dem Wert der eigenhergestellten, eigengeformten Bekleidung ist existent.

Die Bauerntracht ist keineswegs permanent unveränderlich, aber sie nimmt Veränderungen nur langsam und punktuell an. Manche Trachten bleiben Jahrhunderte unverändert. In der Vergangenheit sind es entweder einzelne Dinge, die sie von der Mode aufnimmt, oder es sind Veränderungen, die aus der bäuerlichen eigenen Gestaltungskraft herrühren. Diese Eigenentwicklung der bäuerlichen Kleidung beginnt im 16. Jahrhundert, unzählige Gebiete bleiben von den Modeentwicklungen unberührt. Die ländliche Bevölkerung bleibt bei ihrer alten Kleidung, die folgenden bürgerlichen Moden werden sozusagen übersprungen. Ein wichtiges Merkmal der Tracht ist, dass sie diese Beständigkeit und die soziale Form der Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Tracht will keineswegs Mode sein, Tracht will nicht modisch sein. Mode dagegen will ständig Neues inszenieren. Tracht steht vielmehr für das Gemeinsame. Die Betonung des Einzelnen und seiner Suche und Verwirklichung einer persönlichen Kleidung, eines persönlichen Ausdruckes sind der Tracht fremd. Tracht kann ausgelegt werden als eine Gruppenbekleidung. Tracht ist Ausdruck des Menschen auch nach Ordnung, nach Einordnung und der Bildung einer Gemeinschaft. Die Sucht nach Erneuerung der städtischen Mode ist ihr fremd.
In Deutschland ist es nie zu der Herausbildung einer sogenannten nationalen Tracht, einer sogenannten Volkstracht gekommen. Vielmehr ist es zur Entstehung von unzähligen regionalen Trachten gekommen, die sich voneinander sehr unterscheiden. Denn Tracht ist ein Erkenntnismittel, mit welchem die jeweiligen Besonderheiten der deutschen Bewohner regionaler Räume entziffert werden können. Es gibt viele Bücher, die den hochinteressanten Formwillen, der von der Mode abweicht, präsentieren. Diese Vielfältigkeit und Verschiedenheit deutscher Trachten (nicht Singular, immer Plural, es handelt sich stets um deutsche regionale Trachten) sind fest verankert in ihrer Unterschiedlichkeit der Landschaft und der Tätigkeiten. Deutsche regionale Trachten lassen sich immer von fremdländischen Trachten, seien es beispielsweise französische, spanische, italienische oder slawische Trachten, abgrenzen. Denn diese weisen andere Formen und Eigenarten auf. Ohne Zweifel kommt es auch manchmal zur Aufnahme von einzelnen fremden Einflüssen in die deutsche regionale Tracht, dies jedoch aber nur minimal, die deutsche regionale Wesensart wird nicht davon beeinflusst.

Es gibt unzählige deutsche bäuerlich-ländliche Trachten. Zum Abschluss seien nur einige noch kurz erwähnt. Leicht erkennbar sind die Trachten der Küste, beispielsweise die Tracht der Friesen, sei es die von der Insel Föhr, als auch jene von der Insel Amrum oder jene von Helgoland. Diesen stehen, schnell zu identifizieren, die Trachten des Alpenraumes gegenüber, beispielsweise Trachten aus dem Gebiet von Oberbayern. Dann, ebenfalls aus dem Süden von Deutschland, sind die vielen unterschiedlichen Trachten des Schwarzwaldes zu erwähnen. Im südlichsten und westlichsten Raum von Deutschland ist die interessante badische Markgräfler Tracht zu beobachten. Bei den Fränkischen Trachten sei an die auch heute weiterhin bekannte Tracht des Gebietes um Ochsenfurt und aus dem Raum Schweinfurt erinnert. Die hessischen Trachten sind bestens bekannt mit der Marburger Tracht, der Schwälmer Tracht und mit der interessanten Tracht aus der Rhön. Nicht zu vergessen sind die Trachten Nordwest-Deutschlands, in Niedersachsen, Gebiet des Schaumburger Landes, beispielsweise die Lindhorster Tracht, die auch heute mit viel Stolz und Aufwand gepflegt wird. Weiter nördlicher hat sich die Altländer Tracht gebildet. Und es sind auch Trachten aus deutschen Gebieten, die die Annektion nach 1945 erfahren haben, unbedingt zu erwähnen, vom Sudetenland die bekannte Egerländer Tracht, aus Hinter-Pommern die Weizacker Tracht und die Jamunder Tracht, Trachten aus Schlesien, zum Beispiel aus Oberschlesien, die Schönwalder Tracht, sowie Region West- und Ost-Preußen. Nicht zu vergessen sind jene deutsche Trachten aus Ungarn, beispielsweise die Donau-Schwäbische Tracht in der Region um Fünfkirchen, und deutsche Trachten in Rumänien, die Siebenbürger Tracht um Hermannstadt, als auch die von Kronstadt. Die Aufzählung könnte seitenlang fortgeführt werden.
Eine heutige Beschäftigung mit Trachten, diesem reichen volkstümlichen Gut unserer Vergangenheit, ist ein Näherkommen der symbolischen Form des Ausdruckes für kulturelle Identität und einer ursprünglichen gemeinschaftlichen Zugehörigkeit. Trachten sollten vermehrt im Interesse und der Neugierde der Öffentlichkeit stehen. Dieses unschätzbare Gut ist zu bewahren. Und – es würde auch eine Aufwertung von regionaler Identität bedeuten.
Mein herzlichster Dank sei an folgende Personen für die schnelle Beantwortung und bereitwillige Unterstützung mit Trachten-Aufnahmen ausgesprochen:
Frau Menz vom Trachtenverein Abtsroda Rhön e.V.
Herrn Schmidt vom Markgräfler Trachtenverein Kandern e.V.
Herrn Schimmelpfennig von der Trachtengruppe Lindhorst e.V.
Erstellungsdatum: 25.10.2026